Reise
Herausforderung am Klettersteig Mooserboden.
Herausforderung am Klettersteig Mooserboden.(Foto: Lisa Schwesig)
Samstag, 14. Oktober 2017

Klettersteig als Grenzerfahrung: Herzrasen an der Staumauer

Von Lisa Schwesig, Kaprun

Es geht 110 Meter hoch. Nur an einem Seil gesichert. Der Klettersteig an der Staumauer am Mooserboden im österreichischen Kaprun ist der höchste der Welt. Und der Aufstieg eine Erfahrung am persönlichen Limit.

Eine Staumauer hoch, sich an winzigen Klettergriffe haltend, nur an einem Seil befestigt: Das ist die Herausforderung, die es anzupacken gilt. Der Reisebus schlängelt sich durch das Hohe-Tauern-Gebirge. Der Weg führt uns zum Mooserboden in der österreichischen Urlaubsregion Kaprun. Bekannt ist der Ort vor allem durch den Gletscher Kitzsteinhorn als fast ganzjähriges Wintersportressort. Doch auch der Sommer bietet hier Herausforderungen. Eine der größten überhaupt: den höchsten Klettersteig weltweit an einer Staumauer zu bezwingen.

Rund um den Stausee Mooserboden gibt es viele Wander- und Kletterpfade mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.
Rund um den Stausee Mooserboden gibt es viele Wander- und Kletterpfade mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.(Foto: Lisa Schwesig)

So sitzen wir hier und fahren ins Abenteuer: meine vier Journalistenkollegen Susan, Brigitte, Christian, Robin und ich. Christian, ein erfahrener Bergsteiger und Outdoorsportler, ist bei der Auffahrt zum Klettersteig ebenso nervös wie ich. Nicht nur unsere Nerven, sondern auch das Wetter lassen uns an diesem Morgen im Stich. Der starke Regen bietet die schlechtesten Voraussetzungen für unser Kletterabenteuer an der Staumauer.

Oben angekommen legen wir mithilfe von Bergführer Markus Hirnböck das Equipment an. Nun stehe ich in meiner Klettermontur vor unserer Reisegruppe. Diejenigen, die am Boden bleiben, schauen mit Sorge aber auch Bewunderung auf uns Kletterer. Wir sind drei von sechs, die sich dem Staudamm stellen - und ich bin die einzige Frau. "Du bist eine Kriegerin", ermutigt mich Susan.

"Vertraue auf deine Schuhe"

Wir klettern 110 Meter aufwärts und 240 Meter quer.
Wir klettern 110 Meter aufwärts und 240 Meter quer.(Foto: Lisa Schwesig)

Mit allem Notwendigen ausgestattet führt unser Kletterguide Markus Christian, Robin und mich einen steilen Hügel hinunter. "Vertrau auf deine Schuhe", ruft Markus mir zu, als ich zögere. Dieser Satz wird für den Rest meines Abenteuers zu meinem Mantra. Meine Wanderschuhe brachten mich bisher über gemütliche Wege im Allgäu und durch den kalten Berliner Winter. Sie sind zwei Nummern zu groß, was beim Klettern hinderlich sein könnte. Als ich Markus darauf anspreche, bekomme ich ein zuversichtliches "Deine Schuhe sind genau richtig" zu hören. Kneifen wegen Ausrüstungsfehlern fällt also aus.

Auf dem Weg zum Klettersteig erklärt uns der Profi die Eckdaten: Unsere Klettertour geht die Staumauer am Mooserboden hinauf - 110 Meter senkrecht und 240 Meter waagerecht. Markus hat die Steigeisen und Klettergriffe selbst in die 70 Meter dicke Betonmauer getrieben. Seit fünf Jahren wollte der Skilehrer und Bergführer dieses Projekt realisieren. Vor Kurzem konnte er den Klettersteig einweihen. Eine solche Kletterstrecke an einem Staudamm kann man an nur zwei Stellen in Österreich erleben: am Mooserboden in Kaprun und am Schlegeis in Mayrhofen im Zillertal. Am Fuß der Staumauer sehen die 110 Meter weniger beeindruckend aus als vom Gipfel. Markus zeigt uns, wie wir unseren Körper am besten schützen, sollten wir abrutschen und mit dem Körper gegen die Mauer schlagen. "Im schlimmsten Fall fallt ihr hundert Meter tief". Robin, Christian und ich sehen uns unsicher an.

Flying Fox lässt Knie zittern

Nach zwei Dritteln der Strecke steigt das Spaßlevel.
Nach zwei Dritteln der Strecke steigt das Spaßlevel.(Foto: Lisa Schwesig)

Schon der Einstieg in den Klettersteig ist eine Herausforderung. Mit einer freischwebenden Seilwinde (Flying Fox) geht es zunächst über eine schneebedeckte Schlucht in Richtung Kletterwand. Markus gleitet als Erster mühelos über den Felsspalt, Robin folgt ihm. Doch schon das Einhängen der Karabiner in seinen Klettergurt bereitet ihm Schwierigkeiten. Mit ebenso viel Mühe klinke auch ich mich ein, hänge mich in mein Klettergeschirr und fliege zur ersten Plattform des Klettersteiges. Christian folgt uns fachmännisch.

Zu viert stehen wir auf dem schmalen Holzbalken. Robin verliert die Nerven und beendet das Abenteuer vorzeitig. Entschlossen dröhnt es meinem Kopf: "Vertraue auf deine Schuhe". Unsicher klicke ich die zwei Karabiner an meinem Gurt in die Führung des Stahlseils und fasse die ersten Klettergriffe. Gerade einmal die Zehen passen auf die kleinen Klettersteine. Zügig meistern wir die ersten senkrechten und waagerechten Passagen.

Wer sich dem Abenteuer stellt, hat einen tollen Blick auf den Stausee Wasserfallboden.
Wer sich dem Abenteuer stellt, hat einen tollen Blick auf den Stausee Wasserfallboden.(Foto: Lisa Schwesig)

Die Abstände zwischen den Klettergriffen an der Betonmauer werden größer. "Mache einen Zwischenschritt und stell dich mit deinen Füßen in die Wand", ruft Markus und wiederholt mein Mantra "Vertraue auf deine Schuhe". Mit den Füßen in die Betonmauer gestemmt sitzen wir nun in der Luft. Die Karabiner am Gurt halten den Körper nah an der Stahlführung.

Auf der Hälfte der Klettersteigstrecke machen wir auf einen Zwischenstopp. "Verankert euren Rasthaken", weist uns Markus an. Christian setzt sich auf das Holzbrett. Um nachher wieder hochzukommen, bleibe ich lieber stehen und genieße den Ausblick. Unterhalb vom Mooserboden erstrecken sich der Stausee Wasserfallboden und der Zeller See.

Frei schwebend in der Luft

In der nächsten Etappe geht in eine Waagerechte. Markus weist uns an, wie auf einer Slackline zu gehen. Unsere Mitreisenden jubeln. Für sie müssen wir wie Seiltänzer aussehen. Der nächste Abschnitt muss rückwärts bewältigt werden. Eng an die Mauer gedrückt versuchen wir, die Klettergriffe blind zu finden. Die letzte Passage liegt vor uns. "Wollt ihr die leichte Variante klettern oder die schwere?", fragt uns Markus. Christian und ich entscheiden uns für den schweren Pfad. An einem freischwebenden Seil müssen wir uns etwa fünf Meter entlang der Staumauer schwingen.

"Vertraue auf deine Schuhe, klicke den Gurt ein und stemme dich in die Betonwand", lauten die Anweisungen des Bergführers. Die ersten Versuche scheitern. "Lauf an der Wand zu mir und hole nochmal Schwung", ruft Christian. Nacheinander fliegen wir an der Staumauer entlang. Für den Ausstieg aus dem Klettersteig balancieren wir auf einem Stahlseil über die schneebedeckte Schlucht. Der Wind lässt das Seil heftig wackeln, doch durch das soeben freigesetzte Adrenalin bekommen wir davon wenig mit. Als wir wieder auf dem bewachsenen Felsen stehen, atme ich so schwer aus, als hätte ich die vergangenen 45 Minuten die Luft angehalten. Robin und die anderen empfangen uns jubelnd. "Respekt" ruft er uns zu und hebt seine Hand zum Abklatschen. Wir schlagen ein.

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Pressereise entstanden.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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