Reise

Reiseblog "Drei Monate in New York" Top of the Rock und dann Kalle Grabowsky

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Schon schön: Das Empire State Building und der Blick Richtung Downtown Manhattan.

(Foto: AP)

Woran denkt man bei New York? Genau, an Wolkenkratzer. Aber lohnen sich die 32 Dollar Eintrittsgeld wirklich? Ist es nicht nur eine irgendwie schon tausendmal gesehene Postkarten-Aussicht? Der Selbstversuch lehrt: auf keinen Fall.

Unser Kollege Volker Petersen berichtet derzeit für n-tv.de aus New York. Was ihn abseits der Nachrichten so beschäftigt, können Sie in seinem Reiseblog nachlesen.

Es muss ja mal sein. Jeder, der gerade einmal eine Woche in New York ist, fährt auf das Dach eines Wolkenkratzers hoch. Also, los jetzt. Bringen wir es hinter uns. In Europa überlege ich mittlerweile doppelt und dreifach, ob ich wirklich auf jeden Kirchturm steigen soll. Der Kenner mag beim Anblick von Budapest, Kopenhagen oder Freiburg von oben erbaut sein, aber für mich sieht es auch immer irgendwie gleich aus. Da die Altstadt. Da Hochhäuser. Da die berühmte Brücke. Aber das wahre Feeling kommt eher am Boden auf, aus der Nähe und nicht bei solchen Postkartenansichten. Ich mache es dann aber doch immer.

An einem Sonntagvormittag fahre ich zum Rockefeller Center. Mir wurde geraten, auf das höchste Gebäude dort zu fahren, weil es einen Vorteil hat: Man sieht auch das Empire State Building. Klug, nicht war? Anderseits sieht man vom Empire State Building auch das Rockefeller Center. Wie auch immer. Die Bahn bringt mich direkt dorthin, als ich aussteige, freue ich mich auf die (hier beschriebenen) Street-Food-Buden, denn meine innere Uhr läutet zur Mittagszeit.

Aber es ist ja Sonntag – und da haben sich die guten Schnellköche freigenommen. Stattdessen gibt es nur ein paar ranzige Hotdogstände, die längst ihren Glanz für mich verloren haben. Die kurze Idee, an einer Hotdog-Wettessen-Meisterschaft teilzunehmen, die mir vor ein paar Tagen auf der Treppe des Metropolitan Museum of Art kam, habe ich als Anfänger-Denkfehler in die Ablage "Nie wieder drüber reden" abgeschoben.

Ein skurriler Anblick

Ich gehe durch den Jimmy-Fallon-Eingang ins Rockefeller Center und besorge mir eine Eintrittskarte. Ein Aufzug fährt mich in 20 Sekunden die 70 Stockwerke zum "Top of the Rock", wie ein mit mir fahrender junger Mann seinen Reisebegleitern sagt, nachdem er die Zeit gestoppt hat. Das Dach der Aufzugkabine ist aus Glas, sodass man den Schacht darüber sehen kann. Darin leuchten viele bunte Lämpchen, dazu wird eine Musik eingespielt, wie sie in Fernsehshows erklingt, wenn ein Kandidat etwas Spannendes macht. Könnte man am Kölner Dom doch auch mal einbauen, so einen Fahrstuhl. Für den Wow-Effekt.

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Anders als vom Empire State Building oder dem One World Trade Center hat man vom "Top of the Rock" auch einen grandiosen Blick über den Central Park.

(Foto: AP)

Es ist ein diesiger Tag, die Wolken lassen alles ein wenig blass erscheinen. Vor mir erstreckt sich das Häusermeer, im Hintergrund sehe ich das richtige Meer. Ganz klein die Freiheitsstatue. Da die Brooklyn Bridge. Da das Empire State Building. Ich werde angesprochen. Ob ich ein Foto machen könnte. Ein Teenager-Mädchen fragt mich das. Sie posiert mit ihren beiden Freundinnen, sie setzen dieses begeisterte Lächeln auf, ich knipse.

Es ist wirklich hoch hier, man kann wirklich weit sehen. Auf der anderen Seite breitet sich der Central Park aus. Schön. Skurril: Man blickt von sehr weit oben auf die nicht gerade kleine St. Patrick’s Cathedral herab. Neben mir macht jemand ein Selfie und knipst vorher sein Lächeln an. Ein Mann in Lederjacke und Bart blickt über das Häusermeer. Man sieht, wie der Eindruck langsam in ihm aufsteigt, wie die Welle heranrollt und er denkt: Wow. New York. 8,5 Millionen Menschen. Mythos. Legende. Und mittendrin: Ich.

Millionen Geschichten

Das ist es also. Millionen Geschichten spielten sich dort unten ab. Spielen sich immer noch ab. Jeder einzelne Wolkenkratzer war eine Entscheidung, ein Plan, ein Traum. Es sind weit über 200. Am Horizont erheben sich die Bankentürme, allen voran der Hauptturm des neuen World Trade Centers. Er ist 1776 Fuß hoch. Da drüben ist New Jersey, auf der anderen Seite Queens, da hinten die Bronx. Das gibt es alles wirklich.

Wahnsinnig reiche Leute bauen diese Türme, bewerben sich dann als Präsident des Landes. Leute verkaufen Hotdogs zwischen diesen Wolkenkratzern, spielen Candycrush, holen sich Kaffee im Pappbecher. Nehmen die Subway, stehen Schlange beim angeblich besten Burgerladen, müssen irgendwie die Miete zahlen. Sind abends totmüde, kratzen 100 Dollar für ein Spiel der Knicks zusammen, kaufen ihren Kindern Yankees-T-Shirts. Kaufen sich Pillen, um besser durchzuhalten. Fragen sich, ob es das alles wert ist. Wie das weitergehen soll. Langweilen sich dann, wenn sie drei Tage nicht da sind. Versuchen es weiter. Ditt is' New York, würde ein Berliner sagen. Ich kann nicht mehr widerstehen. Ich mache das erste Selfie, seit ich in der Stadt bin.

Ganz unten beweist mir New York dann noch einmal aus der Nähe, dass es wirklich jede Art Mensch beherbergt. In der Subway steht plötzlich ein Mann, der wie Ralf Richter in seiner Rolle als Kalle Grabowsky aussieht, einem Gangster aus Unna, im Film "Bang Boom Bang". Und das kann ja wohl nur eins bedeuten: Ich bin genau zur richtigen Zeit ausgebrochen.

Den ganzen Blog mit vielen weiteren Einträgen finden Sie unter www.dreimonateinnewyork.wordpress.com

Quelle: ntv.de