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Martin greift nach dem Gelben Trikot 13,8 Kilometer treten wie ein Schwein

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(Foto: imago/Mario Stiehl)

Tony Martin hat noch zwei große Ziele. Gold bei Olympia und das Gelbe Trikot bei der Tour de France. Letzteres soll sich am 4. Juli erfüllen. Die Bedingungen dafür sind perfekt - nur vier kraftstrotzende Oberschenkel haben etwas dagegen.

Es kann alles so harmlos klingen: 13,8 Kilometer. Auf dem Rad. Ebenes Terrain. Eine schöne Tour. Danach in den Biergarten. Flüssige Belohnung. Herrlich. Doch es geht auch ganz anders: 13,8 Kilometer, treten im Nähmaschinenrhythmus, Puls am Anschlag, volles Risiko in allen Kurven - 17, 18 Minuten unerbittlicher Kampf gegen die Uhr. Allein. Jeden Schmerz ignorierend. Und dann? Dann gibt's die Belohnung. Ein gelbes Stück Stoff. Das wichtigste gelbe Stück Stoff der Sportwelt: Das "Maillot Jaune". Es ist der sichtbare Nachweis: Der Träger ist in dem Moment der beste Rundfahrer der Welt - zumindest wenn die Tour de France als die härteste Radrundfahrt auf diesem Planeten gilt. Und nur wenige werden das Bestreiten.

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Perfekte Haltung auf dem Rad: Tony Martin.

(Foto: imago/Eibner)

Und einer, der in diesem Jahr diesen sichtbaren Nachweis endlich einmal für sich beansprucht, ist der deutsche Tony Martin. Er will das Gelbe Trikot. Zum ersten Mal in seinen Leben. Für einen Tag - mindestens. Gerne auch für ein paar Etappen mehr. Dass er es ist bis zum letzten Teilstück in Paris tragen wird, ist Utopie. Das weiß er selbst. Zu stark sind die Anwärter für den Gesamtsieg, allen voran Chris Froome und Alberto Contador. "Meine Saison habe ich mental auf diesen Tag aufgebaut. Die Saison steht und fällt mit der Tour", sagt Martin vor dem Auftaktzeitfahren der Frankreich-Rundfahrt am Samstag im niederländischen Utrecht. Und dort ist die Gelegenheit für seine Premiere in Gelb verdammt groß. "Eine solche Chance wird es nicht mehr so oft geben." Der Kurs ist lang genug für den ausgewiesenen Zeitfahrexperten. Das topfebene Terrain wie gemalt für ein kraftstrotzendes "Tretschwein" wie Martin. Der Wetterbericht - und das ist für den Deutschen besonders wichtig - verspricht keine Überraschungen. Der Konkurrentenkreis ist klein. Sehr klein. Dafür aber besonders hartnäckig.

Schlechtes Wetter und eine Glasscherbe

Schon zweimal sagten Radsportexperten dem gebürtigen Cottbuser, der 2009 sein Debüt bei der Großen Schleife gab, beste Chance voraus, das Gelbe Trikot zu übernehmen. Und zweimal hatte irgendjemand etwas dagegen. Vor fünf Jahren ging er zum Auftakt der Tour in Rotterdam an den Start. Schlechtes Wetter verhinderten eine absolute Top-Zeit. Zwei Jahre später, in Lüttich, platzte ein Reifen. Der deutsche Topfavorit war über eine Glasscherbe gefahren. In beiden Fällen jubelte der Schweizer Fabian Cancellara. Ein Kraftpaket mit ordentlich Dynamit in den Beinen. Bis heute. Ein Herausforderer von Martin - keine Frage, auch wenn der Schweizer in dieser Saison mit Verletzungen und Krankheiten zu kämpfen hat.

Zur Person: Tony Martin

  • Tony Martin wurde am 23. April 1985 in Cottbus geboren.
  • Der gebürtige Brandenburg, der mittlerweile in der Schweiz lebt, fährt für das Team Eitxx-Quick-Step.
  • Martin ist dreifacher Zeitfahrweltmeister (2011, 2012, 2013) und fünffacher deutscher Zeitfahrmeister (2010, 2012, 2013, 2014, 2015)
  • Bei der Tour de France feierte vier Etappensiege bei sechs Teilnahme. Seine beste Platzierung im Gesamt-Klassement war ein 36. Platz - direkt bei seinem Debüt.

Der zweite große Konkurrent Martins ist Tom Dumoulin. Der Niederländer hat Martin im vergangenen Jahr schon einmal kurz gezeigt, dass sich den Namen des 24-Jährigen besser merken sollte. Zwar gewann der Deutsche das Zeitfahren auf der vorletzten Etappe der Frankreich-Rundfahrt 2014 souverän. Doch sein sechs Jahre jüngerer Kontrahent zeigte auf, Obacht: Kampf gegen die Uhr. Das kann ich! Und in diesem Jahr legt der Youngster noch einmal zu. Bei der Tour de Suisse, einem wichtigen Härtetest, für das dreiwöchige Etappenrennen in Frankreich, gewann er sowohl den Prolog, als auch das Zeitfahren.

Der Blick auf die eigene Stärke

Doch Martin selbst guckt gar nicht auf die Konkurrenz. Er vertraut auf seine eigene Stärke. Und die liegt zweifellos im Einzelzeitfahren. Das hat er am vergangenen Wochenende bewiesen. In beeindruckender Manier gewann der Quick-Step-Profi den deutschen Meistertitel in der Spezialdisziplin. "Ich bin überrascht, dass es schon so gut gelaufen ist", erklärte Martin und schiebt eine dezent formulierte, aber in ihrer Klarheit kaum missverständliche Kampfansage hinterher: "Gelb erobern und dann über die erste Woche verteidigen, das ist die Idealvorstellung. Von der Form her bin ich da, wo ich sein will", sagte Martin.

Mit dem Gelben Trikot wäre die Karriere des 30-Jährigen um ein weiteres Highlight reicher - gesättigt wäre sein Erfolgshunger danach aber noch nicht. Sein nächstes großes Ziel ist bereits formuliert: Es heißt Olympia 2016 in Brasilien. "Für mich persönlich wäre der Olympia-Sieg noch größer", sagt Martin, der bei den Spielen in London vor drei Jahren die Silbermedaille gewann. Alle weiteren Karrierepläne will er diesem Ziel bis dahin unterordnet - auch den Stundenweltrekord.

Ein Plan hat er aber bereits wieder aufgegeben: Die kurzfristige Idee, sich von seiner Paradedisziplin hin zu einem Rundfahrer mit Gesamtsiegambitionen zu entwickeln. Vor knapp zwei Jahren waren solche Gedanken aufgekommen - ausgerechnet bei der Tour de France. Doch eine gewaltige Trainingsumstellung, verbunden mit dem Risiko, es nicht zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten der leichtgewichtigen Allrounder Chris Froome, Alberto Contador und Co. zu schaffen, schreckten das Kraftpaket offenbar ab. Und so erklärte er nur gut zwei Monate später: "Wenn du irgendwo top bist, dann willst du das bleiben." Und top ist er. Sowohl in Form, als auch vorbereitet.

Bereits am Dienstag kam er in Utrecht an und setzte sich gleich noch auf den Bock. Im Feierabendverkehr fuhr er die Stecke ab, prägte sich Kurven und Gegebenheiten ein. Alles ist vorbereitet, jetzt fehlen nur noch 13,8 Kilometer zum Glück. Es klingt so harmlos.

Quelle: ntv.de