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Seine Zeit wird langsam knappAlexander Zverev sagt bemerkenswerte Sätze nach Tennis-Drama

30.01.2026, 13:29 Uhr
imageVon Andreas Thies, Melbourne
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Alexander Zverev verliert eines der dramatischsten Matches der Australian-Open-Geschichte. Doch statt wütend auf eine Fehlentscheidung zu sein, gibt sich Zverev versöhnlich und selbstkritisch. Doch seine Zeit wird knapp.

Der Weg von der Rod Laver Arena in die Umkleiden ist ein sehr langer. An den Seiten erinnern lebensgroße Fotos an die Champions vergangener Tage. Unvergessene wie Boris Becker, wie Laver, Steffi Graf, Monica Seles oder auch Roger Federer und Rafael Nadal. Wenn man aufmerksam hinschaut, sieht man auch die, die dieses Turnier nur ein einziges Mal gewannen. Die insgesamt nur einmal bei einem Grand Slam erfolgreich waren. Die vielleicht schon in den hinteren Teil des kollektiven Gedächtnisses geräumt wurden. Petr Korda, Thomas Johansson oder Sofia Kenin. Profis, die während der 14 Tage von Melbourne einen Rausch erlebten. Einen, der sie zum Turniersieg trug. Die davor und auch danach nie wieder an diese Leistungen anknüpfen konnten.

An diesen Ehrentafeln musste nun auch Alexander Zverev nach seiner dramatischen 4:6, 6:7 (5:7), 7:6 (7:3), 7:6 (7:4), 5:7-Niederlage gegen Carlos Alcaraz im Halbfinale vorbei. Er wird keinen Blick dafür gehabt haben. Der Kopf zeigte nach unten, die beiden Taschen auf den müden Schultern ruhend. Gerade war er nach fünfeinhalb Stunden mal wieder in einem großen Match als Verlierer vom Platz gegangen. Einem Match, in dem er nach zwei Sätzen wie der sichere Verlierer aussah. In das er sich wieder zurückkämpfte. Auch aufgrund körperlicher Probleme seines Gegners. Und das er am Ende doch wieder verlor.

Die immer selben Vorwürfe an Zverev

Zverev hat zu häufig Matches dieser Art verloren. In 17 Spielen gegen seine Top-10-Kollegen konnte er nur vier für sich entscheiden. Ihm werden immer wieder die gleichen zwei Dinge vorgeworfen: In den entscheidenden Momenten zu passiv zu sein und nervlich nicht in der Lage, Matches nach Hause zu bringen. Auch mit diesem Spiel konnten die Vorwürfe nicht entkräftet werden.

Der gebürtige Hamburger gab sich in seiner Pressekonferenz erstaunlich gefasst: "Es war ein unglaublicher Kampf, leider mit einem unglücklichen Ende für mich. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich nichts mehr in meinem Tank." Eine Sache bereute er kurz nach dem Match aber schon und unterstrich damit auch unabsichtlich das, was ihm gegenüber kritisiert wird: "Den zweiten Satz hätte ich gewinnen müssen. Ich habe auf den Satzgewinn serviert. Gewinne ich den zweiten und er bekommt die Krämpfe im dritten Satz, hätte das schon einen Unterschied ausgemacht."

Zverev wirkte in der Pressekonferenz seltsam versöhnlich. Getrieben von einem unbändigen Ehrgeiz gab er in den vergangenen Jahren häufig den schmallippigen, beleidigten Verlierer. An diesem Freitagabend in Melbourne sahen die Journalisten einen völlig erschöpften, aber mindestens in diesem Moment mit sich im Reinen wähnenden Halbfinal-Verlierer: "Vielleicht habe ich in zwei Tagen mehr an Emotionen, aber momentan bin ich nur erschöpft. Wir sind beide an unser Limit gegangen, und da bin ich schon ein bisschen stolz, dass ich von dem Rückstand zurückgekommen bin."

Ein Moment verändert in diesem Spiel alles

Das Match hatte lange Zeit nicht zu erkennen gegeben, dass es einen bleibenden Eindruck hinterlassen würde. Zu lange war Zverev der zweitbeste Spieler in der ausverkauften Arena gewesen. Doch von einem auf den anderen Moment änderte sich die Struktur des Matches komplett. Als Alcaraz im dritten Satz schmerzhafte Probleme im Oberschenkel hatte und daraufhin eine medizinische Auszeit zugesprochen bekam. Zverev war außer sich, schimpfte mit Supervisor Andreas Egli, der auf den Platz gekommen war, um dieses "Medical Timeout" zu überwachen. "Das ist unglaublich, er hat Krämpfe! Warum kriegt er jetzt eine Behandlung?" Profis, die über Krämpfe klagen, dürfen laut Regel nicht die Behandlungspause von drei Minuten zugestanden bekommen. Der Alcaraz behandelnde Physiotherapeut hatte aber angedeutet, dass es sich nicht um Krämpfe handelte.

Zverev wollte aber nicht, dass die Kontroverse die Dramatik des Matches überschattete: "Ich möchte ungerne jetzt darüber reden, weil das Match eines der besten der Australian-Open-Geschichte war und es nicht dieses Thema verdient." In einigen Tagen wird vielleicht die bittere Erkenntnis durchsetzen, dass es auch im vierzigsten Karriere-Grand-Slam nicht für den Titel gereicht hat. Dass es trotz körperlichen Topzustands und spielerischer Weiterentwicklung wieder nicht für einen Titel gereicht hat.

Der 28-Jährige hat sein Spiel in den letzten Jahren unübersehbar weiterentwickelt. Er fing vor drei Jahren mit Erfolg an, seinen Aufschlag umzustellen. Die Zeiten, in denen er sich auf seinen wichtigsten Schlag nicht verlassen kann, scheinen vorbei. In den vergangenen Monaten kamen dann kleine Umstellungen in der Spielweise dazu. Offensivere Grundhaltung, den Ballwechsel mit dem ersten Schlag nach dem Aufschlag beenden, die Vorhand offensiver spielen, häufiger den Weg ans Netz suchen

"Diese Zeit hätte ich besser ausnutzen müssen"

Zverev hatte in den Tagen in Melbourne Selbstbewusstsein und Ruhe ausgestrahlt. In jedem Medientermin hatte er von der Erleichterung gesprochen, endlich wieder ohne Schmerzen spielen zu können. Körperlich hatte er bis Mitte des fünften Satzes einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Dass am Ende Alcaraz fitter wirkte als er selbst, nahm er mit Fatalismus: "Er hat ja zwischendurch eine eineinhalbstündige Auszeit genommen, in der er sich quasi gar nicht bewegte." Die Selbstkritik lieferte er aber sogleich hinterher: "Diese Zeit hätte ich besser ausnutzen, die Sätze schneller gewinnen müssen."

Gegen Alcaraz und Sinner, momentan die nicht zu knackenden Rätsel bei Grand Slams, braucht es besondere Leistungen. Viele Fehler, unkonzentrierte Phasen darf man sich nicht leisten. Zu konstant spielen sie. Die wenigen Schwächephasen gilt es auszunutzen. Diese Fähigkeit geht Zverev in den entscheidenden Momenten immer wieder ab.

Die Zeit spielt gegen Zverev

Das Selbstverständnis Zverevs ist ein anderes als Halbfinals oder Finals bei den großen Turnieren zu erreichen. Er will nicht als der beste Spieler, der nie eines der vier Majors gewinnen, in die Geschichte eingehen. Er zählt sich zu Recht nach wie vor zu den besten Spielern der aktuellen Generation. Das Zeitfenster, in dem er realistisch noch eine Chance hat, einen Grand Slam zu gewinnen, schließt sich langsam, aber sicher. In den vergangenen 30 Jahren waren nur der Tscheche Petr Korda bei den Australian Open 1998 und Stan Wawrinka in Melbourne 2014 älter, als sie ihren ersten großen Titel gewannen. Die Zeit spielt gegen Zverev, auch, weil er inzwischen in einem Alter ist, in dem er sich nicht mehr zu 100 Prozent auf seinen Körper verlassen kann.

In der Pressekonferenz warf Zverev einen Blick nach vorne: "Dies ist der Saisonbeginn. Wenn ich so weiterspiele, wenn ich weiter so trainieren kann und wenn ich weiter an den Sachen arbeite, mit denen ich in der Offseason begonnen habe, glaube ich, dass es ein gutes Jahr für mich werden wird." Die Hilfe eines Mentalcoaches wird er dabei nicht in Angriff nehmen, wie er schon nach seinem Sieg in der dritten Runde gegen Cameron Norrie trotzig energisch mitgeteilt hatte: "Ich habe gemerkt, dass Psychologen für'n Arsch sind." Vielleicht ist aber gerade das der letzte Baustein, der dem 28-Jährigen noch fehlt.

Quelle: ntv.de

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