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EM-Titel für Bekh-Romanchuk Aus bitteren Tränen erwächst Gold für Ukraine

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Die neue Europameisterin.

(Foto: AP)

Aufgrund des russischen Angriffskriegs muss Maryna Bekh-Romanchuk aus der Ukraine fliehen. Bei der Leichtathletik-EM erlebt die 27-Jährige erst eine herzzerreißende Enttäuschung im Weitsprung. Am Tag danach tritt sie im Dreisprung - und gewinnt eine ganz besondere Goldmedaille.

Maryna Bekh-Romanchuk will einfach nur noch schreien. Diesmal aber nicht vor Verzweiflung, vor Ärger, sondern vor Freude. 24 Stunden, nachdem ihr im letzten Versuch des Weitsprung-Finals die sicher geglaubte Bronzemedaille entrissen wird, krönt sich die Ukrainerin zur Europameisterin im Dreisprung. Schon die 14,81 Meter aus dem ersten Versuch hätten zum Titel gereicht, im fünften Durchgang aber legt sie noch einmal, fliegt mit Hop, Step und Jump auf herausragende 15,02 Meter. Europäische Jahresbestleistung, persönliche Bestleistung - vor allem Wiedergutmachung für die bitteren Tränen, die sie am Abend zuvor geweint hat.

Es sind ergreifende Bilder, die danach von den Kameras auf der Gegengerade des Münchner Olympiastadions eingefangen werden, wo die besten Dreispringerinnen des Kontinents die Goldmedaille ausspringen. Die 27-Jährige weiß schon, als sie aus dem Sand in der Grube aufsteht, dass sie gerade einen großen Satz gemacht hat, wartet gebannt auf das Ergebnis. Als die Weite auf der Anzeigetafel aufleuchtet, brechen die Emotionen heraus aus der Frau, die in ihrem Dutt immer einen Haarschmuck in Blau und Gelb trägt, den Farben der Ukraine.

Auf Jubelschreie folgen Freudensprünge, dann beugt sich Bekh-Romanchuk über den Graben, der die Anlage von den Zuschauerrängen trennt. Dort steht Michailo Romanchuk, die andere Hälfte des Traumpaares im ukrainischen Spitzensport. Auch er beugt sich weit nach vorne, drückt seiner Ehefrau einen dicken Kuss auf. Es ist an sich schon ein bewegender Moment, der noch viel wertvoller erscheint, wenn man sich die Lebensumstände der Ausnahme-Leichtathletin und des Weltklasse-Schwimmers vergegenwärtigt.

Sie flieht nach Italien, er nach Deutschland

Aufgrund der russischen Aggression gegen die Ukraine, die seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 andauert und mit dem russischen Angriffskriegs im Februar 2022 endgültig eskaliert, müssen die beiden Spitzensportler aus ihrem Heimatland fliehen. "Nach der Saison möchte ich nach Hause zurückkehren", sagte Bekh-Romanchuk jüngst, "ich habe meine Eltern seit sechs Monaten nicht gesehen." Und selbst ihren Ehemann sieht sie seitdem nur unregelmäßig, was den gemeinsamen Moment in München umso wertvoller zu machen scheint.

Denn während Maryna Bekh-Romanchuk in Italien eine Basis findet, um sich auf die Saison vorzubereiten, kommt Mikhailo Romanchuk in Deutschland unter. Seine Schwimmhalle in der Ukraine wird von russischen Angriffen zerstört, Zuflucht und Unterstützung findet er in Magdeburg, beim deutschen Olympiasieger Florian Wellbrock und Schwimm-Bundestrainer Bernd Berkhahn. Zu Wochenbeginn duellieren sich die beiden Freunde in Rom, dort findet die von den European Championships entkoppelte Schwimm-EM, Romanchuk gewinnt dort am Dienstag dieser Woche Gold über 1500 Meter Freistil, danach reist er in die bayerische Landeshauptstadt.

Am Donnerstag erlebt Maryna Bekh-Romanchuk dort eine große Enttäuschung. Im Weitsprung-Finale liegt die langjährige Konkurrentin von Malaika Mihambo lange hinter der Deutschen auf Rang drei. Im letzten Versuch aber steigert sich die Britin Jazmin Sawyers entscheidend, schiebt sich vorbei. Bekh-Romanchuks Konter bleibt aus, ihr Sprung wird ungültig gegeben. Danach sinkt sie in Tränen zusammen. Als Bilder davon über die großen Bildschirme im Stadion laufen, erscheint es beinahe unmöglich, nicht mit der Ukrainerin mitzufühlen.

Drei Leichtathletik-Medaillen für die Ukraine an einem Abend

"Ich springe für mein Volk, für mein Land", hatte die Vize-Europameisterin von 2018 und Vize-Weltmeisterin von 2019 im Weitsprung (jeweils hinter Mihambo) im Saisonverlauf betont - eine Last, eine Verantwortung, die sich am Donnerstagabend in Verzweiflung sichtbar wird und am Freitagabend in unbändiger Freude. In der kleinen ukrainischen Gruppe um ihren Ehemann, die den Dreisprung aus unmittelbarer Nähe verfolgt, fließen schon während des Wettkampfs die ersten glücklichen Tränen.

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Es ist der emotionale Höhepunkt eines Abends, der für das ukrainische Team kaum besser hätte verlaufen können. Während Bekh-Romanchuk schon mit den 14,80 Metern aus dem ersten Versuch führt, aber noch besser Sprünge der Konkurrenz fürchten muss, gibt es auf der Rundbahn gleich zwei Medaillen für die Ukraine. Über 400 Meter Hürden gewinnt zwar mit der Europarekordlerin Femke Bol eine Niederländerin, Silber und Bronze aber gehen an Viktoriya Tkachuk und Anna Ryzhykova, die in Landesflaggen gehüllt auf ihrer Ehrenrunde auch an der Dreisprung-Anlage vorbeikommen.

"Das ist der beste Abend meines Lebens", sagt Bekh-Romanchuk anschließend euphorisiert, es ist das erste Gold für die Ukraine bei dieser Leichtathletik-EM. Erst zu dieser Saison hat sie verstärkt begonnen, sich dem Dreisprung zu widmen, aber schon bei der Hallen-WM in Belgrad Anfang März überraschend Silber und die Weltspitze aufgemischt. In Europa springt sie nun per Hop, Step und Jump auf den Thron - und an diesem Freitag aufs höchste Treppchen am Olympiasee, wo bei den European Championships die stimmungsvollen Siegerehrungen stattfinden. Wenn dort die ukrainische Hymne erklingt, dürfte es ein weiteres Mal hochemotional werden.

Quelle: ntv.de

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