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Flensburg feiert Handball-Titel Aus dem großen Schatten zum Triumph

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Die SG Flensburg-Handewitt ist wieder deutscher Handballmeister. Mit dem zweiten Titel in Folge treten die Norddeutschen aus dem langen Schatten des großen THW Kiel hinaus.

(Foto: imago images / osnapix)

In einem packenden Saisonfinale setzt sich die SG Flensburg-Handewitt im Fernduell gegen den THW Kiel durch und verteidigt den Meistertitel in der Handball-Bundesliga. 3.000 mitgereiste Fans feiern ihre Helden und verabschieden zwei ihrer besten Spieler.

Dierk Schmäschke hatte sich freiwillig zum Kofferträger degradiert. Der Manager der Handballer SG Flensburg-Handewitt tanzte nach Spielschluss mit dem quadratischen Alu-Behälter, der die Meisterschale vor Beschädigungen schützen soll, übers Parkett des mit über 10.000 Besuchern fast ausverkauften Düsseldorfer ISS-Dome. Die Schale zu behüten, war aussichtslos. Die Spieler des nördlichsten Bundesligisten hatten schließlich nicht nur das Bundesligaspiel beim Bergischen HC mit 27:24 gewonnen, sondern damit eben auch den Meistertitel eingefahren.

Und nun ließen sich die Flensburger - einer nach dem anderen - von ihren 3.000 mitgereisten Fans am Ende einer langen Saison hochleben. "Dieser Titel ist vollkommen verdient für uns", sagte Schmäschke, der von den üblichen Bierduschen längst durchnässt war. "Ich gehe davon aus, dass diese Mannschaft noch eine große Zukunft vor sich hat."

"Wäre super genervt gewesen"

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Das muss man erst mal hinbekommen, dass man in einem Augenblick, der so ganz dem Hier und Jetzt gehört, schon wieder in die Zukunft blicken kann. Gut möglich aber auch, dass der Chef der Flensburger einfach nur erleichtert war, denn schließlich stand sein Team ungeachtet einer furiosen Saison am letzten Spieltag noch unter Erfolgszwang. Weil der THW Kiel sein zeitgleich stattfindendes Heimspiel gegen die TSV Hannover-Burgdorf mit 30:26 gewann, brauchte die SG mindestens einen Zähler im letzten Auswärtsspiel. Lange Zeit sah es dabei nach einem souveränen Ritt der Gäste aus, die zur Halbzeit mit 13:8 führten. In der Schlussphase der Begegnung aber wurde es dramatisch, als der Bergische HC dank einer engagierten Leistung rund drei Minute vor dem Ende auf 23:24 verkürzte. Doch geradezu meisterlich überstand die SG diese kritische Phase und zeigte eine Siegermentalität, die man ihr über viele Jahre stets abgesprochen hatte. "Ich wäre super genervt gewesen", sagte auch Schmäschke, "wenn du über die gesamte Spielzeit vorne bist und dann in den letzten Minuten des letzten Spieltages noch abgefangen wirst."

War aber nicht so, und so kam es, dass die Flensburger nach 2004 und 2018 ausgiebig ihren dritten Meistertitel feiern und sich zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte über eine Titelverteidigung freuen durften. Verantwortlich für diese neue Siegermentalität sind vor allem zwei Leute. Auf der Bank hat Trainer Maik Machulla seit Sommer 2017 das Sagen, auf dem Feld setzt Rasmus Lauge die Spielidee des einstigen Mittelmannes souverän um. Der 27-jährige Däne, der noch im Januar den Weltmeistertitel gewann, wurde zurecht von den Trainern und Managern zum Spieler der Saison gewählt. "Das war schon eine unglaubliche Spielzeit", so Lauge. "Und wie uns unsere Fans hier in Düsseldorf zum Titel getragen haben, war unglaublich."

Nur zwei Niederlagen und dennoch kurz gezittert

Viel Zeit zum Feiern blieb ihm allerdings nicht. Schon am heutigen Pfingstmontag ist er auf dem Weg zur dänischen Nationalmannschaft, für die ebenso wie für das DHB-Team noch Qualifikationsspiele auf dem Programm stehen. Insofern hatte der Club vorausschauend gehandelt und für die Mannschaft einen Flieger gebucht, um so rasch wie möglich in der Flensburger Innenstadt zur spontanen Meisterfeier zu blasen.

Der zweite Titelgewinn in Folge dürfte die Flensburger Handballer nun endgültig aus dem langen Schatten der Kieler Konkurrenz treten lassen. Auch, weil die Meisterschaft 2019 ein Produkt einer über die gesamte Saison souveränen Mannschaftsleistung war. Während die SG noch vor einem Jahr plötzlich und unerwartet in den Titelkampf eingreifen konnte, weil die Konkurrenz schwächelte, so war diese Saison von Beginn an darauf ausgerichtet. In der Formel 1 nennt man so etwas einen Start-Ziel-Sieg. Ganze zwei Spiele verlor das Handball-Kollektiv von der Förde - in Magdeburg und in Kiel. Am Ende sprang dabei die erfolgreichste Saison in der Vereinsgeschichte der Spielgemeinschaft heraus. "Diese Meisterschaft in der stärksten Liga der Welt überhaupt einmal zu gewinnen, ist schon etwas sehr Besonderes", sagte Trainer Machulla hinterher. "Und jetzt gelingt uns das bereits zum zweiten Mal in Folge. Das ist überragend und war so nicht zu erwarten." Und Rückraumshooter Holger Glandorf ergänzte: "Das war alles andere als ein Selbstläufer."

"Da passt vieles"

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Flensburgs Abwehrchef und Kapitän Tobias Karlsson verabschiedet sich mit dem Meistertitel zurück in seine schwedische Heimat.

(Foto: imago images / Beautiful Sports)

Auch deshalb, weil der Verein nach dem Zitterfinale der vergangenen Spielzeit, als eine stark ersatzgeschwächte Göppinger Mannschaft nur mit Mühe und Not bezwungen werden konnte, gleich sechs Stammspieler ziehen lassen und sich auf zentralen Positionen neu erfinden musste. Es spricht für die intelligente Integrationsarbeit von Machulla, dass das Team gleich von Beginn an funktionierte. Selbst Heiner Brand war voll des Lobes für die Nordlichter. Der langjährige Bundestrainer war als Handball-Experte für den übertragenden TV-Sender vor Ort und sagte: "Man sieht, dass da vieles passt", so der Gummersbacher, der den dramatischen Abstieg seines Ex-Klubs lediglich aus der Entfernung miterleben musste. "Maik Machulla hat eine homogene Mannschaft zusammengebaut, aus der Rasmus Lauge herausragt."

Ein Lob aus so berufenem Munde zeigt aber auch die neuen Herausforderungen für die sportliche Leitung auf. Lauge wird den Verein nun verlassen und wird künftig für den ungarischen Topclub aus Veszprem spielen. Ebenso hart wird der Verlust ihres Abwehrchefs Tobias Karlsson wiegen, der zehn Jahre lang den Defensivverbund der Rot-Blauen organisierte und führte. Der Schwede ist vor wenigen Tagen 38 Jahre alt geworden und wird seine Karriere beenden. "Bis dahin aber werde ich jetzt 48 Stunden Vollgas geben", sagte er. "Danach kann ich mich schließlich ausruhen, bis ich 65 bin."

Aus Skepsis wurde Bewunderung

Was so nicht ganz richtig ist, weil der Defensivspezialist nach der Europameisterschaft im Januar 2020 das Amt des Teammanagers der schwedischen Nationalmannschaft übernehmen wird. Bis dahin aber wird Machulla längst wieder Lösungen gefunden haben müssen, um diese Stützpfeiler der Mannschaft möglichst adäquat zu ersetzen. Die Herausforderung ist groß, aber das war sie auch schon, als er vor zwei Jahren das Traineramt in Flensburg übernahm. Mit viel Skepsis wurde sein Engagement damals begleitet, nach zwei Spielzeiten und zwei Meisterschaften gilt er an der Förde als Held.

Als Machulla sein Amt antrat, verglich er die Deutsche Meisterschaft mit der Besteigung des Mount Everest. Stand heute ist er demnach schon zwei Mal oben gewesen. "Wir hatten unser letztes Bundesligaspiel vor zehn Tagen, und es gab viel Zeit nachzudenken", sagte der Erfolgscoach rückblickend. "Beim Frühstück heute Morgen war die Anspannung riesig. Ich bin unglaublich stolz, wie die Mannschaft das heute und die ganze Saison über gemacht hat." Als er das sagte, hatten Spieler und Fans den ISS Dome in Düsseldorf längst in die größte Bierschwemme Deutschlands verwandelt.

Quelle: n-tv.de

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