Sport

IOC-Kehrtwende, die Fragen aufwirft Bach umgarnt Whistleblower-Paar Stepanow

81833338.jpg

"Wir sind sehr froh, dass wir jetzt in der Lage sind, Doping weiter zu bekämpfen": Julia Stepanowa.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auf einmal verspricht Thomas Bach den russischen Whistleblowern, ihnen zu helfen. Was steckt dahinter? Ein vergiftetes Geschenk? Kritik von Julia Stepanowa und ihrem Mann Witali hat der deutsche IOC-Präsident nun jedenfalls vorerst nicht mehr zu erwarten.

Vergiftetes Geschenk oder ernst gemeinter Schulterschluss? IOC-Präsident Thomas Bach jedenfalls geht auf Kuschelkurs zu Julia Stepanowa und Witali Stepanow und hat dem weltbekannten russischen Whistleblower-Paar bei einem Treffen seine Unterstützung zugesagt: Mittelstreckenläuferin Stepanowa erhält ein Stipendium, ihr Mann wird Anti-Doping-Berater des IOC. Die Frage ist, wieviel Kalkül in dieser Allianz steckt. Vor allem die Ausbootung Stepanowas für die Olympischen Spiele in Rio hatte außerhalb Russlands für Entrüstung gesorgt und das IOC in eine Glaubwürdigkeitskrise gestürzt.

6a0c0c58b632ab21106e03c0889cdd87.jpg

"Finanzielle Unterstützung": Thomas Bach.

(Foto: imago/AFLOSPORT)

Die Stepanows, die während der Olympischen Spiele das IOC noch an den Pranger gestellt und zuvor monatelang nichts von Bach gehört hatten, wurden vom deutschen Herrn der Ringe nun überzeugt. "Wir sind sehr froh, dass wir jetzt in der Lage sind, Doping weiter zu bekämpfen und unsere Erfahrungen in Russland und als Whistleblower mit einzubringen", sagte Stepanow dem Branchendienst insidethegames.biz, der zuerst über das Treffen berichtet hatte: "Wir sind sehr dankbar, dass das IOC uns diese Gelegenheit gibt." Er fügte hinzu, dass er den Eindruck habe, es sei ein "echter Wunsch" des IOC, ihm und seiner Frau zu helfen und "Julias Karriere als saubere Athletin zu unterstützen". Ein IOC-Sprecher bestätigte, das Treffen habe im September stattgefunden. Stepanowa erhalte "finanzielle und sonstige Unterstützung, damit sie ihre sportliche Karriere fortsetzen und möglicherweise einem Nationalen Olympischen Komitee beitreten kann".

Nun die Kehrtwende

Die Organisation hatte Stepanowa, 30 Jahre alt, am 24. Juli, zwei Wochen vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, das Startrecht verweigert, da sie als Dopingsünderin "nicht die ethischen Anforderungen" für einen Start erfüllt habe. Neben einer Einladung an die Stepanows, als Besucher der Spiele nach Rio zu kommen, sagte das IOC der Athletin bereits damals Unterstützung in Form des nun festgeschnürten Stipendiums zu. Von der Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofes Cas kurz vor den Spielen, eine generelle Rio-Sperre aller russischen Sportler mit Dopingvergangenheit durch das IOC zu kippen, profitierte Stepanowa nicht, da sie als "neutrale Athletin" keinen Anspruch auf einen Start hatte. Die IOC-Bosse, so hieß es stets, hätten sich nur nach einer entsprechenden Empfehlung der eigenen Ethikkommission gerichtet.

Das IOC hatte sich weltweit den Vorwurf gefallen lassen müssen, mit der Ausbootung der Leichtathletin Russland die peinliche Anwesenheit Stepanowas in Rio ersparen zu wollen und dem Anti-Doping-Kampf gewaltigen Schaden zugefügt zu haben. Während der olympischen Wettkämpfe hatten sich Stepanowa und ihr Ehemann, der als ehemaliger Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Behörde bei der Aufdeckung des Staatsdopingsystems im größten Land der Welt beteiligt gewesen war, in einer dramatischen Videokonferenz an die Öffentlichkeit gewandt und das IOC noch scharf kritisiert. Stepanowa, die mit ihrer Familie in die USA geflüchtet war und dort an einem unbekannten Ort lebt, sagte damals: "Wenn uns etwas passiert, sollten alle wissen, dass dies kein Unfall ist."

Witali Stepanow konstatierte, er und seine Frau hätten nie damit gerechnet, dass sich "das IOC an die Seite der korrupten russischen Funktionäre stellt". Nun die Kehrtwende, die Fragen aufwirft. "Wenn das IOC diese Schritte ernst meint, sind sie zu begrüßen. Nach allem, was in den vergangenen Monaten passiert ist, kann man aber auch getrost davon ausgehen, dass Thomas Bach die Chance wahrgenommen hat, die Stepanows ans Gängelband zu nehmen", sagte der Nürnberger Doping-Experte Fritz Sörgel. Es werde sich zeigen, ob der Präsident es "ernst meint oder die Stepanows, eine verzweifelte Familie, die von irgendetwas leben muss, nur mit einem vergifteten Geschenk gekauft hat". Ohnehin, ergänzte Sörgel, wäre "eine Entschuldigung des IOC der notwendige erste Schritt und ein enorm wichtiges Zeichen für alle Whistleblower und für den Anti-Doping-Kampf gewesen".

Quelle: n-tv.de, Jörg Mebus, sid

Mehr zum Thema