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Erster Matchball ist wegBundestrainer sorgt für EM-Sensation - und riskiert damit viel

27.01.2026, 18:52 Uhr
imageVon Till Erdenberger, Herning
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Alfred Gislason grübelt: Hat er sich verzockt? (Foto: picture alliance / Maximilian Koch)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft steht bei der EM vor dem Einzug ins Halbfinale, es fehlt nur noch ein Punkt. Gegen Dänemark gelingt der letzte Schritt noch nicht, eine Entscheidung des Bundestrainers sorgt für Diskussionen.

Die Handball-Welt staunte ungläubig, Dänemark war entsetzt und die Experten fassungslos: Mit ihrem 31:29-Sieg über die zuvor unschlagbar geltenden Dänen hatte Portugal zum Ende der Vorrunde für eine gewaltige Überraschung bei dieser EM gesorgt, die bislang recht arm ist an Blamagen oder Sensationen. Dänemark, dieser Überfavorit, will, nein: muss zu Hause vor den eigenen Fans Europameister werden, alles andere wäre ein Desaster von nationaler Tragweite. Und dann kamen diese portugiesischen Underdogs und sorgten wenigstens kurzzeitig für Chaos.

Doch was Alfred Gislason sich für das Duell seiner deutschen Nationalmannschaft gegen die Dänen überlegt hatte, toppte das: Der Bundestrainer verzichtete gegen die beste Mannschaft der Welt auf den besten Torwart der Welt - oder mindestens dieses Turniers. Es war die nächste große Sensation der EM!

"Mich hat das total überrascht. Wir haben uns vorher auch ein bisschen verdutzt angeguckt, warum ein Andi Wolff in dieser Form, mit diesem Willen, mit dieser Wichtigkeit auch in der Mannschaft jetzt beim allerwichtigsten Spiel in diesem Moment nicht anfängt", sagte 2007-Weltmeister Johannes Bitter im ARD-Podcast "Handball auf die 1": "Wenn ich Andi Wolff wäre, weiß ich nicht, ob ich so glücklich gewesen wäre." Er habe nicht das Gefühl, so der langjährige Nationaltorhüter mit "ein bisschen Stirnrunzeln", dass Wolff "dringend Pause braucht".

Handball-Ikone Stefan Kretzschmar attestierte Ersatztorwart David Späth zwar ein gutes Spiel, sprach aber von einer diskutablen Signalwirkung. "Was kann das bedeuten als Zeichen für die Mannschaft? Wie nehme ich das als Mannschaft auf in einem der alles entscheidenden Spiele?", fragte der Olympia-Zweite von 2004. Niemand macht Gislason ernsthaft den Vorwurf, das Spiel abgeschenkt zu haben. Aber offensichtlich wollte Gislason im ersten von zwei Matchball-Spielen nicht "all in" gehen, neben Wolff hatte er auch seine beiden etatmäßigen Außen Lukas Zerbe und Lukas Mertens geschont - und beide gleich auf die Tribüne gesetzt. Zur Erinnerung: Dem DHB-Team fehlte vor dem Spiel gegen den Serien-Weltmeister nur noch ein Punkt, um den Einzug ins Halbfinale klarzumachen.

"Größtes Phänomen des deutschen Handballs"

Nur 48 Stunden zuvor hatte Wolff die Welt mit einer irren Paradenshow geschockt: Gegen Norwegen gewann der deutsche Torwart beim 30:28 das Spiel nach Überzeugung seiner dankbaren Teamkollegen im Alleingang. Der ehemalige Bundesliga-Torwart Kasper Hvidt schwärmte als Experte des dänischen Senders TV2: "Es ist eine wahnsinnige Torwartleistung, die wir heute erlebt haben. Vielleicht die beste, die ich je live gesehen habe. Es war großartig von Andi Wolff."

Auch Norwegens enttäuschte Spieler, deren Traum vom Halbfinale Wolff gnadenlos zerstörte, fanden große Worte für die Leistung des deutschen Torwarts. "Ich bin völlig leer, die Luft ist raus. Dieses Gefühl, eines unserer besten Spiele bei der Europameisterschaft abgeliefert zu haben, ist frustrierend", sagte Norwegens Rückraumspieler Tobias Grøndahl bei "Dagbladet" und ergänzte: "Wir waren Deutschland teilweise haushoch überlegen, aber sie haben den besten Torwart der Welt."

Der gegen das DHB-Team gleichfalls großartige norwegische Torwart Torbjörn Bergerud sagte, der Sieg sei nicht möglich gewesen, denn "Wolff war heute fast Gott". Die internationale Presse kürte den EM-Helden von 2016 zum "Monster", aus der dänischen Mannschaft hieß es, Wolff sei "das größte Phänomen des deutschen Handballs." Und die dänische Handball-Legende Hans Lindberg versicherte: "Wenn Andreas Wolff eine Leistung wie gegen Norwegen bringt, dann beeindruckt das jeden Gegner." Es schien undenkbar, dass Deutschland auf sein "Monster", auf "Gott" verzichtet.

Torwart entscheidet Duell

Doch Gislason und sein Trainerteam entschieden sich nun, gegen das dänische Rollkommando um die Tormaschinen Mathias Gidsel und Simon Pytlick David Späth in den vermeintlich ungleichen Kampf zu schicken. Der U21-Weltmeister von 2023 ist ein Klassemann, der 23-Jährige lieferte auch lange ein starkes Spiel. Dass die deutsche Mannschaft nach lange starkem Kampf 26:31 (12:13) verlor, ist nicht ihm anzukreiden. Einen zweiten Torwart wie Späth zu haben, wäre ein Geschenk für beinahe jede Mannschaft dieser Welt. Und Gislason schenkt ihm mit vollem Recht das Vertrauen für große Spiele.

Doch 9 Paraden und 26 Prozent gehaltener Bälle in rund 50 Minuten sind nicht die Überleistung, die die deutsche Mannschaft gegen die Über-Dänen gebraucht hätte. Stattdessen entschied Gegenüber Emil Nielsen das Spiel, der Weltklassetorwart der Dänen schien irgendwann unbezwingbar für die deutschen Angreifer.

Andreas Wolff wollte derweil nicht über seinen Abend sprechen: Während des Spiels hatte er Späth und seine hart kämpfenden Kollegen immer wieder angetrieben, Späth unterstützt und getan, was er konnte. Doch hinterher stapfte der 34-Jährige, der sonst ewig und ausdauernd Auskunft gibt, mit starrem Blick geradewegs an den wartenden Journalisten vorbei.

"Er wird eine große Gefahr sein"

Gegen nervöse Dänen war das DHB-Team bis zum 15:17 (42. Minute) in Schlagdistanz, die Unschlagbaren, die in den letzten Jahren ihre Gegner einfach überrollten, wirken dieser Tage so schlagbar wie ewig nicht mehr. Im vergangenen Jahr war die deutsche Mannschaft an gleicher Stelle mit 30:40 unter die Räder gekommen. Doch auch diesmal reichte es nicht, der große Favorit zog unter dem lauten Jubel der zuvor angespannten Massen an und davon. Wolff kam erst zehn Minuten vor Schluss aufs Feld, da war die Partie längst entschieden.

Gislason begründete seine schwer umstrittene Entscheidung hinterher auch damit, dass Späth einer sei, der "aus dem Rückraum besser steht. Andi ist aus der Nahdistanz der Beste, den es gibt. Dass die Dänen sehr viel aus dem Rückraum kommen, das wissen alle Handball-Experten". Die Statistik gibt das allerdings nicht her: Im Schnitt anderthalb Meter näher am Tor als die deutschen Schützen waren die Dänen bei ihren Abschlüssen. Gidsel und Pytlick erzielten zahlreiche Tore nach Durchbrüchen.

Den Dänen wurde der Stresstest gegen den deutschen Wolff weitestgehend erspart, in Frankreich sorgen sie sich schon: "Gegen Norwegen war er unglaublich, er hatte einen enormen Einfluss auf seine Gegner", sagte Nationaltrainer Guillaume Gille vor dem Duell, das für beide Teams ein Endspiel ist. "Es schien, als hätten seine Gegner Angst vor ihm und verfehlten das Tor nur, weil er da war. Er wird eine große Gefahr für uns sein."

Holt das DHB-Team am Mittwoch (18 Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de) gegen den Frankreich den noch fehlenden Punkt zum Einzug ins Halbfinale, ist die unerfreuliche Sensation gegen Dänemark nur noch eine Randnotiz im Jubelrausch. Geht es schief, wird es in Erinnerung bleiben.

Quelle: ntv.de

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