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Kroaten ganz anderes EM-Kaliber DHB-Team darf alles - nur nicht verlieren

Nach dem klaren Sieg gegen Weißrussland schöpft die DHB-Auswahl bei der EM wieder Mut. Im wegweisenden Spiel gegen Mitfavorit Kroatien geht es nun um nichts weniger als um die Chance auf eine Halbfinalteilnahme. Mannschaft und Trainer geben sich kämpferisch.

Im Hotel der deutschen Handballer in Wien war es am spielfreien Freitag alles andere als ruhig. Weil auch andere Teams aus derselben Hauptrundengruppe dieser Europameisterschaft dort wohnen, gingen Spieler, Verantwortliche, Gäste und vor allem Journalisten ein und aus. Die Vertreter der deutschen Medien wollten die veränderte emotionale Gemengelage bei Bundestrainer Christian Prokop und seinen Spielern einfangen, die irgendwo zwischen Erleichterung und Anspannung zu verorten war.

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"Wir können alle rechnen": Bundestrainer Christian Prokop.

(Foto: imago images/Pixsell)

Erleichterung, weil mit dem klaren 31:23 gegen Weißrussland der Traum vom Halbfinale in der schwedischen Hauptstadt Stockholm lebt, Anspannung, weil mit der Partie gegen Kroatien an diesem Samstag (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de) ein wegweisendes, wenn nicht das wegweisende Spiel ansteht. "Wir können alle rechnen", sagte Prokop zur Tabelle in der Gruppe I. "Wir wissen alle, wie enorm wichtig diese Partie ist.

Verlieren verboten, so könnte das Motto für diese Begegnung und für die beiden noch folgenden Spiele gegen Österreich am Montag und gegen Tschechien am Mittwoch lauten. Insofern kam der Mutmacher in Form eines gelungenen Einstiegs in die Hauptrunde zur rechten Zeit. Nachdem die Vorrunde eher einer missglückten Schulprüfung gleichkam, für die man sich bestens vorbereitet fühlte, dann aber leider die falschen Fragen kamen, konnte sich die deutsche Mannschaft gegen Weißrussland endlich freispielen.

"Wichtiger aber noch war das Gefühl"

Der Umzug vom norwegischen Trondheim in die österreichische Hauptstadt hat offenbar Impulse gesetzt, die Ankündigung, einen Neustart machen zu wollen und das Vergangene rasch hinter sich zu lassen, war - zumindest fürs Erste - keine Worthülse. Noch vor dem ersten Auftritt in der Hauptrunde hatten sie auf der MS Deutschland die Stromschnellen voraus gehört, nach einer überzeugenden Leistung aber wähnt sich das DHB-Schiff wieder auf Kurs. "Die gewonnenen Punkte waren wichtig", sagte Prokop. "Wichtiger aber noch war das Gefühl." Diese Emotionalität soll nun eine wiederentdeckte Waffe in der entscheidenden Partie mit den Kroaten sein. Die Spieler jedenfalls geben sich betont kämpferisch.

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"Gegen Kroatien werden wir keinen Zentimeter der Halle preisgeben", sagt Kreisläufer Yannick Kohlbacher, links. Wir nehmen an, sein Kollege Patrick Wiencek sieht das ähnlich.

(Foto: imago images/wolf-sportfoto)

"Gegen Kroatien werden wir keinen Zentimeter der Halle preisgeben", sagte Kreisläufer Yannick Kohlbacher. "Wir sind nicht bereit, noch einen weiteren Punkt abzugeben." Er spricht dabei sicher für das gesamte Team. Doch Prokop kennt auch taktische Mittel gibt, um das kroatische Kollektiv in Schwierigkeiten zu bringen. Dass dabei die deutsche Abwehr, die noch in Trondheim eher einem Sieb als einer Wand glich, eine zentrale Rolle im Spielplan des Bundestrainers einnimmt, ist nur wenig überraschend.

Funktioniert die Innenverteidigung um Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek, und funktioniert in der Folge auch das Torwartspiel, könnte die deutsche Mannschaft zu einigen Gegenstößen und damit zu leichten Toren kommen. So oder so ähnlich könnte der Schlüssel zum Erfolg aussehen. "Wir haben gegen Weißrussland in der Deckung hervorragend gearbeitet", sagt Wiencek. "Aber Kroatien, das wird ein ganz anderes Kaliber."

"Deutschland hat eine Weltklassemannschaft"

Kopfzerbrechen bereitet ihm und auch seinem Coach vor allem der Rückraum des Gegners, in dem noch immer Domagoj Duvnjak gekonnt die Fäden zieht. Der Mann, der sein Geld in der Bundesliga beim THW Kiel verdient und damit ein Teamkollege der beiden deutschen Mittelblocker ist, hat nach einigen Verletzungen längst wieder zu alter Form zurückgefunden und ordnet das Spiel der Kroaten mit den Ausnahmeathleten Luca Cindric und Igor Karacic.

"Man kann Duvnjak gut in den Griff bekommen", sagt Wiencek, der seinen kroatischen Kollegen im Hotel mehrfach getroffen hat. "Ganz ausschalten aber kann man ihn nie." Damit haben die Kroaten exakt das, was in der deutschen Mannschaft seit vielen Jahren so schmerzlich vermisst wird: einen Spielmacher von Weltklasse-Niveau.  Das deutsche Positionsspiel hingegen tut sich vor allem dann schwer, wenn der Gegner eine offensive Deckung stellt.

Und genau damit dürfte die kroatische Auswahl die deutschen Spieler empfangen. Und noch eins: Auch wenn die DHB-Auswahl in den vergangenen Monaten gleich drei Mal gegen den heutigen Gegner antrat und alle drei Partien gewinnen konnte, so lassen sich daraus überhaupt keine Prognosen ableiten.

So steht´s in Hauptrundengruppe I

1. Spanien 9:1 Punkte +26 Tore
2. Kroatien 9:1 +14
3. Deutschland 6:4 +16
4. Österreich 4:6 -17
5. Weißrussland 3:7 -22
6. Tschechien 0:10 -17

Spanien und Kroatien stehen im Halbfinale, Deutschland bestreitet am Samstag (16 Uhr/ Liveticker auf ntv.de) gegen Portugal das Spiel um Platz fünf.

Der Sieg in der WM-Hauptrunde in Köln vor zwölf Monaten fiel dabei ebenso knapp aus wie die in den beiden Vorbereitungsspielen im Oktober in Zagreb und in Hannover. Deutschland gewann jeweils mit einem Tor. "Außerdem bringen die Kroaten in Testspielen nicht immer die Intensität wie bei Großveranstaltungen", sagt Axel Kromer, Sportvorstand des DHB. "Die wollen unbedingt gewinnen, und wir wollen das unbedingt verhindern."

So oder so: Die Begegnung mit den Kroaten ist zweifelsfrei das Schlüsselspiel für die deutsche Mannschaft in der Hauptrunde. Das wissen alle. Doch auch auf der Gegenseite herrscht großer Respekt. "Deutschland", sagt Duvnjak, "hat eine Weltklassemannschaft und ist einer der großen Favoriten auf den EM-Gewinn." Daran ändere auch die mäßige Vorrunde nichts. Konfrontiert mit dieser Aussage, wollte Prokop das weder bestätigen noch dementieren. "Aber wenn viel in unserer Teamgeistmaschine funktioniert, dann hat Duvnjak recht. Dann sind wir nur schwer zu schlagen." Das Spiel wird zeigen, wer Koch und wer Kellner ist.

Quelle: ntv.de