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IOC-Urgestein Pound zu Russland "Das ganze System könnte kollabieren"

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Richard Pound ist seit seiner öffentlichen Kritik eine "Nicht-Person".

Seit 1978 gehört Richard Pound dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) an. Kein Mitglied ist länger dabei als der Kanadier, kein IOC-Mitglied kommentiert die Zustände im Olympia-Zirkus deutlicher als der einstige Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Für die Olympia-Bosse ist der 75-Jährige seit seiner offenen Kritik an Russlands Starterlaubnis für die Rio-Spiele 2016 eine "Nicht-Person", erklärt er auf der Konferenz Play the Game im Interview mit n-tv.de. Und wiederholt vor der sporthistorischen Entscheidung über Russland, was das IOC nicht hören will: Dass ein Olympia-Aus die einzig mögliche Strafe für das russische Staatsdoping bleibt. "Wenn du die Regeln brichst, bist du raus." Sonst, fürchtet Pound, könnte der Kollaps drohen.

n-tv.de: Herr Pound, Sie sind nicht nur Jurist und Sportfunktionär, sondern auch Autor mehrerer Bücher. Wenn Sie einen Roman über den Russland-Skandal und das IOC schreiben müssten, welches Genre würden Sie wählen: Krimi, Horror, Komödie. Oder Romanze?

Richard Pound: Ich denke, es würde eher wie ein John-Le-Carré-Buch werden, etwas wie "Smiley’s People". Es geht um Intrigen, um Politik, um ganz verschiedene Verhaltensweisen. Aber es ist keine Komödie und keine Liebesgeschichte.

Einige Leute sehen durchaus Liebe zwischen IOC-Präsident Thomas Bach und Russland.

Ich habe keine Ahnung, ob das wahr oder überhaupt relevant ist. Ich würde sagen, das Genre des Buches wäre John le Carré.

Es gibt den Verdacht, dass die IOC-Strafe gegen Russland eine Geldbuße von bis zu 100 Millionen Dollar sein könnte. Ungeachtet der Spekulationen, dass Russland diese "Strafe" selbst vorgeschlagen haben soll: Würden Sie eine Geldzahlung als Strafe akzeptieren?

Nein, nein, nein, nein, nein. Man müsste ein Idiot sein, um dieses Geld zu akzeptieren. Was nämlich passieren würde, ist: Jeder Athlet, der von einem russischen Sportler betrogen wurde, würde sagen: Das ist mein Preisgeld. Wenn ihr es jetzt von Russland zurückbekommt, gehört es eigentlich mir. Das wäre ein Albtraum. Und eine schlechte Botschaft.

2015 empfahlen Sie bei der Präsentation des ersten Berichts zum russischen Leichtathletikskandal ausdrücklich, auch andere Länder zu untersuchen.

Und andere Sportarten.

Es gab Untersuchungen zu anderen Sportarten - aber nur in Russland.

Wir haben in unserem Bericht klar gesagt: Glaubt nicht, Russland ist das einzige Land und die Leichtathletik der einzige Sport mit einem Problem. Wir wollten die Botschaft übermitteln: Das Problem ist noch viel größer. Die internationalen Verbände und nationalen Antidoping-Agenturen sollten wissen, was tatsächlich vor sich geht. Falls sie Informationen haben und bereit sind, sie zu teilen, kann vielleicht die Wada Ermittlungen übernehmen. Aber man kann nicht einfach in Kasachstan an die Tür klopfen und sagen: Soweit wir wissen, werden euch viele Doping-Vorwürfe gemacht. Seid ihr bereit, auszupacken? Ohne Beweise stehst du da wie ein Idiot.

Im Bericht gab es auch einen Abschnitt zu Whistleblowern, in dem Sie deren Schutz und Stärkung fordern. Würden Sie zustimmen, dass das IOC Whistleblower bislang eher abgeschreckt hat anstatt angemessene Schutzmaßnahmen zu ergreifen?

Ich glaube nicht, dass das IOC bislang irgendetwas für Whistleblower getan hat. Meiner Meinung nach war der Umgang mit Julia Stepanowa sehr unglücklich und bedauerlich. Wenn Du ein Athlet bist und siehst: Das tut das IOC, das ja fairen Sport und dergleichen praktizieren möchte, einem Whistleblower an - warum sollte ich dann jemals zum Whistleblower werden?

Warum hat es das IOC dann getan?

Ich weiß es nicht. Das war keine Entscheidung, an der ich in irgendeiner Form beteiligt war.

Sie sind seit 1978 dabei und damit das dienstälteste IOC-Mitglied. Haben Sie jemals daran gedacht, auszutreten - aus Protest gegen den Umgang des IOC mit dem Russischen Dopingskandal?

Die finale Entscheidung ist noch nicht gefallen. Ich war enttäuscht, dass sie in Rio nicht gehandelt und Russland ausgeschlossen haben, was in meinen Augen das Beste gewesen wäre. Wir werden sehen, was jetzt passiert. Wenn sich herausstellt, dass wir keinerlei neue moralische Grundsätze haben, könnten mehrere Leute sagen: Ich verschwende nicht länger meine Zeit. Aber solange du Fortschritte siehst, machst du weiter.

Konnten Sie in den letzten 18 Monaten Fortschritt erkennen?

Das IOC führt diese Untersuchung durch, die viel zu lange gedauert hat. Ich denke, das IOC ist selbst frustriert darüber. Alle Leute spekulieren, was vor sich geht, und sie können rein gar nichts dazu sagen. Es wäre schön gewesen, die Berichte schon vor acht Monaten zu erhalten, damit sie jetzt sagen könnten: Bitteschön, das werden wir tun. Aber bislang haben wir keine Ergebnisse. Wenn wir sie haben und wissen, was die IOC-Exekutive vorschlägt, können wir uns ein Urteil bilden. Alles, was wir bisher sagen können, ist: Wir waren nicht sehr effizient.

Mit Blick auf eine Kollektivstrafe für Russland, die ein Ausschluss ja wäre, …

Das wäre ganz sicher eine gute Sache. Ich wäre angesichts dessen, was ich für die Fakten halte, enttäuscht, wenn es keine Empfehlung dieser Art geben sollte.

… sagen Sie: Wenn du Teil des Systems bist, bist du Teil des Systems.

Das ist richtig.

Das gilt auch für Sie als IOC-Mitglied, wenn sich das IOC erneut gegen ernsthafte Sanktionen entscheidet.

Sie reden über Hypothesen. Ich rede über Fakten.

Die Öffentlichkeit hat schon vor Jahren das Vertrauen in die Sportverbände und den Kampf gegen Doping verloren. Jetzt fangen auch die Athleten an, ihren Ärger offen auszudrücken und sich zu organisieren, zum Beispiel in Deutschland. Warum haben sie so lange gebraucht?

Das ist eine sehr gute Frage, die Sie einem aktiven Athleten stellen sollten. Seit Jahren sage ich: Ihr steht auf dem Platz. Ihr wisst, ob ihr betrogen werdet. Tut selbst etwas dagegen! Ihr könnt nicht einfach nur sagen: Warum beschützt mich die Wada nicht? Sehr, sehr wenige haben es getan. Erst jetzt sagen die Athleten endlich: Hey, wir sind diejenigen, die betrogen werden. Deshalb müssen wir auch Teil der Lösung sein.

Sie sagen auch seit Jahren: Der einzige Ort, wo Sportorganisationen Schmerz spüren, ist ihre Geldbörse. Aber werden die Sponsoren jemals reagieren?

Wenn ich König der Welt wäre, würde ich alle Sponsoren und Fernsehsender zusammentrommeln und sagen: Okay, ihr zahlt insgesamt 15 Milliarden Euro pro Jahr. Wie viel davon sollten wir eurer Meinung nach ausgeben, damit wir versprechen können, euch das zu liefern, was ihr zu kaufen glaubt: korruptionsfreien Sport? Sie zahlen ja einen Marktpreis, deshalb können wir diese Summe nicht einfach draufschlagen. Aber man könnte sagen: Welcher Prozentsatz? Fünf Prozent, zehn Prozent? Ich denke, das wäre eine großartige Idee. Und jeder würde sagen: Gut, wir zahlen 95 Prozent an euch und fünf Prozent in einen separaten Fonds, um sauberen Sport zu gewährleisten.

Glauben Sie dieser Vorschlag könnte ein Grund sein, warum Sie niemals König der Welt werden?

(lacht) Das könnte sehr gut sein. Es würde einen ziemlich großen Organisationsaufwand bedeuten. Aber wenn man zu den drei großen Fernsehsendern geht, zu den olympischen Topsponsoren, und sagt: Hier ist ein Vorschlag, den ihr vielleicht berücksichtigen möchtet. Denn ihr wäret dann in der Position zu sagen: Ich unterstütze sauberen Sport. Meine Vermutung ist, dass die Reaktion darauf ziemlich positiv ausfallen würde. Die einzigen Leute, die damit unzufrieden wären, das wären die internationalen Sportverbände und die Event-Organisatoren.

Im Jahr 2013, als Thomas Bach gerade zum IOC-Präsidenten gewählt worden war, empfahlen Sie uns, stolz darauf zu sein, dass ein Deutscher dieses Amt bekleidet. Vier Jahre später: Wie stolz sind Sie auf die Entwicklung des IOC in Bachs Amtszeit?

Nun, es gibt viele bewegliche Teile, die er zu organisieren versucht.

Er ist auch der Präsident.

Ich denke, die IOC-Exekutive hat in Rio einen Fehler gemacht und das habe ich auch gesagt. Damit bin ich für die Exekutive unsichtbar geworden. Ich bin in ihren Augen jetzt eine Nicht-Person, sie wollen so etwas einfach nicht hören. Ich glaube aber, es gibt jede Menge Leute und viele Mitglieder im IOC, die genauso denken wie ich.

Um das zusammenfassen: Es klingt nicht sehr stolz.

Ach, es ist keine Diskussion über stolz oder nicht stolz.

Sollten wir Deutschen vielleicht einfach froh sein, dass Bach nicht Wada-Präsident ist?

(lacht) Er ist nicht der Wada-Präsident. Er ist Boss des IOC.

Als IOC-Chef predigt Bach stets Null-Toleranz gegen Doping. Warum tut sich das IOC so schwer, diesem Prinzip im Fall von Russland auch gerecht zu werden?

Wir sind gerade dabei, herauszufinden, ob sie ihm gerecht werden.

Warum ist das IOC diesem Grundsatz nicht schon vor Rio gerecht geworden?

Sie hatten nicht die nötigen Informationen.

Trotzdem wollten Sie, dass Russland gesperrt wird. Das wäre Null-Toleranz gewesen.

Ja, auf Basis des McLaren-Berichts. Tatsächlich hat die Wada diese Empfehlung ausgesprochen - was vom IOC ignoriert wurde.

Warum?

Ich weiß es nicht. Darüber sprechen sie mit mir nicht. Die Mitglieder hatten keine Gelegenheit die ganze Sache zu diskutieren. Es wurde alles im Exekutiv-Komitee abgehandelt.

Vor den Olympischen Spielen in Rio 2016 gab es eine IOC-Vollversammlung. Von den 86 anwesenden Mitgliedern hat nur eines öffentlich die Entscheidung kritisiert, Russland nicht zu sperren. Sie waren es nicht.

Es war Adam Pengilly, einer der Athleten.

War Ihr Schweigen ein Zeichen von Resignation?

Nein. Es war zwei Tage vor den Spielen nicht mehr möglich, Russland plötzlich doch noch rauszuwerfen. Was ich gemacht habe, war: Ich habe mich um Zusagen bemüht, dass die Mitglieder von der IOC-Exekutive befragt und angehört werden würden, dass es eine umfassende Diskussion geben würde. Und sie haben gesagt: schön. Das war aber auch alles, worauf wir aus praktischer Sicht hoffen konnten.

Angesichts der ersten Russland-Entscheidung, des Abtuns der McLaren-Erkenntnisse als "Anschuldigungen" durch das IOC, des Abwälzens der Verantwortung auf die einzelnen Sportverbände und der gezielten Abschreckung von Whistleblowern: Sehen Sie im IOC wirklich den Willen zum Wandel unter Thomas Bach - oder nur den Willen zur Wiederwahl?

Ich möchte Ihnen nicht helfen, das als Thomas-Bach-Problem zu personalisieren. Das IOC hat Fehler gemacht, indem es nicht zügig auf die McLaren-Berichte reagiert hat. Der Umgang mit Stepanowa war schrecklich. Aber die große Entscheidung zu Russland muss erst noch getroffen werden.

Wenn sich nach der Entscheidung der Rauch des Russland-Falls verzogen hat: Wie werden der internationale Sport und der Kampf gegen Doping dann aussehen?

Wenn wir das Richtige getan haben, hätten wir ein großartiges Beispiel: Egal, wie groß, wie wichtig du bist und wie sehr du dich auch politisch aufspielst: Wenn du die Regeln brichst, bist du raus. Weltweit würden ziemlich viele Länder sagen: Oh, wenn sie bereit sind, das mit Russland zu machen, einem der wichtigsten Länder, dann räume ich in meinem Land lieber mal auf – damit mir das nicht auch passiert.

Und wenn nicht?

Wenn nichts passiert, stecken wir tief im Schlamassel. Im schlimmsten Fall könnte das Ganze kollabieren. Ich hoffe, dass die IOC-Exekutive all diese Dinge versteht und die richtige Entscheidung trifft.

Mit Richard Pound sprach Christoph Wolf.

Quelle: n-tv.de

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