Sport

Technokraten, Prinzen, Blatter Das kuriose Wahlvolk des IOC

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Wenn man wissen will, wo es noch Prinzen und Könige gibt, solle man sich die IOC-Mitgliedsliste anschauen: Über diese Lästerei von FIFA-Boss Joseph Blatter (l.) wird IOC-Präsident Jacques Rogge nicht erfreut gewesen sein.

(Foto: REUTERS)

Neun Prinzen, ein Fürst, dazu korruptionsgeplagte Sportfunktionäre wie FIFA-Präsident Joseph Blatter - die 110-köpfige IOC-Wahlversammlung ist so bunt wie die Motivlage bei der Olympiavergabe unübersichtlich. Technokratische Kriterien oder geopolitische Erwägungen - was entscheidend ist, weiß keiner.

Neben der Wahl des Präsidenten ist die Entscheidung über die das höchste Privileg der IOC-Session, auf der sich die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees jährlich versammeln. Nur: Diese Olympier sind schon ein seltsames Völkchen. Das findet zumindest FIFA-Präsident Joseph Blatter, der im Januar den Vergleich zu seinem über jeden Zweifel erhabenen Exekutivkomitee wagte und bemängelte: "Von den 115 Mitgliedern des IOC sind nur 45 direkt mit dem Sport verbunden." Schlimmer noch: Falls man wissen wolle, wo es in der Welt noch Prinzen, Prinzessinnen und Könige gebe, solle man sich einfach die Liste der IOC-Mitglieder ansehen: "Du wirst viele von ihnen finden."

Als unverwüstlicher Präsident des Fußball-Weltverbandes ist der 75-jährige Blatter selbstverständlich nicht nur selbst Mitglied im IOC, sondern als professioneller Aussitzer diverser Korruptionsskandale auch grundsätzlich zu missachten. Ganz Unrecht hat Blatter in diesem Fall aber nicht. Es tummeln sich zwar keine Könige unter den aktuell 110 IOC-Mitgliedern, aber immerhin neun Prinzen und Prinzessinnen und ein Fürst, Albert II. von Monaco. Der Putin-Vertraute hatte extra seine Hochzeit mit Charlene Wittstock auf das vergangene Wochenende vorverlegt, damit er samt frisch angetrauter Ehefrau pünktlich zur Olympiawahl nach Dubai jetten konnte.

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Der 95-jährige Joao Havelange ist IOC-Mitglied auf Lebenszeit und seit 1963 dabei. In Durban wird er aber nicht vor Ort sein.

(Foto: dpa)

Die adlige Auswahl zeigt, dass der Kreis der IOC-Mitglieder ein durchaus exklusiver Zirkel ist. Aufgenommen werden kann nur, wer von einem anderen Mitglied vorgeschlagen wird. Die Mitgliedschaft ist inzwischen auf acht Jahre begrenzt, es sei denn, man wird vorher 70 Jahre alt bzw. 80 Jahre, wenn man bereits vor dem 11. Dezember 1999 zum IOC-Mitglied erkoren wurde. Oder man heißt Joao Havelange. Der 95-jährige brasilianische FIFA-Ehrenpräsident ist das letzte verbliebene IOC-Mitglied auf Lebenszeit.

Teilnehmen an der Vergabe der Winterspiele 2018 wird der hochbetagte und korruptionsgeplagte Havelange aber nicht. Zwar sind grundsätzlich alle 110 IOC-Mitglieder stimmberechtigt mit Ausnahme jener aus Bewerberländern, so lange ihr Kandidat noch im Rennen ist - allerdings nur, wenn sie zur Session anreisen. Neben Havelange werden der nach den politischen Veränderungen in Ägypten unter Hausarrest stehende General Mounir Sabet in Durban ebenso fehlen wie die schwer erkrankten Mitglieder James Easton (USA) und Alpha Ibrahim Diallo (Guinea). Auch der Inder Raja Randhir Singh und der saudische Prinz Nawaf Faisal Fahd Abdulaziz sind nicht zur IOC-Session gereist.

Ihrer Stimme enthalten werden sich neben IOC-Präsident Jacques Rogge diesmal der Schweizer Denis Oswald und wohl auch die englische Prinzessin Anne, weil ihre Tochter Marken-Botschafter von IOC-Sponsor Samsung ist - der als südkoreanischer Konzern natürlich Pyeongchang unterstützt. Als Mitglieder aus den Kandidatenländern dürfen in Runde eins definitiv nicht mitwählen: Thomas Bach, Claudia Bokel (Deutschland) Jean-Claude Killy, Guy Drut (Frankreich), Lee Kun-Hee und Moon Dae-Sung (Südkorea). Damit werden in der ersten Wahlrunde in Durban diesmal höchstens 95 IOC-Mitglieder abstimmen.

Für die Vergabe der Spiele ist die absolute Mehrheit nötig, bei maximal 95 Abstimmenden in Runde eins wären dies 48 Stimmen. Wird die Zahl nicht erreicht, scheidet die Stadt mit den wenigsten Stimmen aus (Stichwahl bei Gleichstand). Ihre Repräsentanten haben in der nächsten Runde Wahlrecht.

Stimmenverteilung im IOC (nach Kontinenten)

               mögliche
          IOC-Stimmen
              tatsächliche
            IOC-Stimmen
Europa                    45                      38
Nordamerika                    15                      14
Südamerika                      5                        4
Asien                    25                      21
Afrika                    15                      13
Ozeanien                      5                        5
Gesamt                  110                      95

 

Völlig offen ist, wie die einzelnen Vertreter abstimmen. Einerseits, weil viele afrikanische und südamerikanische Länder überhaupt keinen Bezug zu Olympischen Festspielen auf Schnee und Eis haben. Andererseits bewegen sich die Abstimmungsmotive zwischen den Polen "Technokraten" und "Geopolitiker", sagt der frühere IOC-Vizepräsident Richard Pound. Da der technische Evaluierungsbericht bei Winterspielen traditionell weniger wichtig ist und für 2014 beispielsweise mit Sotschi (Russland) der technisch schlechteste Bewerber gewählt wurde, gewinnen geopolitische Überlegungen wie das Erobern neuer Märkte oder auch die vom IOC bevorzugte Kontinentalrotation an Bedeutung.

In Durban könnte das Münchens Chancen schmälern: Wenn zum Beispiel die vier italienischen IOC-Delegierten Deutschland ihre Stimmen verweigern, um die erwogene Bewerbung von Rom für die Sommerspiele 2020 nicht zu gefährden. Oder die vier abstimmenden Schweizer, weil Davos und St. Moritz die Kandidatur für die Winterspiele 2022 erwägen. Nicht einzuschätzen ist auch, ob die Befürworter des französischen Annecy bei dem zu erwartenden Erstrunden-Aus des Außenseiters anschließend aus europäischer Solidarität für München votieren - oder aus Trotz für Südkorea.

Sicher ist nur: Die Stimmenzahlen der einzelnen Durchgänge bleiben während der Wahl geheim, nur drei "Notare" kennen sie - und geben die eventuell ausgeschiedene Stadt bekannt. Den Namen des Siegers erhält IOC-Präsident Jacques Rogge in einem versiegelten Umschlag, den er am Mittwoch wahrscheinlich gegen 17.00 Uhr öffnen wird.

Quelle: ntv.de, mit sid