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Dirk Nowitzki im Interview "Der Körper hat nicht mehr mitgespielt"

Nächste Woche beginnt die NBA-Saison und Dirk Nowitzki ist zum ersten Mal seit 1998 nicht dabei. Wenn der Würzburger von den Dallas Mavericks spricht, sagt er immer noch "wir". Erst seit sechs Monaten ist seine unverwechselbare, 21-jährige Karriere bei den Texanern vorbei. Aber er wirkt sichtlich entspannt und vermisst den Profisport nur bedingt. Im Interview mit n-tv.de spricht der Basketball-Riese über seinen ersten Sommer ohne Druck, verpasste Partys in der Jugend – und seinen persönlichen Nowitzki-Moment.

n-tv.de: Herr Nowitzki, Sie gelten als öffentlichkeitsscheuer Mensch, nun gibt es eine Biografie im Handel, die Sie autorisiert haben. Wie passt das zusammen?

Dirk Nowitzki: Nach dem Film "Der große Wurf" wollte ich mich eigentlich nicht gleich in etwas Neues hineinstürzen. Ich wollte niemanden, der mich ständig verfolgt. Aber ich habe mich mit dem Autor Thomas Pletzinger gut verstanden und ich fand sein Projekt und seine Art zu schreiben spannend. Wir hätten nicht gedacht, dass es sieben Jahre dauert, bis das Buch endlich erscheint. Aber wir wollten natürlich noch den Abschluss der Karriere drin haben.

Der Titel des Buches "The Great Nowitzki" passt nicht zu dem stets als bodenständig bekannten Nowitzki.

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Das harte Training über den Sommer vermisst der 41-Jährige nicht. Den Wettkampf, die Spiele in der NBA? "Da wird es schon kribbeln."

Damit hatte ich auch nichts zu tun und ich finde den nicht unbedingt toll. (lacht) Das Lieblingsbuch von Thomas Pletzinger ist „The Great Gatsby“. Dort gibt es auch einen Ich-Erzähler, der in das Gartenhaus des großen, mysteriösen Gatsby einzieht, ihn beobachtet und sich ihm langsam annähert.

Im April haben Sie Ihre Basketballschuhe an den Nagel gehängt: Wann haben Sie in ihrer Laufbahn gemerkt, dass die inneren Erwartungen nachlassen und dass die Zeit für das Karriereende gekommen ist?

Diesen Moment gab es eigentlich nicht. Es war der Körper, der einfach nicht mehr mitgespielt hat. Sich mental für das Sommertraining mit Holger Geschwindner zu motivieren, war natürlich immer schwer. Aber die Spielerei hat immer Spaß gemacht – jedenfalls, wenn der Fuß einigermaßen gehalten hat. Der war zuletzt oft kaputt und hat mir ein bisschen den Spaß genommen. Mit Luka Doncic und Kristaps Porzingis haben wir tolle junge Leute, auf die wir aufbauen können. Da wäre ich schon noch gerne ein Jahr dabei gewesen und hätte mich noch mal für ein Jahr motivieren können. Aber das wäre mit dem Fuß einfach unmöglich gewesen.

Sie waren mit 16 Jahren Profi, haben noch früher mit Holger Geschwindner mit Drills angefangen: Mussten Sie früh das Kind in Ihnen begraben?

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Ich habe meine Kindheit schon genossen. Ich wollte damals einfach immer Sport treiben. Andere haben zu mir gesagt: 'Wie kannst du jetzt um 14 Uhr nach der Schule zum Tennis gehen und dann um 17 Uhr noch zum Handball?' Aber das war das, was mir Spaß gemacht hat. Klar, mit 16 oder 17 ging es dann los damit, dass die Freunde in Clubs gegangen sind. Ich habe versucht, nicht auf allen Feiern mitzufeiern. Ich war hier und da mal mit und habe einen guten Mittelweg gefunden. In der NBA war es dann gar kein Problem, da war ich sowieso All-in.

Haben Sie in Ihrem ersten Sommer ohne Druck das Training und den Wettkampf vermisst?

Bis jetzt noch gar nicht. Aber das wird in den nächsten Wochen kommen. Da wird es schon kribbeln. Das erste Mal war es jetzt komisch, als im Sommer der Spielplan veröffentlicht wurde. Ich werde auch zu ein paar Spielen gehen, aber ich versuche, Abstand zu gewinnen: Kinder, Reisen und einfach Sachen machen, die ich vorher nicht so machen konnte. Jetzt war ich ein paar Tage alleine in Deutschland und habe meine Eltern gesehen.

Nervt es, sich nicht unerkannt in Deutschland bewegen zu können?

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Zum Abschied gab's Tränen - nicht nur bei Nowitzki selbst. Viele Fans, ehemalige und aktuelle Weggefährten huldigten der beeindruckenden Karriere des gebürtigen Würzburgers.

(Foto: Tobias Zielony)

Das hat sich einfach zu einem Teil meines Lebens entwickelt. Ich scheue da aber nicht zurück und fühle mich nicht wirklich eingeschränkt. Ich gehe jetzt natürlich nicht an einem Samstagnachmittag in die Mall, aber ich konnte mich trotzdem immer frei bewegen. In Würzburg wie in Dallas. Ich habe da mein Netzwerk und meine Örtchen, an die ich ungestört auch mit der Familie hingehen kann.

In Deutschland und Dallas hat jeder Basketball-Fan einen Nowitzki-Moment, den er mit Ihnen verbindet. Wie fühlt es sich an, wenn eine ganze Nation eine persönliche Beziehung zu dir hat, die du in den Einzelfällen gar nicht auf dem Schirm haben kannst?

Das ist natürlich Wahnsinn. Zu wissen, wie Leute teilgenommen haben an meiner Karriere. So richtig wahrgenommen habe ich das erst 2011 nach der Meisterschaft. In Würzburg gab es diese riesige Parade mit Zehntausenden von Leuten. Da habe ich erst gecheckt: 'Wow, das ist ja auch hier ein Riesendeal gewesen.' Auch jetzt nach meinem Karriereende habe ich mir Reportagen und die Reaktionen in sozialen Netzwerken angeschaut. Das war wahnsinnig emotional, wie da erwachsene Frauen und Männer in die Kamera geheult haben.

Wann hatten Sie Ihren eigenen Nowitzki-Moment?

Meine ganze Karriere war ein einziger Nowitzki-Moment von vorne bis hinten (lacht). Ich hatte unglaublich viele schöne Szenen, aber auch viele schlechte und peinliche. Sie gehören alle zu meiner Geschichte und Persönlichkeit dazu.

Sie haben in Ihrer Karriere bei den Mavericks insgesamt auf 194 Millionen Dollar verzichtet, damit ein Team mit starken Spielern zusammengestellt werden kann. Schwirrt die Summe manchmal in Ihrem Kopf herum?

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Die Dallas Mavericks feierten Dirk Nowitzki in seinen letzten NBA-Spielen ausgiebig. 21 Saisons spielte der Deutsche für das Team aus Texas.

Nein, gar nicht. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich mit meinem Hobby sehr gut verdienen konnte. Das habe ich mir damals nie erträumen lassen. Eigentlich ist es eh Wahnsinn, dass man so viel Geld mit Sport verdienen kann. Ich werde deshalb jetzt nicht anfangen, das kritisch zu hinterfragen.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Ich habe ein komisches Verhältnis zu Geld. Es ist schön zu wissen, dass ich mir darum keine Gedanken machen muss und dass meine Kids das hoffentlich auch nie tun müssen. Aber ich bin nicht der Typ, der Wert auf materielle Sachen legt. Mein Ziel war immer, dass ich genug zurücklege, damit ich nach der Karriere ein gutes Leben leben kann.

Lassen Sie uns über Basketball und die kommende NBA-Saison sprechen: Welches Team ist dieses Jahr für Sie der große Favorit?

Ich habe trotz Abstand natürlich diesen verrückten Sommer mitbekommen: So etwas habe ich noch nie erlebt. Dass so viele Leute, vor allem auch Top-Spieler, die Vereine wechseln. Die Los Angeles Lakers mit LeBron James und Anthony Davis und auch die Los Angeles Clippers sind natürlich superbesetzt und zählen zu den Favoriten. Aber an sich ist alles weiter offen.

Was kann Dallas erreichen?

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Ich hoffe, dass die Mavs mal wieder in die Play-offs kommen. Letztes Jahr haben wir gezeigt, dass wir wieder auf dem richtigen Weg sind. Wenn Porzingis fit ist und Doncic und er gut zusammen spielen, dann ist das möglich.

Die deutsche Nationalmannschaft ist in China bitter gestolpert. Waren im Vorfeld die Erwartungshaltungen zu groß?

Das weiß ich nicht, ich habe ja nur aus der Ferne beobachtet. Ich habe natürlich mitgefiebert. Beim Spiel gegen Frankreich habe ich im vierten Viertel schon auf der Lehne gesessen und wollte herunterspringen und helfen. Das war eine neue Erfahrung, nicht eingreifen zu können. Gegen Frankreich hat die Mannschaft super gekämpft, die Niederlage gegen die Dominikanische Republik war dann ein kleiner Schock. Aber zumindest haben sie sich danach zusammengerauft und sich für das Qualifikationsturnier für Olympia qualifiziert. Ich weiß, wie viel mir damals die Olympischen Spiele bedeutet haben. Das ist für jeden ein einmaliges Erlebnis und ich hoffe, dass die Mannschaft sich den Traum nächstes Jahr erfüllen kann.

Und wie geht es für Sie weiter? Nächstes Kapitel?

Ich habe viel mit meiner Stiftung in den USA gemacht. Ich habe mich auch in der Business-Welt umgeschaut und versucht, da ein bisschen was zu lernen. Mal schauen, ob da etwas für mich dabei ist. Aber da ist noch nichts spruchreif. Mein Herz schlägt nach wie vor für die Dallas Mavericks und wird es immer tun. Ich werde mich mit den Mavs zusammensetzen und wir schauen, ob es da etwas gibt, das für beide Seiten Sinn macht. Aber das wird in einem oder zwei Jahren sein, momentan brauche ich noch Abstand.

Es gab auch Informationen, dass Sie Teilhaber der Dallas Mavericks werden könnten.

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Das habe ich auch gelesen. (lacht) Davon weiß ich eigentlich nichts. Momentan stehen einfach andere Dinge im Vordergrund. Vor allen Dingen die Familie, die sonst immer viel zurückstecken musste. Ich habe jetzt fast sechs Monate nichts gemacht. Die Motivation und Inspiration dafür hat mir gefehlt. Ich wollte einfach essen, was mir in den Weg kommt. Das stand schon lange fest. Aber wenn ich jetzt wieder rüber fliege, will ich da eine Routine finden: Ein bisschen Radfahren, ein bisschen Krafttraining.

Mit Dirk Nowitzki sprach David Bedürftig

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Quelle: n-tv.de

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