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Eklatante Abwehrschwächen bei EM Deutsche Handball-Mauer steht nicht mehr

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Was ist da nur los?

(Foto: imago images/Bildbyran)

Über Jahre ist sie die Konstante des deutschen Handballs: die starke Abwehr der Nationalmannschaft. Doch in der Vorrunde der Europameisterschaft zeigt sich die Defensive anfällig wie selten. Besonders bitter kommt es für Torwart Andreas Wolff.

Patrick Wiencek lief in Richtung Auswechselbank und schüttelte mit dem Kopf. Der Kreisläufer vom THW Kiel schien nicht glauben zu können, dass der Gegner schon wieder mit einfachen Mitteln zu einem Treffer gekommen war. Das Alarmierende an der Geste von Wiencek war nicht, dass es sie gab, sondern dass es sie in der zweiten Halbzeit gegen Lettland immer wieder gab. Fehler gehören zu einem Handballspiel, aber die deutsche Mannschaft hat bei der Europameisterschaft derzeit ein gravierendes Problem: Ihre ursprüngliche Stärke ist zu einem Problemfeld geworden. Vor dem Start in die Hauptrunde, die am Donnerstag in Wien mit der Partie gegen Weißrussland startet, hat die Mannschaft von Christian Prokop ein veritables Abwehrproblem. Das wird daran deutlich, dass es sogar die biederen Letten aufdecken konnten.

Die deutschen Handballer waren in den zurückliegenden 15 Jahren nicht immer ein Teil der Weltspitze. In der Endphase der Ära mit Heiner Brand als Bundestrainer landete die Auswahl des Deutsche Handballbundes (DHB) bei der EM 2010 auf dem zehnten Rang, die WM 2011 endete auf dem elften Platz. Mit Nachfolger Martin Heuberger verpassten die Deutschen gar die Qualifikation für die EM 2014. Der deutsche Handball war in dieser Zeit weit von den Besten entfernt, besaß aber über die ganze Zeit hinweg ein Qualitätsmerkmal: Die Abwehr in Verbindung mit den Torhütern genügte höheren Ansprüchen.

Die Gegner verzweifeln nicht mehr

Im vergangenen Jahr, bei der Heim-Weltmeisterschaft, schafften es die Deutschen vor allem deshalb ins Halbfinale, weil sie in der Defensive derart unüberwindbar waren, dass der Boulevard von der "Mauer von Berlin" sprach. Der Innenblock wurde in erster Linie von Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek gebildet, im Tor stand Andreas Wolff - und die Gegner verzweifelten. In Trondheim bildeten die beiden Kieler erneut die Abwehrzentrale, dahinter lauerte der Torwart von KS Kielce auf Paraden, aber das Resultat war ein völlig anderes. Die Mauer - um im Bild zu bleiben - ist löchrig geworden.

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"Wir waren in der Abwehr einfach nicht kompakt", sagte Wiencek nach dem wackligen Sieg über die Letten. Auch gegen die Spanier zuvor hatten es die Deutschen nicht geschafft, die Abwehrzentrale zu schließen. Das verwunderte, weil das Duo Pekeler/Wiencek eingespielt ist, die Harmonie stimmen sollte. Immer wieder gelang es den biederen Letten, ihren Kreisläufer freizuspielen, immer wieder erspähten sie Lücken im deutschen Abwehrverbund und brachen bis zum Kreis durch. "Alles wirkte irgendwie verkrampft", sagte Johannes Bitter. Der erfahrene Torhüter vom TVB Stuttgart teilte sich den Job mit Wolff zwischen den Pfosten, blieb aber wie der Kollege blass. "Wir haben wenig Hilfe von den Torhütern bekommen", bemängelte Bundestrainer Prokop. Allerdings hatten es die Keeper schwer, weil die Gegenspieler immer wieder frei vor ihnen auftauchten. Die schlechten Fangquoten von Bitter (24 Prozent) und Wolff (25) im Turnierverlauf sind nicht in erster Linie die Ursache der Abwehrschwäche, sondern eher die Folge.

Es klingt wie ein EM-Negativrekord

Dennoch stehen auch die Torhüter unter Druck, in der zweiten Turnierphase bessere Leistungen zu zeigen. Wolff startete beim 34:23-Erfolg gegen die Niederlande mit einer starken Vorstellung, er wehrte gegen Oranje 41 Prozent der Würfe auf sein Tor ab. Seither hat er nur eine Parade folgen lassen. Beim 26:33 gegen Spanien und dem 28:27-Zittersieg gegen Lettland rauschten 21 Bälle hintereinander an ihm vorbei ins Tor. Es gibt dazu keine verlässliche Statistik, aber das könnte ein EM-Negativrekord sein. Wolff wirkte nach der Partie gegen Lettland sauer. Auf sich selbst. Reden wollte er über seine Leistung nicht.

Die Tatsache, dass die Protagonisten der "Mauer von Berlin" auch in Trondheim Dienst taten, bedeutet, dass kein Qualitätsmangel das aktuelle Problem erklären kann. Vielmehr wirken die Deutschen in der Abwehr übereifrig. Die Spieler wollen oft zu schnell zu viel, stellen sich mit zwei Verteidigern einem Angreifer entgegen und entblößen damit zwangsläufig Räume, die der Gegner mit ein, zwei einfachen Pässen nutzen kann.

Die Hoffnung der Deutschen ruht darauf, durch einen Ortswechsel eine Art Neuanfang machen zu können. Gegen Weißrussland am Donnerstag und Kroatien am Samstag geht es in Wien weiter. Eine Niederlage würde die Hoffnung auf das Halbfinale auf ein Minimum schrumpfen lassen. Bundestrainer Prokop glaubt an einen Neustart: "Wir hoffen auf viele deutsche Fans, die werden wir brauchen. Das ist wichtig für die Emotionalität. Dann soll das Team näher zusammenrücken und Gas geben." Das gilt besonders für die Abwehrarbeit.

Quelle: ntv.de