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Champion nach Peinlich-Start? Die spektakuläre Auferstehung der Blues

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Der Einzug ins Stanley-Cup-Finale gelingt den St. Louis Blues erstmals nach 49 Jahren.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Die Stanley-Cup-Finalgeschichte der St. Louis Blues ist eine voller Niederlagen. Nach der Gründung steht der Eishockeyklub dreimal nacheinander in Endspielen - verliert aber jeweils. Es dauert 49 Jahre bis es nun wieder eine Siegchance gibt. Damit ist im Januar noch nicht zu rechnen.

Auf dem Weg zu den Finalspielen um den Stanley Cup werden die Fans der St. Louis Blues in Boston, ob sie's wollen oder nicht, mit der Vergangenheit konfrontiert. Auf dem Weg in den TD Garden kommen sie kurz vor der Arena an einer Bronzestatue jenes Mannes vorbei, der die Meisterschaftsträume ihres Vereins beendete, als die Blues zum bisher letzten Mal die Endspielserie der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL erreicht hatten: Bobby Orr.

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Bobby Orr machte sich in Boston unsterblich.

(Foto: imago/Icon SMI)

Am 10. Mai 1970 standen sich die Boston Bruins und St. Louis im vierten Finalspiel gegenüber. Die Bruins hatten die ersten drei Partien alle gewonnen. St. Louis drohte im dritten Jahr nacheinander ein "Sweep" in den Finals - also eine Niederlage in vier Spielen. Denn bereits 1968 und 1969 waren sie jeweils den Montreal Canadiens mit 0:4 unterlegen. Doch diese vierte Partie an jenem 10. Mai 1970 konnten die Gäste ausgeglichen gestalten, sodass es nach 60 Minuten 3:3 stand. Die Entscheidung musste also in der Verlängerung fallen - und sie fiel nach nur 40 Sekunden. Und zwar auf spektakuläre Art und Weise.

Bruins-Verteidiger Bobby Orr hatte im Blues-Drittel an der rechten Bande den Puck, mit Derek Sanderson einen Doppelpass gespielt und die Scheibe genau vor dem St.-Louis-Tor wiederbekommen. Der Rest ist Eishockeygeschichte. Orr schoss aus weniger als einem Meter Entfernung - und traf. Doch dieses Tor wäre nicht so legendär geworden ohne seinen Jubel. Orr ließ sich nicht etwa auf den Rücken fallen oder rutschte auf den Knien über's Eis. Nein, er hechtete senkrecht durch die Luft. Und das, obwohl er damals ohne Helm spielte. Und genau dieser Jubelsprung ist vor dem TD Garden in Bronze festgehalten.

17.914 Tage seit dem letzten Finalspiel

In St. Louis hätte damals sicherlich niemand gedacht, dass es 49 Jahre oder 17.914 Tage dauern würde, bis die Blues mal wieder nach dem Titel greifen. Drei Jahre zuvor hatte die NHL die Anzahl ihrer Teams von sechs auf zwölf verdoppelt. Und so bekam auch die Stadt im US-Bundesstaat Missouri ein Eishockey-Team. Und seitdem warten sie in St. Louis auf den Gewinn des Stanley Cups. Nur die Toronto Maple Leafs warten genauso lange. Dabei hatten die Blues gleich in den ersten drei Spielzeiten jeweils die Finalserie erreicht. Seit 1970 hingegen waren sie zwar oft in den Playoffs dabei - einmal sogar 25 Jahre nacheinander. Aber so nah wie diesmal kamen sie dem Stanley Cup nie wieder. "Final-ly" ("Endlich"), lautete denn auch die Schlagzeile auf der ersten Sportseite der Tageszeitung "St. Louis Post-Dispatch" nach dem Finaleinzug.

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Doch diese Endspielteilnahme war zu Jahresbeginn noch so unrealistisch wie ein Grundstück mit Meerblick mitten in St. Louis. Die Blues waren Liga-Letzter. Von den bis dahin absolvierten 37 Partien hatten sie nur 15 gewonnen - und lediglich 34 Punkte gesammelt. "Ich habe keine Antworten mehr. Um ehrlich zu sein ist das einfach peinlich", sagte Stürmer Pat Maroon. Vergangenen Dienstag meinte eben jener Maroon dann nach dem Erreichen der Finalserie: "Diese Mannschaft ist unnachgiebig. Und wir werden auch weiterhin unnachgiebig bleiben."

Der steile Aufstieg ist vor allem an zwei Männern festzumachen: Craig Berube und Jordan Binnington. Berube war bis zum 19. November Assistenztrainer, stieg dann aber zum Chef auf, weil Mike Yeo nach nur sieben Siegen aus 19 Spielen entlassen wurde. Doch Berube konnte den Kurs Richtung Keller zunächst nicht stoppen. Als die Blues dann am 2. Januar ganz unten angekommen waren, untersagte der Coach fortan, die Tabelle an der Kabinenwand anzubringen. "Viel zu negativer Effekt. Vor allem, wenn du das jeden Tag sehen musst."

Goalie Nummer 4 wird Stammtorwart

Zudem entschied sich Berube am 7. Januar, im Spiel bei den Philadelphia Flyers einfach mal Jordan Binnington ins Tor zu stellen. Der Schlussmann war zwar im Team-Ranking nur die Nummer vier - aber weiter nach unten konnte es für die Blues ja ohnehin nicht mehr gehen. Warum also nicht mal etwas Ungewöhnliches ausprobieren? Binnington blieb bei seinem Debüt ohne Gegentor, St. Louis gewann 3:0. Und seine Paraden wirkten sich positiv aus. Die Verteidiger spielten plötzlich sicherer und mit mehr Selbstvertrauen, weil sie merkten, dass da hinter ihnen jemand steht, der eben auch mal unhaltbare Schüsse hält. Zwischen dem 23. Januar und dem 19. Februar gewann St. Louis elf Spiele nacheinander.

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Goalie Binnington machte das Tor dicht.

(Foto: imago images / Icon SMI)

Und seitdem machen die Blues die Musik. Binnington gewann 24 seiner 30 Spiele, in denen er in der Vorrunde von Beginn an im Tor stand. Und all diejenigen, die erwartet hatten, dass der 25-Jährige in den Playoffs Schwächen zeigen würde, wurden widerlegt. Binningtons zwölf Siege in den bisherigen K.-o.-Runden-Partien sind bereits NHL-Rekord für einen Neuling. Und er will diese Serie noch ausbauen. "Ich bereite mich auf die Finals genauso vor, wie auf jedes andere Spiel. Und so versuche ich dann auch, unserem Team eine Chance zu geben, zu gewinnen."

"Wir wollen den Cup"

Ob der Torhüter-Wechsel Verzweiflung war oder vielleicht doch ein wenig Instinkt, kann Berube heute nicht mehr genau sagen. Fakt ist, dass Binningtons Berufung vor knapp viereinhalb Monaten der Hauptgrund dafür ist, dass St. Louis nun erstmals seit 1970 wieder vom Titel träumen darf. "Wir wollen den Cup", skandierten die Fans vergangene Woche in den Schlussminuten des sechsten Spiels (5:1-Sieg) gegen die San Jose Sharks. Wer kann es ihnen nach einer so langen Wartezeit verdenken?

Neben den Schlachtrufen fiel noch etwas auf. Genauer gesagt, war etwas unüberhörbar: "Gloria". Ein Achtziger-Song, der in St. Louis zum Ohrwurm geworden ist. Noch eine Stunde nach dem entscheidenden Sieg gegen San Jose lief das Lied von Laura Branigan in der Arena in einer Endlosschleife. Denn in St. Louis glauben sie fest daran, dass "Gloria" eben auch einen kleinen Anteil an den glorreichen Eishockey-Wochen dieses Frühjahrs hat.

Als einige Blues-Spieler am 6. Januar - jenem Abend vor dem NHL-Debürt von Jordan Binnington - in einer Bar in Philadelphia saßen, um ein Playoff-Spiel der National Football League zu schauen, legte der DJ plötzlich "Gloria" auf. Verteidiger Todd Bortuzzo schaute Stürmer Alex Steen an. Zwei Männer, eine Gedanke: "Das ist unser Song." Seitdem haben sie "Gloria" nach jedem Sieg gespielt. Wird "Gloria" nach den kommenden maximal sieben Partien mindestens noch viermal aufgelegt, wären die St. Louis Blues erstmals Meister.

Quelle: n-tv.de