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Leichtathletik braucht Reformen Digel: "Die WM ist ökonomisch gefährdet"

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Helmut Digel hat sich seit dem Doping-Skandal aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

(Foto: picture alliance / Paul Zinken/d)

Helmut Digel war 20 Jahre lang ein Spitzenfunktionär im Leichtathletik-Weltverband. Nach dem Betrugsskandal um den früheren IAAF-Präsidenten Lamine Diack ist es still um den 73-Jährigen geworden, dem viele nicht abnehmen, nichts von den Machenschaften mitbekommen zu haben. Ihm zu unterstellen, Teil des korrupten Dopingsystems von Diack gewesen zu, "finde ich mehr als unverschämt und verletzend", sagte er im Interview vor der WM in London.

Auf Ihrem Online-Portal haben Sie jüngst Kosten und Aufwand für große Titelkämpfe als "jedes Maß der Vernunft" überschreitend kritisiert. Welche Konsequenzen sehen Sie?

Das Organisieren der verschiedenen IAAF-Weltmeisterschaften ist mit hohem Aufwand und Kosten verbunden. Eine Programmreform der World Athletic Series ist unverzichtbar. Welche Inhalte und welche Dauer sollten die Wettkämpfe haben? Und: Muss man mit so hohen Teilnehmerzahlen arbeiten? Das sind zentrale Fragen.

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Der Sportwissenschaftler Helmut Digel war von 1993 bis 2001 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Die Freiluft-WM ist als einzige durch TV-Einnahmen und Marketingerlöse noch ein Geschäft für den Weltverband IAAF.

Bei der Freiluft-WM haben wir das Problem, dass der Vertrag der IAAF mit der Europäischen Fernsehunion EBU für Europa in diesem Jahr mit der WM in London ausläuft. Danach kommen zwei WM, die in Märkten stattfinden, die für Europa und europäische Fernsehanstalten nicht attraktiv sind: 2019 in Katar und 2021 in Eugene, wo noch die ungünstige Zeitverschiebung hinzukommt. Und in Katar kann die WM aus klimatischen Gründen nicht im August stattfinden. Seit 50 Jahren gibt es aber in Europa Sehgewohnheitsmuster im Sommer, mit einem privilegierten Platz für die Leichtathletik-WM. Wenn die Leichtathletik mit ihrem Kernprodukt, mit dem man die Massen erreicht, im Oktober stattfindet und in Ländern ohne eine Kultur für diesen Sport angeboten wird, geht man ein enormes Risiko ein.

Sie waren noch aktiv in der IAAF und für Marketing zuständig, als die Welttitelkämpfe in der Präsidentschaft von Lamine Diack nach Katar und Eugene vergeben wurden.

Dieses Risiko ist Herr Diack bewusst eingegangen: Ich habe im Council dagegen gestimmt und vor der Abstimmung meine Kollegen mehrfach davor gewarnt. Meines Erachtens hat man die europäische Leichtathletik als wichtigsten Markt zu schützen. Sie ist das Fundament der Weltleichtathletik. Wir sind momentan in einer Entwicklungsphase, wo das Kernprodukt WM ökonomisch gefährdet wird.

Gilt dies mehr denn je auch für die Inhalte und Präsentation der 48 Disziplinen bei der WM? Was muss sich ändern?

Auf jeden Fall die Dauer. Der Zuschauer ist nicht mehr bereit, fünf Stunden für eine Leichtathletik-Abendveranstaltung im Stadion zu verweilen. Länger als zweieinhalb Stunden sollte eine Abendveranstaltung nicht gehen. An jedem Abend müssten Minimum sieben Finals stattfinden. Die WM darf nicht länger als eine Woche dauern.

Kann man einzelne Disziplinen spannender machen?

Ja, fast jede. Die Dauer der Stabhochsprung-Wettbewerbe ist zum Beispiel viel zu lang. Jeder Athlet sollte zukünftig nur noch fünf Sprünge machen dürfen und die Eingangshöhe selbst setzen können. Damit wäre ein Pokern möglich. Setzt ein Athlet die Latte zu hoch, ist das Risiko, auszuscheiden, groß. Ein Weitsprung, bei dem von 60 Versuchen 40 ungültig sind, ist kein spannender Wettkampf. Kreative Ideen gibt es, leider werden sie in ihrer Umsetzung sowohl von konservativen Funktionären und teilweise von Athleten verhindert.

Die Präsentation der Leichtathletik bei den Sommerspielen 2016 in Rio haben Sie als "erschreckend" bezeichnet.

Die Leichtathletik war bis Rio jene Sportart, die vor- und nachmittags Stadien mit bis zu 80.000 Zuschauern füllen konnte, weil sie attraktiv war und jeder unbedingt dabei sein wollte. Auf diese Weise war sie die mit Abstand populärste Sportart bei Olympia. Aus einer kritischen Distanz betrachtet muss man nun feststellen: Die Leichtathletik hat diese Attraktivität verloren.

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Fast alle Leichtathletik-Wettbewerbe könnte man spannender machen, findet Helmut Digel.

(Foto: imago/Pressefoto Baumann)

Selten wurde die Leichtathletik besser präsentiert als bei den Sommerspielen 2012 in London. Wird die WM auch ein großes Fest?

Leichtathletik in London ist kein Risiko. Wir werden eine wunderbare WM erleben, und der Leichtathletik wird ein Durchatmen ermöglicht. Es wäre ein Fehler, wenn man vom Erfolg dieser WM auf die weltweite Situation der Leichtathletik schließen würde. Die ist viel kritischer. Deshalb ist London eine Chance, noch einmal zu zeigen, wie Leichtathletik gelingen kann.

Sebastian Coe ist seit zwei Jahren IAAF-Präsident und Nachfolger von Diack, gegen den die französische Justiz wegen Korruption ermittelt. Was hat der Brite bewegt, greifen nach dem Skandal um Vorgänger Diack seine Reformen?

Man kann über die neue Politik, wenn man das Attribut "neu" verwenden möchte, kein angemessenes Urteil abgeben. Die WM in London wurde vergeben, als Coe noch nicht im Amt war. Er war aber Vorsitzender der Evaluierungskommissionen der WM in Katar und Eugene, hat sich also für diese Standorte ausgesprochen und hat sie mit zu verantworten. Wenn diese Ereignisse vorbei sind, kann man über Erfolg oder Misserfolg der Arbeit von Coe sprechen.

Was ist mit den von ihm eingeleiteten Reformen?

Momentan kann man beim Produkt Leichtathletik nicht von wichtigen Reformen sprechen. Er hatte zunächst mit der Krise durch die kriminellen Handlungen, die Diack und seinem Clan vorgeworfen wurden, sehr viel zu tun. Sein Bemühen um "Good Governance" und die Einführung einer neuen Integritätskontrollinstanz und seine Ideen zum Anti-Doping-Kampf zielen in die richtige Richtung. Die entscheidenden Veränderungen haben aber noch nicht stattgefunden.

Sie mussten nach Aufdeckung des Diack-Skandals, zu dem auch das Vernichten von positiven Dopingproben gegen Geld gehörte, Kritik einstecken. Man glaubte Ihnen nicht, von all den Machenschaften nichts mitbekommen zu haben. Ist Coe da besser weggekommen?

Ich kann zu Coe nur so viel sagen: Ich glaube, dass er mit dem Betrug des Präsidenten, des IAAF-Schatzmeisters und der Anti-Doping-Abteilung der IAAF und mit all den Machenschaften mit Russland nichts zu tun gehabt hat. Die ganzen korrupten Vorgänge haben im Dunkeln stattgefunden, wie dies bei kriminellen Machenschaften meist der Fall ist. Ich kann versichern, dass bei keiner IAAF-Councilsitzung, bei der ich anwesend war, diese Dinge zur Sprache gekommen sind.

Fühlen Sie sich im deutschen Sport ins Abseits gestellt?

Ich empfinde die Vorwürfe, wie sie vom DOSB-Präsidenten geäußert und von Teilen der deutschen Presse übernommen wurden, nach wie vor als äußerst verletzend und beleidigend, vor allem vor dem Hintergrund meines engagierten Anti-Doping-Kampfes über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren. Ich wurde immerhin wegen meiner Initiativen mit dem Fair-Play-Preis ausgezeichnet. Mir zu unterstellen, ich sei Teil des korrupten Dopingsystems von Herrn Diack gewesen, finde ich mehr als unverschämt und verletzend.

Diack steht in Paris unter Hausarrest, die Anklage lässt lange auf sich warten.

Für mich ist es unverständlich, dass zwei Jahre nach der Aufdeckung des Skandals durch die ARD der Fall Diack juristisch noch nicht geklärt ist. Ich kann auch nicht verstehen, dass die IAAF Diack den Titel "Ehrenpräsident" noch belassen hat. Es ist alles so ohne Konsequenz. In der Presse wird der Fall redundant skandalisiert, aber juristisch hat es bisher kaum Folgen.

Quelle: n-tv.de, Andreas Schirmer, dpa

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