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Tor-Rekord und Lobeshymnen Draisaitl brilliert mit NHL-Wahnsinns-Saison

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Leon Draisaitl verbessert derzeit eine deutsche Bestleistung nach der anderen in der NHL.

(Foto: imago images / Icon SMI)

Leon Draisaitl spielt seine fünfte Saison in der NHL - und ist endgültig bei den Besten in der weltbesten Eishockeyliga angekommen. Der Kölner bricht deutsche Bestleistungen und heimst massenhaft Komplimente ein. Dennoch ist der 23-Jährige nicht richtig zufrieden.

Leon Draisaitl verließ enttäuscht das Eis des Rogers Place in Edmonton. Es lag nicht daran, dass seine bislang längste Punkteserie soeben endete. Seit dem 13. Februar hatte er in allen 14 Partien der Edmonton Oilers 13 Tore vorbereitet und zehn selbst geschossen. Er hatte sich mit 42 Treffern auf Platz zwei der NHL-Torschützenliste und mit 89 Zählern auf Rang sechs der Scorerliste katapultiert. Statistiken, die noch nie ein Deutscher in dieser Liga auch nur annähernd vorweisen konnte und Sphären, in denen für gewöhnlich Kanadier, Russen, Schweden, Finnen, Tschechen und Amerikaner zu finden sind. Aber keiner aus Köln - oder irgendeinem anderen Ort in good old Germany.

Doch es ging es am Mittwochabend nicht um seine persönlichen Bilanzen. Nicht darum, dass er weder getroffen, noch aufgelegt hatte. Nein, das Wichtigste war das Endergebnis auf dem Videowürfel über dem Eis. 3:6 hatte Edmonton verloren. Gegen die New Jersey Devils. Das schwächste Auswärtsteam der Liga. Eine Mannschaft, die mit einer Bilanz von sieben Niederlagen nacheinander nach Edmonton kam. Und die bereits elf Spieltage vor Ende der Punkterunde keine Chance mehr auf das Erreichen der Playoffs hat.

Nur noch vage Playoff-Chancen

Es war ein weiterer Nackenschlag einer bislang enttäuschenden Oilers-Saison - und es war vielleicht die entscheidende Niederlage im Kampf um ein K.-o.-Runden-Ticket. Zwölf Vorrundenspiele hat Edmonton noch. Sechs Punkte beträgt der Rückstand auf den achten und letzten Playoff-Platz. Dass es nur sechs Punkte sind, liegt vor allem an Kapitän Connor McDavid und eben Draisaitl. Beide sind die herausragenden Akteure in einem ansonsten maximal mittelmäßig besetzten Kader. Aber sie können oft gar nicht so viele Tore schießen oder auflegen, um den Qualitätsnachteil des restlichen Teams auszugleichen.

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Connor McDavid ist der zweite starke Mann der Oilers.

(Foto: www.imago-images.de)

McDavid hat bereits nach 66 Spielen 100 Punkte gesammelt. Er war schon in den vergangenen beiden Spielzeiten der Beste der Scorerliste gewesen und gilt ohnehin als Jahrhundert-Talent. Draisaitl wurde auch eine nicht so schlechte NHL-Karriere vorausgesagt. Und sein 68 Millionen-Dollar-Vertrag über sechs Jahre, den er im Sommer 2017 unterschrieben hatte, zeugt von reichlich Vertrauen seitens des Vereins. Doch das dieser 23-jährige Deutsche so durchstartet, so konstant trifft und so stark spielt, nein, das war so nicht zu erwarten - und kommt für ihn selbst etwas überraschend. Draisaitl betont, dass es "eine etwas neue Situation" für ihn sei, in der er sich befinde. Der Stürmer bezeichnet sich selbst nicht als "geborener Torjäger". Aber er würde halt den Puck derzeit einfach gut treffen.

13 Tore mehr als bisheriger deutscher NHL-Rekord

In seinen 70 Partien hat er 42 Tore erzielt. Das sind 13 mehr als der deutsche NHL-Rekord, den er und Marco Sturm sich bislang geteilt hatten. Draisaitl hat nicht nur als erster Deutscher die Marke von 30 Toren durchbrochen, sondern auch die von 40. Und vielleicht wackelt in den verbleibenden zwölf Partien sogar noch der Wert von 50 Treffern. Draisaitl wäre erst der sechste NHL-Profi, dem dies seit der Saison 2007/08 gelingen würde. Die anderen fünf heißen Alexander Owetschkin, Sidney Crosby, Jewgeni Malkin, Corey Perry und Steven Stamkos. Sie gehören seit einem Jahrzehnt zu den prägenden Profis der Liga, sind, bis auf Stamkos, Stanley Cup-Champion, Olympiasieger oder Weltmeister.

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"50 Tore zu schießen ist ziemlich unglaublich. Nur einmal in dieser Kategorie zu sein, reicht mir schon", sagt Draisaitl. Die beiden bislang letzten Oilers, die mindestens so oft in seiner Saison getroffen hatten, waren 1986/87 Wayne Gretzky (62) und Jari Kurri (54) - zwei Legenden. "Leon ist das größte Talent, das der deutsche Eishockeysport je hatte", sagt Uwe Krupp. "Es ist unglaublich, mit welcher Art und Weise und wie cool er an der Scheibe ist. Und das in diesem Alter - das sieht man einfach selten", ergänzt Marco Sturm. Krupp war der erste deutsche Stanley Cup-Champion. Sturm ist deutscher NHL-Rekordspieler. Er kennt Draisaitl noch aus seiner Zeit als Nationaltrainer, sieht in ihm nicht nur "einen überragenden Eishockeyspieler", sondern auch "einfach einen coolen Typen." Und jemanden, so Sturm, der sich "trotz eines nicht einfachen Jahres in Edmonton immer wieder" beweise.

Schnelle und präzise Direktabnahme

Bislang galt Draisaitl eher als Vorbereiter und nicht so sehr als Vollstrecker, hatte in jeder seiner drei Spielzeiten, in denen er komplett bei den Oilers war, deutlich mehr Tore aufgelegt, als selbst erzielt. Seine beste Saison war 2016/17 mit 29 Treffern und 48 Assists. Natürlich profitiert der Rheinländer davon, mit McDavid den besten Spieler der Liga neben sich zu haben. Aber seine gestiegenen Statistiken nur auf das Zusammenspiel mit dem Kapitän zurückzuführen, wäre zu einfach. Draisaitl schießt mehr und trifft häufiger. Kaum ein anderer Spiele hat eine so schnelle und präzise Direktabnahme wie er. Fast 22 Prozent seiner Schüsse sind Tore. Sein bisheriger Bestwert waren 16,9 Prozent (2016/17).

Von den Top Ten der Scoringliste ist er mit 42 Toren und 47 Vorlagen der Ausgeglichenste. Beim Führenden, Nikita Kutscherow (Tampa Bay) klafft beispielsweise zwischen Treffern (33) und Assists (78) eine riesige Lücke. Doch all diese Zahlen sind für Draisaitl derzeit zweitrangig. Die möglichen 50 Tore? Da denke er gar nicht dran, sagt er. Ginge es nach ihm, hätte er lieber einige Tore weniger erzielt und die Oilers würden auf einem Playoff-Platz rangieren.

Quelle: n-tv.de

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