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Ärger vor Deutschland-SpielEHF lässt Kroatiens Trainer nach Wutrede eiskalt abblitzen

29.01.2026, 20:16 Uhr
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Vor dem EM-Halbfinale der deutschen Handball-Nationalmannschaft knallt es heftig: Der gegnerische Trainer attackiert den europäischen Verband heftig. Der wiederum reagiert kühl - und mit zwei Seitenhieben.

Dagur Sigurdsson saß auf dem Podium in der Jyske Bank Boxen in Herning und war wirklich wütend. Der Nationaltrainer Kroatiens sollte eigentlich über das bevorstehende Halbfinale bei der Handball-EM gegen Deutschland (Freitag, 17.45 Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de) sprechen, doch der Isländer hatte zunächst andere Pläne.

Sigurdsson setzte zum Auftakt zu einer wüsten Wutrede gegen den Europäischen Handball-Verband (EHF) an. Es sei "absolut schockierend", durch welche Strapazen sein Team und er gejagt würden. Die Tirade Sigurdssons war so heftig, dass die EHF sich wenig später zu einer offiziellen Reaktion genötigt sah - und darin den wütenden Ex-Bundestrainer eiskalt abblitzen ließ.

Sigurdsson, der am Mittwochabend mit seinem Team noch im schwedischen Spielort Malmö das entscheidende Hauptrundenspiel gegen Ungarn (27:25) zu bestreiten hatte, schimpfte unter anderem über den Spielplan: Die Mannschaften aus der Hauptrundengruppe 2 mussten zuletzt an zwei Tagen hintereinander spielen, am Dienstag schlug Kroatien Slowenien 29:25. "Jeder, der irgendetwas von Sport versteht, weiß, dass zwei Tage weniger Pause in einem Zeitraum von zwölf Tagen mit sieben Spielen verdammt viel sind. Verdammt viel", zürnte Sigurdsson und bezeichnete die EHF als "Fast-Food-Firma", die sich nicht um die Qualität der Spiele schere.

"Es ist jedoch anzumerken ..."

Die EHF reagierte kühl auf Sigurdssons Tirade: Der Verband erkenne an, "dass die Mannschaften aus Malmö mit einer schwierigeren Situation konfrontiert sind. Es ist jedoch anzumerken, dass die Mannschaften bei früheren Meisterschaften mit ähnlichen Zeitplänen konfrontiert waren", erklärte der Verband in einem langen Statement. Und nannte als Beispiel ausgerechnet die EM 2018 in Kroatien. Ein subtiler Seitenhieb.

Damals konnte Kroatien allerdings nicht profitieren, der Gastgeber verpasste den Einzug ins Halbfinale knapp. Außerdem sei "der Zeitplan allen Mannschaften spätestens bei der Auslosung der Endrunde mehr als sechs Monate vor Beginn der Meisterschaft bekannt" gewesen. Außerdem seien "in den Entscheidungsprozess alle relevanten Interessengruppen, d. h. auch das Nations Board, der die nationalen Verbände vertritt, einbezogen."

Nicht nur der eng getaktete Zeitplan stieß Sigurdsson sauer auf, auch an der Turnierlogistik arbeitete er sich ab: "Die Planung ist nicht zu akzeptieren. Das ist unfair. Wir sind vier Stunden mit dem Bus von Malmö gefahren. Wir sind um 14.30 Uhr angekommen und unser Hotel ist nicht mal am Spielort Herning", wütete Sigurdsson weiter. "Jetzt fahren wir 45 Minuten vom Hotel zur Halle und wieder zurück. Es ist sechs Uhr, wenn ich zurückkomme." Die deutsche Mannschaft, die ihr komplettes Turnier in Herning bestreiten kann, ist im gleichen Hotel wie die Kroaten untergebracht.

"Identische Bedingungen"

Auch diesen Vorwurf konterte die EHF: "Für das Mannschaftshotel in Silkeborg haben die EHF und das Organisationskomitee bisher nur positives Feedback erhalten. Silkeborg wurde als Mannschaftshotel für die kroatische Delegation ausgewählt, um den beiden Halbfinalisten, Deutschland und Kroatien, identische Bedingungen zu bieten. Die kroatische Delegation wurde daraufhin am Mittwochabend informiert."

Wieder gab man dem kroatischen Nationaltrainer einen Hinweis auf die eigene Vergangenheit: "Etwas längere Anreisen bei internationalen Meisterschaften sind keine Seltenheit. Bei der IHF-Herren-Weltmeisterschaft 2025 wohnte Kroatien in Karlovac und reiste schließlich für seine Spiele nach Zagreb." Die WM 2025 fand in Dänemark, Norwegen und Kroatien statt, für die Finalrunde reiste der spätere Vizeweltmeister Kroatien aus Karlovac nach Oslo.

"Zirkus"

"Ich muss diesen Zirkus hier mitmachen. Das ist eine Schande. Die EHF interessiert sich nicht für uns Spieler und auch nicht für das Team", sagte Sigurdsson nun in Herning zu den anwesenden staunenden Pressevertretern. Das Prozedere vor den Halbfinalspielen sei den Verbänden allerdings ebenfalls seit Monaten bekannt gewesen, hieß es von der EHF. Man werde nach Abschluss der Meisterschaft die Organisation sorgfältig evaluieren und entsprechende Schlussfolgerungen ziehen.

Auch das isländische Team, das ebenfalls die 340 Kilometer lange Reise aus Malmö nach Herning antreten musste, meldete Kritik an - wollte aber kein zu großes Ding daraus machen: "Es ist seltsam, dass wir zwei Tage hintereinander spielen müssen, während die andere Gruppe einen Tag frei hat. Aber so ist es nun einmal", sagte Gisli Kristjansson beim dänischen Sender TV2Sport. Der Rückraumstar vom SC Magdeburg sei sich "zu 1000 Prozent sicher", dass die Teams aus der Hauptrundengruppe 2 im Nachteil sind. "Vier oder fünf Stunden im Bus und das nach einem Spiel, wo man im Normalfall eine schlechte Nacht hat. Und es ist nur noch ein Spiel bis zum Finale. Ich möchte mich nicht zu sehr beklagen, denn ich kann es nicht ändern."

Dass der Reisestress für Kroatien einen Nachteil im Duell mit dem DHB-Team bedeutet, ist auch im deutschen Lager unbestritten. Deutschlands Kapitän Johannes Golla hatte nach dem beeindruckenden 38:34-Sieg der deutschen Mannschaft am Mittwochabend schon Mitleid mit dem kommenden Gegner: "Die anderen Mannschaften haben schon meinen Respekt und tun mir auch ein bisschen leid. Die mussten gestern spielen, die müssen heute spielen und morgen reisen. Das ist ein hammerhartes Programm", sagte der Kreisläufer. "Ich hoffe, dass alle Spieler fit bleiben und wir ein Spiel auf allerhöchstem Niveau erleben. Und das am Ende kein großes Thema wird."

Quelle: ntv.de, ter

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