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"Absolut schockierend"Kroatiens Trainer liefert vor EM-Duell mit Deutschland heftige Wutrede

29.01.2026, 18:16 Uhr
imageVon Till Erdenberger, Herning
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2016 führt Dagur Sigurdsson Deutschland zum bis heute letzten großen Handball-Titel, nun will er deutsche Titelträume beenden. Doch der Nationaltrainer Kroatiens sieht sein Team benachteiligt - und findet harte Worte.

Dagur Sigurdsson steht vor einem ganz besonderen Spiel, aber die Vorfreude auf das EM-Halbfinale ist beim Nationaltrainer Kroatiens noch gering - und die Vorbereitung auf das Duell mit Deutschland ist arg gestört. Der ehemalige Bundestrainer war auf dem obligatorischen Pressetermin einen Tag vor dem Spiel mächtig wütend und lieferte vor den versammelten Medienvertretern eine beeindruckende Wutrede.

"Ich muss diesen Zirkus hier mitmachen. Das ist eine Schande. Die EHF interessiert sich nicht für uns Spieler und auch nicht für das Team", schimpfte Sigurdsson vor dem Spiel an diesem Freitag (17.45 Uhr/ARD und Dyn und im Liveticker auf ntv.de) vor den anwesenden Pressevertretern ungefragt los. Der Isländer, der Deutschland 2016 sensationell zum EM-Titel geführt hatte, war mit seiner Mannschaft erst am Vormittag in Malmö aufgebrochen, dem schwedischen Spielort der Kroaten. Dort hatte der Vize-Weltmeister erst am Mittwochabend durch ein nervenaufreibendes 27:25 gegen Ungarn den Gruppensieg und damit den Halbfinaleinzug gesichert. Bei einer Niederlage wäre Kroatien ausgeschieden.

"Nicht zu akzeptieren"

"Die Planung ist nicht zu akzeptieren. Das ist unfair. Wir sind vier Stunden mit dem Bus von Malmö gefahren. Wir sind um 14.30 Uhr angekommen und unser Hotel ist nicht mal am Spielort Herning. Jetzt fahren wir 45 Minuten vom Hotel zur Halle und wieder zurück. Es ist sechs Uhr, wenn ich zurückkomme. Wir hatten kein Training, wir hatten kein Treffen mit dem Team", polterte der 52-Jährige in seiner knapp dreiminütigen Einstiegs-Tirade neben dem staunenden Bundestrainer Alfred Gislason weiter. In den sozialen Medien kursieren Bilder, die kroatische Spieler im Gang des Busses liegend zeigen. Die deutsche Mannschaft absolviert dagegen ihr komplettes Turnier in Dänemarks Handball-Hauptstadt Herning, wo auch die Medaillenspiele stattfinden. Beide Teams sind nun im selben Hotel in Silkeborg untergebracht.

Außerdem hatten die Kroaten zuletzt zwei Spiele an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu bestreiten, Halbfinalgegner Deutschland hatte immer einen Tag Pause. "Jeder, der irgendetwas von Sport versteht, weiß, dass zwei Tage weniger Pause in einem Zeitraum von zwölf Tagen mit sieben Spielen verdammt viel sind. Verdammt viel", zürnte Sigurdsson und bezeichnete die EHF als "Fast-Food-Firma", die sich nicht um die Qualität der Spiele schere.

"Sie wollen einfach nur verkaufen. Sie bestellen Artisten, um eine großartige Show zu liefern. Alles andere ist ihnen egal", sagte der kroatische Nationaltrainer und erklärte: "Sie haben uns heute Abend in einen kalten Bus gepackt wie gefrorenes Hühnchen." Bundestrainer Alfred Gislason pflichtete seinem Landsmann bei. "Er hat vollkommen recht und es tut mir leid", sagte der 66-Jährige. Kurz vor der EM-Endrunde hatte die deutsche Mannschaft in zwei Test-Länderspielen gegen den WM-Zweiten jeweils Siege gefeiert (32:29 und 33:27). "Das zählt gar nichts. Wenn es darauf ankommt, können sich die Kroaten sehr gut fokussieren", sagte Gislason.

"Tun mir ein bisschen leid"

Er komme also um "sechs Uhr ins Hotel zurück, um zu schauen, ob meine Spieler gesund sind", sagte Sigurdsson, "um eine Besprechung zu machen, um das Spiel von morgen zu analysieren. Und wir stehen im Halbfinale. Das ist eine absolute Schande. Und dann hängen sie hier den Slogan hin: 'Pure Greatness'. Wirklich? Ist das 'Pure Greatness'? Das ist absolut schockierend". Sein wütendes Eingangsstatement beendete Sigurdsson unmissverständlich: "Ich werde sehr froh sein, wenn ich hier weg kann. Sagen Sie mir einfach Bescheid, wann ich gehen darf." Doch der EM-Held Deutschlands, der jetzt hochkonzentriert gegen einen neuen deutschen EM-Coup arbeiten wird, musste noch 20 Minuten Fragen beantworten. Dann stand er auf und ging, ohne sich von den anwesenden EHF-Offiziellen zu verabschieden.

Kroatiens Kapitän Ivan Martinovic hatte sich schon am Vortag empört von dem Plan gezeigt: "Das ist total verrückt. Wir haben vier Spiele in sieben Tagen gespielt – und zwei Spiele in zwei Tagen. Das ist wirklich zu viel. Das ist weder für unseren Körper noch für unsere mentale Gesundheit gut." Der frühere Spieler des Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen beschwerte sich: "Morgen ist unser Ruhetag, und wir müssen vier bis fünf Stunden nach Herning fahren, um das Halbfinale zu spielen. Das könnte besser organisiert sein. Es tut mir leid, dass ich das sagen muss."

Auch das isländische Team, das ebenfalls die 340 Kilometer lange Reise aus Malmö nach Herning antreten musste, meldete Kritik an - wollte aber kein zu großes Ding daraus machen: "Es ist seltsam, dass wir zwei Tage hintereinander spielen müssen, während die andere Gruppe einen Tag frei hat. Aber so ist es nun einmal", sagte Gisli Kristjansson beim dänischen Sender TV2Sport.

Der Rückraumstar vom SC Magdeburg sei sich "zu 1000 Prozent sicher", dass die Teams aus der Hauptrundengruppe 2 im Nachteil sind. "Vier oder fünf Stunden im Bus und das nach einem Spiel, wo man im Normalfall eine schlechte Nacht hat. Und es ist nur noch ein Spiel bis zum Finale. Ich möchte mich nicht zu sehr beklagen, denn ich kann es nicht ändern."

Deutschlands Kapitän Johannes Golla hatte nach dem beeindruckenden 38:34-Sieg der deutschen Mannschaft am Mittwochabend schon Mitleid mit dem kommenden Gegner: "Die anderen Mannschaften haben schon meinen Respekt und tun mir auch ein bisschen leid. Die mussten gestern spielen, die müssen heute spielen und morgen reisen. Das ist ein hammerhartes Programm", sagte der Kreisläufer. "Ich hoffe, dass alle Spieler fit bleiben und wir ein Spiel auf allerhöchstem Niveau erleben. Und das am Ende kein großes Thema wird." Spätestens mit Sigurdssons Tirade ist es jetzt definitiv ein Thema.

Quelle: ntv.de

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