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Corona, Polizeigewalt, Trump Eine NBA-Saison, die niemand vergessen darf

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LeBron James führt seine Lakers zum Titel - und transportiert dabei so viel mehr als nur sportliche Größe.

(Foto: AP)

Mit dem Titelgewinn der Los Angeles Lakers geht eine beispiellose Saison in Nordamerikas Basketball-Liga NBA zu Ende. Es war eine Spielzeit voller Fragen, Botschaften, Ungewissheit - und eine, in der Basketball zwischendurch absolut unwichtig war.

Wenn irgendwann, sagen wir, in 50 Jahren, auf diese NBA-Spielzeit 2019/20 zurückgeblickt wird, was mag dann wohl als Erstes auffallen? Was waren der Moment, die Schlagzeile, der Spieler der Saison? Ist es LeBron James, der nach den Miami Heat und den Cleveland Cavaliers auch die Los Angeles Lakers zur Meisterschaft geführt hat? Ist es der tragische Unfalltod von Kobe Bryant am 26. Januar 2020, der Millionen Menschen auf der Welt bewegt hat? Oder das Coronavirus, das die stärkste Basketball-Liga des Planeten am 11. März für rund vier Monate zum Stillstand brachte?

Reicht vielleicht gar das Wort "Bubble" aus, um sofort zu wissen, das von der Saison 2019/20 die Rede ist? Also ein Begriff, der mit etwas so einprägsam verbunden ist, um sofort das Kopfkino in Bewegung zu setzen. So wie "Wembley" halt für das Fußball-Weltmeisterschafts-Finale von 1966 zwischen England und Deutschland steht - oder mit "Rumble in the Jungle" der legendäre Box-Schwergewichtskampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman 1974 in Kinshasa gemeint ist.

Saison dauerte 355 Tage

Die "New York Times" schreibt von "einem der schlimmsten, merkwürdigsten Jahre - eine NBA-Saison wie keine andere." Und dennoch wurde 355 Tage nach dem Auftakt am 22. Oktober 2019 mit den Lakers das Team Meister, das zu den großen Favoriten zählte und mit LeBron James den besten Spieler der Welt hat. James und Co bejubelten am Sonntagabend ihren Erfolg - allerdings nicht vor knapp 19.000 euphorischen Fans im ausverkauften heimischen Staples Center, sondern in einer kleinen, nahezu leeren Halle in Orlando. Der Jubel war echt, er war ausgelassen - aber er war trotzdem so abgeschottet von der Außenwelt, wie es die NBA-Profis seit Anfang Juli eben waren.

Und dennoch war diese Basketball-Blase in Disney World das maximal Machbare, was die NBA tun konnte, um ihre am 11. März unterbrochene Saison im globalen Corona-Hotspot USA, doch noch zu Ende bringen. Strenges Hygienekonzept, tägliche Tests und kein Zutritt für Außenstehende waren neben der Disziplin der rund 350 Mitwirkenden die Säulen des Erfolgs. "Teams und Spieler haben gemeinsam einen Weg gefunden, in der Pandemie zu spielen, alle zu schützen und das Scheinwerferlicht auf kritische und wichtigen Punkte zu richten. Jedes Team verdient es, dafür gefeiert zu werden", betonte NBA-Commissioner Adam Silver.

NBA-Profis vereint und lautstark wie nie

Die Blase in Orlando bedeutete nicht nur Basketball ohne Fans und ohne Heimvorteil, sondern auch Basketball mit Botschaft. Nach den Todesfällen von George Floyd und Breonna Taylor durch übertriebene Polizeigewalt waren die NBA-Profis so vereint und lautstark wie noch nie. Sie nutzten ihre Reichweite in den sozialen Medien und auf den Presserunden für Aussagen, die so viel wichtiger waren als ein entscheidender Drei-Punkte-Wurf oder ein gefangener Rebound.

"Alle Spieler haben sich dazu geäußert, was in Amerika gerade los ist. Wir alle wollen bessere Tage sehen. Und wenn wir hier abreisen, werden wir weitermachen, dieses Ziel voranzutreiben", sagte James in seinem ersten Interview nach dem Titelgewinn noch auf dem Parkett. Spielergewerkschaft und Liga hatten 29 Statements miteinander abgestimmt, die auf Hoodies, T-Shirts, Trainingsanzügen oder Schuhen zu sehen waren. Von "Black Lives Matter" und "Vote" (Geht wählen), über "Enough" (Es reicht) und "Equality" (Gleichberechtigung) bis hin zu "Justice" (Gerechtigkeit). Die Spieler knieten nahezu geschlossen bei der Nationalhymne. Und als Ende August der Schwarze Jakob Blake in Wisconsin von einem Polizisten durch sieben Schüsse in den Rücken schwer verletzt wurde, streikten sie gar. Selbst ein Saisonabbruch schien möglich. Drei Tage lang wurde nicht gespielt, sondern beraten und diskutiert.

NBA-Arenen werden Wahllokale

Das Ergebnis ist beeindruckend. 20 NBA-Arenen werden im Vorfeld oder am Tag der US-Präsidentschaftswahlen als Wahllokale dienen. Während der Playoff-Spiele wurde immer wieder darauf hingewiesen, sich registrieren zu lassen und wählen zu gehen. Selbst Gregg Popovich machte mobil. Der Trainer der San Antonio Spurs und der US-Nationalmannschaft trug ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck: "Geht wählen - euer Leben hängt davon ab." Die USA hätten viele Probleme, so Popovich. Aber man könne sie nicht lösen, wenn man nicht wählen gehe, betonte er. Man stelle sich vor, Joachim Löw würde als Bundestrainer mitten in einem Bundesliga-Spiel mit einer solchen Botschaft auftauchen.

Mit dem Titelgewinn der Lakers ist nicht nur die längste Saison der NBA-Geschichte beendet. Erstmals kann niemand mit Gewissheit sagen, wann, wo und wie die nächste Spielzeit beginnen wird. Klar ist, dass der von Adam Silver angestrebte Saisonstart zu Weihnachten nicht machbar sein wird. Es werde wohl besser sein, so Silver, wenn man "im Januar" loslege. Doch ob erneut in abgeschirmten Blasen ohne Zuschauer oder vielleicht doch mit Heim- und Auswärtsspielen sowie einigen Fans in den Arenen - das ist derzeit ebenso offen wie der Tag der Championship-Parade der Lakers.

Beim letzten Titel, 2010, hatten mehrere Hunderttausend Fans den Triumphzug des Teams durch Downtown L.A. verfolgt. In Zeiten von Corona ist daran diesmal nicht zu denken. Und so meinte Vereinsbesitzerin Jeanie Buss lediglich: "Laker-Nation, ich freue mich darauf, diesen Titel mit euch zu feiern, wenn es wieder sicher ist."

Quelle: ntv.de