Sport

Trumps Rassismus-Problem Der US-Sport entdeckt seine politische Macht

2020-08-29T224440Z_1241016853_NOCID_RTRMADP_3_NBA-PLAYOFFS-OKLAHOMA-CITY-THUNDER-AT-HOUSTON-ROCKETS.JPG

NBA-Teams wie Houston Rockets knien während der Hymne, auf ihren Shirts steht: "Black Lives Matter".

(Foto: USA TODAY Sports)

Zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl steht der Profisport in den USA aus Protest gegen Rassismus still, die Basketballliga NBA geht sogar noch weiter. "Das ist größer als Basketball", sagt ein Spieler. Wenn das jemandem schaden könnte, dann Trump.

Am frühen Morgen des 28. Januar 2018 steht Sterling Browns Auto auf dem fast leeren Parkplatz eines Drogeriemarktes in Milwaukee, quer über Behindertenparkplätze. Ein Polizist wird auf den Afroamerikaner aufmerksam, spricht den Nachwuchsprofi der NBA an. Doch statt den 22-Jährigen bloß zu verwarnen oder einen Strafzettel auszustellen, ruft er weitere Polizisten hinzu, die Brown zu Boden reißen, ihm Stromschläge verpassen und wegen angeblichen Widerstands gegen die Staatsgewalt festnehmen.

Wenige Stunden später wird er wieder freigelassen. Am selben Tag steht Brown für sein Team gegen die Brooklyn Nets auf dem Court. Reportern sagt er, die Schrammen in seinem Gesicht seien eine private Angelegenheit. Inzwischen ist sie das nicht mehr: Sterling Brown hat mit den Milwaukee Bucks einen historischen Protest im US-Profisport gegen Polizeigewalt angestoßen. Auslöser war der Vorfall im Bundesstaat Wisconsin, wo ein Polizist den Afroamerikaner Jacob Blake aus geringem Abstand mehrmals in den Rücken geschossen hatte. Womöglich wird Blake für immer von der Hüfte abwärts gelähmt sein.

Die Mannschaft der Milwaukee Bucks, die nicht zu ihrem Playoff-Spiel am Mittwoch antrat, löste eine Kettenreaktion im Profimannschaftssport aus. Spieler und Teams der Eishockeyliga NHL, der Major League Baseball MLB, der Fußballliga MLS und sogar der National Football League NFL traten aus Protest über Polizeigewalt an Afroamerikanern nicht zu Partien an oder setzten Trainings aus. Das Tennis-Masters in New York wurde für einen Tag unterbrochen.

Die Sportler solidarisieren sich mit der "Black Lives Matter" -Bewegung, die seit Monaten auf Reformen und Maßnahmen gegen Rassismus drängt. Es ist die fehlende Verhältnismäßigkeit, die Kritiker der Polizei im Umgang mit Afroamerikanern anprangern. In der Wirtschaftskrise, die einkommensschwächere Bevölkerungsschichten und damit auch Afroamerikaner viel eher als Weiße trifft, ist ein explosives soziales Gemisch entstanden, das nun bis in den Profisport reicht. Der breite Protest der Ligen zeigt zumindest, dass eine Bereitschaft besteht, Rassismus als Problem anzuerkennen. Womöglich auch, sich damit auseinanderzusetzen.

Spielstätten werden Wahllokale

Seit Samstag setzen NHL und NBA ihre Playoffs zwar fort. Aber in der NBA wurde erst nach intensiven Verhandlungen zwischen Liga, Teams und Spielern entschieden. Auch einen Saisonabbruch zogen die Spieler ernsthaft in Betracht. Superstar LeBron James von den Los Angeles Lakers beriet sich gar mit Ex-Präsident Barack Obama darüber. Doch sie spielen nun wieder. Dafür bekamen sie große Zugeständnisse: So weit möglich sollen alle Spielstätten bei der Präsidentschaftswahl am 3. November als Wahllokale oder für anderes genutzt werden, was die Wahl erleichtern soll. In den Playoffs wird nun für Wahlbeteiligung und Engagement geworben.

Der Basketball engagiert sich also politisch. Vermittler zwischen Spielern und Besitzern ist Ex-Superstar Michael Jordan, der einzige afroamerikanische Teambesitzer der NBA. Das ist umso bemerkenswerter, da Jordan es als Spieler der Chicago Bulls im Jahr 1992 noch für keine gute Idee hielt, sich zu solchen Dingen zu äußern. Sein Mannschaftskollege Craig Hodges hatte ihn dazu bringen wollen, als wegen des brutalen Vorgehens der Polizei gegen den Afroamerikaner Rodney King in Los Angeles Straßenschlachten tobten.

Aber seither sind fast drei Jahrzehnte und viele weitere dokumentierte Vorfälle gegen Afroamerikaner ins Land gegangen, und der Tod von George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten hat eine Protestwelle wie seit den 1960er-Jahren nicht mehr ausgelöst. Wie damals fordern Bürgerrechtler in Washington vor Zehntausenden Menschen ein Ende der systematischen Diskriminierung gegen Afroamerikaner.

US-Präsident Donald Trump kritisierte, die NBA sei wegen des Protests "zu einer politischen Organisation geworden". Er denke nicht, dass dies gut für den Sport oder das Land sei. Er ließ offen, was genau er damit meint. Zugleich erwähnte er angebliche "sehr schlechte" TV-Einschaltquoten der Liga. Damit könnte Trump implizieren, dass die NBA den Protest womöglich sogar fördert, um aus geschäftlichem Interesse mehr Aufmerksamkeit zu generieren.

Die Einigung der Spieler mit der NBA ist bemerkenswert, weil afroamerikanische Sportler, die ihre Bekanntheit nutzten, um auf gesellschaftliche Benachteiligung und Rassismus aufmerksam zu machen, in der Vergangenheit häufig streng sanktioniert wurden. Nach der Siegerehrung der Olympische Spiele 1968 waren es der 200-Meter-Sieger Tommie Smith und Bronze-Gewinner John Carlos. Beide hatten aus Solidarität für Menschenrechtler ihre behandschuhten Fäuste nach oben gereckt, woraufhin IOC-Präsident Avery Brundage, selbst US-Amerikaner, dafür sorgte, dass die beiden aus dem US-Team und dem Olympischen Dorf geschmissen wurden. Smiths und Carlos' Familien erhielten danach sogar Todesdrohungen.

Mehr Aufmerksamkeit, mehr Wähler

Es ist eine permanente Diskussion, ob Sport politisch sein sollte oder nicht. Viele Profis in den USA haben sich offensichtlich dafür entschieden: Als am Samstag, mehr als fünfzig Jahre nach der Olympia-Verbannung von Smith und Carlos, bei der neu angesetzten Partie Milwaukee Bucks gegen Orlando Magic die amerikanische Nationalhymne in der Halle erklang, knieten Spieler und Funktionäre nieder, Weiße wie Schwarze. Manche nahmen sich an die Hand und trugen "Black Lives Matter"-Shirts. In der NBA betrachten sich etwa drei Viertel der Spieler als Schwarze, ein so hoher Anteil wie in keiner anderen US-Profiliga.

Die Geste kann auch als starkes Signal der Solidarität mit dem American-Football-Profi Colin Kaepernick verstanden werden. Der in Milwaukee geborene afroamerikanische NFL-Quarterback hatte 2016 aus Protest gegen systemischen Rassismus und Polizeigewalt während der Nationalhymne ebenfalls gekniet, statt wie üblich zu stehen, und damit große Diskussionen ausgelöst. Kritiker warfen Kaepernick und den sich mit ihm solidarisierenden Spielern vor, unpatriotisch zu sein.

Trump forderte von den Teambesitzern der NFL, sie sollten Kaepernick und Co einfach rausschmeißen. Tatsächlich wurde Kaepernick nach 2016 vereinslos. Er hat seither kein Profispiel mehr bestritten, obwohl seine sportliche Eignung weitgehend unbestritten ist. Kaepernick klagte deshalb gegen die NFL, die ihm bei einer außergerichtlichen Einigung 10 Millionen Dollar zahlte.

Ob und wie all dies politische Auswirkungen haben wird, ist kaum vorauszusehen. Falls sich etwas verändern wird, dürfte es sich auch nicht direkt dorthin zurückverfolgen lassen. Im Fall der NBA könnte die Einigung zwischen Spielern, Eignern und Liga, wenn überhaupt, nur "schlecht" für Trump selbst sein: Falls sich deshalb mehr Amerikaner zur Wahl ermutigt fühlen, da sie wollen, dass etwas gegen Rassismus und Polizeigewalt getan wird. Laut Pew Research wollen rund 90 Prozent der wahlberechtigten Afroamerikaner für die Demokraten stimmen. Joe Bidens Vizekandidatin heißt Kamala Harris, die sich selbst als Schwarze bezeichnet und im Falle eines Wahlsiegs den Kampf gegen strukturellen Rassismus angekündigt hat.

Eines hat der Protest der NBA und der anderen Profisportler bestimmt erreicht: mehr Aufmerksamkeit für ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die Milwaukee Bucks sind überzeugt davon, dass sie das Richtige getan haben. Nachdem sie den Protest ausgelöst hatten, sprachen sie mit der Familie von Jacob Blake: "Wir brauchten danach keine weitere Bestätigung", sagte Spieler Wesley Matthews. "Das ist größer als Basketball für mich", erklärte sein Teamkollege Giannis Antetokounmpo. "Wir werden uns unser Leben lang daran erinnern, wie wir uns gefühlt haben."

Quelle: ntv.de