Sport

Shiffrin nun so GOAT wie Brady Eine der größten Sportleistungen aller Zeiten

imago1022699080h.jpg

Mikaela Shiffrin ist die unantastbare Königin auf Skiern.

(Foto: IMAGO/GEPA pictures)

Die amerikanische Ausnahmeläuferin Mikaela Shiffrin schreibt abermals Ski-Geschichte: Am Kronplatz gewinnt sie ihr 83. Weltcup-Rennen - im Alter von gerade einmal 27 Jahren und nach gerade einmal 236 Rennen. Und der nächste Rekord winkt schon ganz bald.

Es gibt Orte auf dieser Welt, die wären prädestinierter gewesen für diese historische Skifahrt. Das finnische Levi etwa, das amerikanische Killington oder das kroatische Zagreb. Dort hatte sich Mikalea Shiffrin schon vor einiger Zeit Königreiche aus Schnee und Eis erschaffen. Dort ist sie bereits die unangreifbare Regentin. Und seit diesem Dienstag endgültig auch die alleinige Königin im Ski-Weltcup. Am Kronplatz siegte sie "erst" zum zweiten Mal im Riesenslalom, ausgerechnet. Der Slalom, ihre absolute Paradedisziplin, wäre so viel passender, ja prädestinierter eben, gewesen. War der erste Erfolg am Kronplatz vor vier Jahren noch einer gewesen, der kaum über das bloße Ereignis hinausgewirkt hatte, bleiben die Fahrten (zwei Durchgänge) von diesem 24. Januar womöglich für immer in den Geschichtsbüchern des Skisports als unantastbare Wegmarke vermerkt.

Der Sieg von Shiffrin ist der geschichtsträchtigste, den der alpine Skisport der Frauen je erlebt hat. Die gerade einmal 27 Jahre alte Amerikanerin feierte ihren 83. Weltcup-Sieg, damit rast sie ihrer amerikanischen (Ex)-Kollegin Lindsey Vonn davon. Bis zu diesem Dienstagmittag standen beide auf einer Stufe. Es war eine Zwischenetappe, darin war sich die Ski-Welt einig. Vonn feierte 2018 im Alter von 33 Jahren ihren 82. Titel im Weltcup, Shiffrin erreichte diese historische Marke nun sechs Jahre früher. In lediglich 237 Rennen. "Ich hatte ein bisschen Angst vor diesem Tag", gestand sie unmittelbar nach ihrem Triumph, "weil ich fürchtete, dass meine Gefühle verrückt spielen würden." Ihre Emotionen verbarg sie da noch hinter einer dicken, goldfarbenen Sonnenbrille.

Über Rekorde redet sie nicht gerne

Bei der Siegerehrung erhielt Shiffrin standesgemäß eine Goldmedaille. Ihre Haare hatte sie zu zwei Zöpfchen geflochten - ganz wie bei ihrer Siegpremiere am 20. Dezember 2012 im schwedischen Are. Damals war sie bestenfalls die Kronprinzessin - gehütet einst von der Babysitterin Lindsey Vonn -, nun ist sie die Königin. Unantastbar, auf Jahre, vielleicht Jahrzehnte, vielleicht auf ewig. Ihr Freund, der norwegische Speed-Dominator, postete "GOAT"-Grüße aus der Ferne via Instagram. GOAT - Greatest of all time. Ein Status, der dem taumelnden Star-Quarterback Tom Brady mit seinen Super-Bowl-Triumphen zugerufen wird, aber auch Fußball-Weltmeister und Allesgewinner Lionel Messi und manchmal auch Cristiano Ronaldo.

Eigentlich hatte sie über Rekorde nicht mehr reden wollen. Aber was soll man denn machen, wenn jemand alle Bestmarken so fein zerstäubt, wie sonst nur die perfekt geschliffenen Skikanten den Pulverschnee? Und auch nach diesem historischen Ereignis wird kaum Ruhe in das Rekordgerede einkehren. Denn der 27-jährigen Shiffrin fehlen nur noch drei Siege, um die schwedische Legende Ingemar Stenmark einzuholen- und vier Siege, um sie zu überholen. 86 Mal hatte der mittlerweile 66-Jährige im Weltcup triumphiert. Er sollte seinen Status so lange genießen, wie er kann. Kaum jemand bezweifelt, dass er in diesem Winter (der bislang keiner ist) noch fallen wird.

Freunde der Spekulation haben den 29. Januar für das nächste historische Ereignis ausgerufen. Shiffrin hätte in dieser Rechnung die beiden Riesenslalom-Weltcups am Kronplatz gewonnen und wäre mit zwei Slalom-Siegen in Spindlermühle am kommenden Wochenende zu Stenmark aufgestiegen. Rechtzeitig zur Weltmeisterschaft, die eine Woche später in Frankreich beginnt, bei der sie in der aktuellen Form in allen Disziplinen - vom Slalom, über Riesenslalom und Super-G bis zur Abfahrt - zu den Top-Favoritinnen gehört. Je überragender sie im Slalom und im Riesenslalom geworden war, desto mehr probierte sie sich in den schnellen Wettbewerben aus. Mit Erfolg. Wenn auch nicht ganz so dominant. Aber sie hat mittlerweile in allen Disziplinen Siege gefeiert - Wahnsinn.

Unangreifbar auf dem Ski-Thron

Shiffrin duellierte sich mit Größten wie Tina Maze oder Frida Hansdotter. Und sie gewann. Petra Vlhova und Wendy Holdener fordern sie seit Jahren heraus, meistens erfolglos. Auch die Deutsche Lena Dürr rüttelte wenige Male ganz zart am Thron. Dort sitzt die Königin des Skisports, schier unangreifbar. Wenn sie ihre Technik abruft, keinen Fehler macht, dann ist sie nicht zu schlagen. Keine andere Athletin steht so ruhig und zentral auf und über den Brettern. Ihre Schwünge sind so rund, präzise, nahe an der Perfektion. Der deutsche Alpin-Chef Wolfgang Maier adelte den US-Superstar zuletzt als beste Ski-Sportlerin in allen Bereichen. "Sowohl von der Athletik her, auch von der Skitechnik. Sie hat keine Innen- und Außenlagen." Beeindruckend, perfekt eben. Sie hat den Sport auf ein neues Level gehoben.

Ihr Name steht schon lange für Perfektion, für Superlative. Im russischen Sotschi wurde die Frau aus Colorado 2014 mit 18 Jahren die jüngste Olympiasiegerin im Slalom. Ende 2018 war sie dann die erste Skifahrerin, die in allen sechs Weltcup-Disziplinen ein Rennen gewinnen konnte. 2019 stand die Amerikanerin bei der vierten Weltmeisterschaft in Serie im Torlauf ganz oben auf dem Podest.

"Always Be Faster Than the Boys"

Shiffrin ist ein gigantisches Talent, aber auch eine harte Arbeiterin. Sie ruht sich nicht auf ihren Fähigkeiten aus. In ihrer Jugend soll sie kaum Rennen gefahren sein. Ihr Vater Jeff hielt das Training für wichtiger. 10.000 Stunden in ihrer Kindheit sollen es gewesen sein, so wird es in der Szene erzählt. Und dieses Mantra hat sich ausgezahlt. Tochter Mikaela, die stets den Antrieb hatte, schneller als die Jungs zu fahren (dafür stehen die Buchstaben "A.B.F.T.T.B." auf ihrem Helm, was bedeutet: "Always Be Faster Than the Boys") ist auch sechsfache Weltmeisterin und hat zwei Olympiasiege gefeiert. Es ist die strahlende Seite der Skisportlerin, die in den USA lange Zeit als zu "langweilig" und zu emotionslos für einen Star galt. Doch es gibt auch eine andere, eine traurige, zweifelnde.

Kaum vorstellbar, dass die Karriere der Amerikanerin vor fast elf Monaten in einer gigantischen Verzweiflung steckte. In den olympischen Tagen von Peking erlebt sie die sportlich schlimmsten Momente ihres Lebens. Fünf Sekunden kämpfte Shiffrin im Slalom um ihr zweites olympisches Gold in ihrer Lieblingsdisziplin bei der dritten Teilnahme an den Winterspielen. Fünf Sekunden, die mit einem banalen Fehler endeten. Wie schon wenige Tage zuvor im Riesenslalom. Die Frau, die kaum Fehler macht, patzte. Und das nun gleich zweimal. In den USA, wo die Geschichten von aufgestandenen Helden epischer abgefeiert und inszeniert werden als sonst wo auf der Welt, stand die Welt kurz still. Beim Sender NBC rangen sie nach Worten - und fanden sie nicht. Die Kommentatoren stammelten sich ein "Wie kann das sein?" zusammen.

Aufmunternde Worte erhielt sie von ihrem Freund Aleksander Aamodt Kilde. "Wenn man sich dieses Bild anschaut, kann man sich so viele Aussagen, Bedeutungen und Gedanken machen. Die meisten von euch sehen es wahrscheinlich mit den Worten: 'Sie hat es verloren', 'Sie kann mit dem Druck nicht umgehen' oder 'Was ist passiert?' Ich sehe nur eine Spitzensportlerin, die tut, was eine Spitzensportlerin tut! Es ist ein Teil des Spiels und es passiert. Der Druck, den wir alle im Sport auf Einzelpersonen ausüben, ist enorm, also lasst uns die gleiche Unterstützung zurückgeben. Es dreht sich alles um das Gleichgewicht und wir sind ganz normale Menschen!! Ich liebe dich, Kaela." Der 29-Jährige gab ihr Halt. Wieder einmal.

Tod von Vater Jeff riss sie in ein tiefes Tal

Auch nach der schlimmsten Tragödie im Leben der Athletin war er es, der sie wieder aufrichtete. Anfang 2020 fühlte Shiffrin das "stabile Fundament" unter sich weggerissen. Ihr Vater Jeff war in Folge eines Unfalls im Alter von 65 Jahren gestorben. Für seine Tochter und seine Ehefrau Eileen war er "unser Berg, unser Ozean, unser Sonnenaufgang, unser Herz, unsere Seele, unser Alles." Die damals 24-Jährige erwog sogar ein frühes Ende ihrer Karriere. Ihr mangelte es an Motivation für das Training, im Kraftraum, auf der Piste. Ihr Weg aus dem quälenden Tief führte auch über Kilde, mit dem sie seit Sommer 2021 offiziell zusammen ist. "Alex war einer der ersten Menschen, mit dem Mika wieder Spaß an Gesprächen hatte", sagte Shiffrins Mutter Eileen einmal.

Mehr zum Thema

Nun steht sie längst wieder mit Spaß und Überzeugung auf Skiern. Und wie. Neun Weltcupsiege hat sie in dieser Saison bereits gefeiert. Ihr neunter war der für die Ewigkeit. Und wieder hofft sie, nicht über Rekorde reden zu müssen. Pustekuchen, Pardon, Pulverschnee. Ihr neunter war für eine noch größere Ewigkeit. Und wieder nur einen Schneeballwurf von der nächsten Ewigkeit entfernt. Welche Dimension diese erreicht? "Für sie ist der Himmel die Grenze. Ich glaube nicht, dass Stenmark unbedingt der Maßstab ist. Sie wird den neuen Standard setzen, und wir müssen einfach abwarten, wie hoch sie ihn setzen kann", sagte die entthronte Königin Vonn am Wochenende. Stenmark selbst glaubt, dass sogar die 100er-Marke noch fallen kann, fallen wird. Schon jetzt ist ihre Leistung eine der größten der Sportgeschichte. Wenn auch immer deutlich unter dem Radar eines Brady, eines Messi und früher auch eines Ronaldo.

Die gute Nachricht für Shiffrin: Zwischen den Siegen 88 und 99 würde es für ein paar Momente ruhiger werden. Die Ruhe vor dem magischen Sturm in die Geschichtsbücher, die jetzt schon voll sind mit ihren Geschichten.

Quelle: ntv.de, Grafiken: Christoph Wolf

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen