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Das musste nicht sein Fans können Handballer nicht zum Sieg tragen

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Das russische Team machte es den Deutschen um Paul Drux schwer.

(Foto: imago/Bernd König)

Die deutschen Handballer haben seit Beginn der Heim-WM immer wieder betont, wie wichtig die Wechselwirkung zwischen Fans und Spielern ist. Doch die Kulisse bringt wenig, wenn die Mannschaft, wie beim enttäuschenden Remis gegen Russland, im entscheidenden Moment Nerven zeigt.

Wer sein Herz vor langer Zeit an den Hamburger SV verloren hat und gerne nostalgische Gefühle ausleben will, ist derzeit in der Arena nahe dem Berliner Ostbahnhof genau richtig aufgehoben. Einfach auf der Tribüne Platz nehmen, die Augen schließen und in Erinnerungen schwelgen. Schön zu hören, wohlwissend, dass die Sprechchöre "Uwe, Uwe" nicht der HSV-Ikone "Uns Uwe" Seeler gelten. Der Held der Neuzeit hört auf den Nachnamen Gensheimer.

Uwe Gensheimer ist allerdings ein Sportler, der sein üppiges Talent am liebsten auf dem Handballfeld zeigt. Wenn der Linksaußen, der sein Geld bei Paris Saint-Germain verdient, zu seinen Trickwürfen ansetzt und dem Ball mit dem ihm eigenen gummiartigen Handgelenk eine unvorhersehbare Richtung gibt, staunen Zuschauer und Torhüter. Abseits des Platzes glänzt der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft eher nicht. Der 32-jährige Routinier ist ein ruhiger Zeitgenosse, der Fragen von Medienschaffenden kurz und schnörkellos abhandelt.

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Trotz einer persönlich starken Leistung konnte Uwe Gensheimer seiner Mannschaft nicht zum Sieg verhelfen.

(Foto: imago/Bernd König)

Dabei ist der gebürtige Mannheimer durchaus zu großen Gefühlen fähig, wie sich zeigte, als er nach dem Spiel gegen die Brasilianer in der Mixed Zone auf die Atmosphäre in der prall gefüllten Halle angesprochen wurde. Gensheimers Augen leuchteten, als er berichtete, wie es sich anfühlt, in einer solch stimmungsvollen Kulisse Handball zu spielen. "Wenn du vor dem Anpfiff die Arme hebst und die Leute gehen ab, fühlst du dich wie ein Popstar."

Nun mussten die Popstars mit den harzverklebten Bällen bei der Heim-WM allerdings einen herben Stimmungsdämpfer hinnehmen. Trotz der wiederum großartigen Unterstützung durch 13.500 Zuschauer kam die deutsche Mannschaft in ihrem dritten Vorrundenspiel gegen Russland nicht über ein 22:22-Unentschieden hinaus. Es war ein ärgerliches Resultat, das sich im weiteren Turnierverlauf noch als echte Hypothek erweisen könnte.

Titelverteidiger Frankreich wartet als Gegner

Das Remis fühlte sich an wie eine Niederlage, nachdem sich das Team des Deutschen Handball-Bunds (DHB) in der zweiten Halbzeit einen Vier-Tore-Vorsprung herausgeworfen und scheinbar alles unter Kontrolle hatte. Doch in der Schlussphase zeigten die Gastgeber vor allem in der Offensive Schwächen, die einem Weltklasseteam niemals unterlaufen dürfen, und gaben den sicheren Vorsprung noch aus der Hand.

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Nach der Schlusssirene hüpften die Russen im Kreis herum, als hätten sie gerade das Spiel gewonnen, während die Deutschen die Köpfe hängen ließen, als seien sie die Verlierer. "Klar ist erstmal eine Enttäuschung da", räumte Bundestrainer Christian Prokop ein, "das darf auch heute Abend so sein." Um sich gleich im nächsten Satz kämpferisch zu geben: "Das Schöne ist doch, dass Du schon am nächsten Tag wieder raus darfst und nicht fünf Tage warten musst." Der nächste Gegner ist am heutigen Dienstag kein geringerer als Titelverteidiger Frankreich (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de).

Es ist in den vergangenen Tagen viel gesprochen worden über diese Wechselwirkung, wenn die Stimmung von den Rängen auf das Spielfeld überspringt, um dann wieder ins Publikum zurückzuwogen. Genau das wollen Deutschlands Handballer nutzen, diese Energie soll die Mannschaft beflügeln. So etwas nennt man Heimvorteil, und der soll das Team um Gensheimer, Torwart Andreas Wolff und Co. in diesem Turnier möglichst weit tragen.

Strobel: "Einfach weitermachen"

Gegen Russland funktionierte das nicht, weil die Mannschaft sich nicht von der Kulisse inspirieren ließ, sondern in der Schlussphase im Angriff den kühlen Kopf verlor und so den sicheren Sieg verspielte. "Die letzten zehn Minuten waren nicht optimal", sagte Mittelmann Martin Strobel und untertrieb dabei maßlos, weil dieser Abschnitt einer abgeklärten Spitzenmannschaft, die sich für Großes berufen fühlt, unwürdig war.

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Glänzte wieder mit einigen Paraden: Andreas Wolff.

(Foto: imago/Bernd König)

"Irgendwie hatte ich nie den Eindruck, dass wir es aus der Hand geben könnten", sagte Abwehrchef Patrick Wiencek: "Doch dann machen wir im Angriff zu viele Fehler und finden keine Lösungen mehr." Es war tatsächlich ein Remis, das Schmerzen verursachte. Nun geht es schon weitaus früher als erhofft darum, Durchhalteparolen zu verkünden. "Wir dürfen uns nicht von einem Unentschieden aus der Bahn werfen lassen", forderte Spielmacher Strobel: "Einfach weitermachen."

Das sah Wiencek ähnlich: "Natürlich ist das ein kleiner Dämpfer", sagte der Spieler vom THW Kiel: "Es liegt jetzt an uns, das Publikum wieder mitzunehmen." Da hat der 29-Jährige in seinem Chef Prokop einen Bruder im Geiste. "Die Kulisse wird auch gegen Frankreich wieder eine entscheidende Rolle spielen."

Quelle: n-tv.de

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