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Christian Prokop im Interview "Flow erwischen, Fans mitnehmen, WM-Halbfinale"

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"Für mich ist es extrem wichtig, in körperlicher und mentaler Topform aufzulaufen": Christian Prokop.

imago/Camera 4

Die katastrophale Europameisterschaft in Kroatien vom Januar 2018 ist Vergangenheit. Und muss es auch sein. Nach einem Jahr voller Einsichten freut sich Handball-Bundestrainer Christian Prokop auf die Weltmeisterschaft im eigenen Lande: "Kann gut sein, dass ich zu sehr engstirnig gedacht habe." Im Interview mit n-tv.de gibt er sich verhalten optimistisch auf dem Weg zum großen Ziel Halbfinale. Ziel sei es, "einen Flow zu erwischen und das Publikum mitzunehmen". An ein Scheitern möchte er nicht denken.

n-tv.de: Herr Prokop, können Sie sich noch daran erinnern, wo Sie beim WM-Finale 2007 waren?

Christian Prokop: Ich war damals in der Kölner Arena und konnte die tolle Leistung der deutschen Mannschaft in diesem WM-Turnier vor Ort erleben. Das waren einprägsame Momente, weil die DHB-Auswahl über alle Maßen begeistert hat.

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WM-Finale: Mit 29:24 besiegen die deutschen Handballer am 4. Februar 2007 in Köln das Team aus Polen.

(Foto: imago/Horstmüller)

Dann haben Sie sicher eine Ahnung, was Sie bei der WM im eigenen Land erwartet.

Unser Ziel ist es natürlich, ähnlich erfolgreich zu spielen. Das traue ich uns zu, vor allem gemeinsam mit den Fans. Wir wissen aber auch, dass wir den Funken vom Parkett aufs Publikum überspringen lassen und eine Euphorie entfachen müssen. Und die wird uns dann hoffentlich sehr weit tragen.

Wie wappnen Sie sich und das Team gegen den medialen Ansturm?

Mit Sicherheit muss man eine sehr gute Balance finden, damit der Hauptfokus darauf gerichtet bleibt, die Spiele zu gewinnen. Aber natürlich kennen wir auch das Thema Medienarbeit. Jeder von uns möchte, dass unsere hoffentlich starken Leistungen auch entsprechend transportiert werden. Bereits im Vorfeld der WM wurde das große Medieninteresse bedient, um während des Turniers, neben den obligatorischen Medienterminen, nicht mehr so umfangreich zur Verfügung zu stehen. Ich werbe da für Verständnis, weil beim Turnier die Spiele und die entsprechenden Regenerationszeiten im Vordergrund stehen werden.

Mal darüber nachgedacht, einen Ihrer Vorgänger - beispielsweise Heiner Brand - zu seinen Erfahrungen im Umgang mit den Medien während einer WM zu befragen?

Es gab schon diverse Möglichkeiten des Austausches, um von seinen Erfahrungen zu profitieren. Daraus sind Rückschlüsse und Konsequenzen erwachsen, die in unsere Arbeit mit eingeflossen sind.

Heiner Brand hatte 2007 auf Anregung seines Torhüters Henning Fritz einen Sportpsychologen zum Team geholt. Planen Sie Ähnliches?

Das geht zu sehr in den internen Bereich. Mit Sicherheit haben wir Beratung rund um das Team, um uns auf viele Dinge vorzubereiten. Insgesamt sind wir da auf einem guten Weg und wollen das im Januar auch zeigen.

Hatten Sie eine spezielle Vorbereitung auf die WM?

Für mich ist es - übrigens genauso wie für den kompletten Staff und für die Spieler auch - extrem wichtig, in körperlicher und mentaler Topform aufzulaufen und die Leistung auf den Punkt abrufen zu können. Wir werden konstant am Optimum spielen müssen, das ist ein zentraler Baustein in den WM-Planungen. Dafür haben die Spieler Aufgaben bekommen. Für mich gilt, dass ich mich gesundheitlich in Form halte. Und auch mental habe ich Unterstützung. Ich werde vorbereitet sein.

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"Entscheidend ist, was man daraus mitnimmt für die Zukunft": Prokop bei der EM 2018 in Kroatien. Am Ende stand bei seinem ersten Turnier als Bundestrainer ein enttäuschender neunter Platz.

(Foto: imago/Sven Simon)

Nach der EM 2018 vor knapp einem Jahr haben Sie viel Kritik einstecken müssen, sowohl was den Umgang mit den Spielern als auch den mit den Medien angeht. Was haben Sie davon mitgenommen und was haben Sie in den vergangenen neun, zehn Monaten gemacht?

Um das zu erzählen, bräuchten wir wahrscheinlich ein Sonderheft. Um das abzukürzen: Die Zeit und vor allem das Turnier in Kroatien war für mich äußerst lehrreich. Entscheidend ist, was man daraus mitnimmt für die Zukunft. Kann gut sein, dass ich zu sehr engstirnig gedacht habe und vor allem die erfahrenen Spieler zu wenig in entscheidende taktische Absprachen involviert habe. Und dass ich versucht habe, zu viel allein nach meinen Vorstellungen durchzusetzen. Das alles ist aber nur ein Anreißen von Dingen, die ich verändert und angepasst habe. So haben regelmäßige Kommunikation, Optimierung des taktischen Systems und Spaß in meiner Arbeit heute eine viel größere Gewichtung. Auch wird die WM-Mannschaft 2019 eine stärkere Hierarchie haben.

Die Kritik, die Sie haben einstecken müssen, hat Sie demnach nicht dünnhäutig, sondern einsichtig gemacht?

Mit Sicherheit habe ich nicht auf Durchzug geschaltet und geglaubt, dass alle Kritiker hier falsch liegen. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, mich intensiv damit auseinandergesetzt und einige wichtige Leute um Unterstützung und Rat gebeten. Ich konnte inzwischen einige Entwicklungen anstoßen, die uns zugutekommen werden. Ich bin vorsichtig optimistisch.

Haben Sie in der Zeit auch Zuspruch erfahren?

Ja, natürlich. In der Familie und auch im Freundes- und Arbeitskreis gibt es viele Leute, die versucht haben, die Dinge objektiv zu sehen und die positiven Sachen herauszuarbeiten. Aber am Ende ist doch nur eines wichtig: Wie schaffen wir es im Januar, für unsere Fans und für uns eine erfolgreiche Heim-WM zu spielen? Dem gilt es, alles unterzuordnen. Und da wir nicht der Topfavorit auf den Titel sind, müssen wir uns das mit Arbeit, mit totalem Teamgeist und mit unseren Zuschauern erkämpfen und erspielen.

Haben Sie sich im Laufe des Jahres auch mal ungerecht behandelt gefühlt?

Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich das heute und so kurz vor der WM nicht mehr aufgreifen möchte. Ich denke, das ist zur Genüge diskutiert worden. Ich möchte jetzt nach vorne blicken.

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Fehlt verletzt: Julius Kühn.

(Foto: imago/Sven Simon)

Die schwere Verletzung von Julius Kühn (Kreuzbandriss) war für Sie aber ein Thema…

Leider! Er ist uns weggebrochen und wird nicht eins zu eins zu ersetzen sein. Aber wir haben mit Steffen Fäth und Fabian Böhm hinreichend Qualität im Kader, um das zu kompensieren. Den Ausfall von Kühn werden wir mannschaftlich auffangen müssen.

Aber in der Vorbereitung mussten Sie nun schon Schwerpunkte im Angriff neu setzen, oder?

Uns bricht der Mann für die einfachen Tore weg, der mal humorlos aus zehn Metern hochsteigt, ohne dass es großartig Möglichkeiten gibt, das zu verteidigen. Wie gerade angesprochen, werden wir die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen und druckvoll von allen Positionen angreifen. Gelingt uns das, sind wir für unsere Gegner schwer zu analysieren.

Auf der Spielmacherposition setzen Sie auf Martin Strobel vom Zweitligisten HBW Balingen-Weilstetten.

So ist es. Es ist die größte Veränderung im Angriff nach den beiden vergangenen Turnieren. Weil Martin ein Lenker und Denker ist, wie man ihn sich wünscht. Weil er die taktischen Analysen sehr schlau umsetzt. Weil er Schnelligkeit, Passgeschwindigkeit und Spielwitz mitbringt. Und weil er unsere Kreisspieler, die über ein hohes internationales Niveau verfügen, in Szene setzen kann. Er ist ein Spieler, auf den wir bauen werden.

Was ist Ihr persönliches Minimalziel? Was wollen Sie mindestens erreichen?

So etwas ist nicht nur in Plätzen auszudrücken. Wir sind uns einig, bei einer Heim-WM - auch ohne der Topfavorit zu sein und bei sechs, sieben Teams, die um den Titel mitspielen können - einen Flow zu erwischen, das Publikum mitzunehmen und das Halbfinale zu erreichen. Das ist mein persönliches Ziel. Aber als Trainer ist es auch wichtig, eine Teamstimmung zu kreieren, die Lust auf mehr macht. Die Freude schafft, die gemeinsamen Wochen gern miteinander zu verbringen und Großes zu leisten. Das geht nicht nur mit Organisation. Das hängt auch davon ab, wie groß der Fokus ist, den jeder einzelne auf die WM richtet und wieviel Leidenschaft er in dieses Projekt WM 2019 einbringt.

Und was passiert, wenn kein Erfolg da ist?

Prokop: Damit beschäftige ich mich nicht.

Mit Christian Prokop sprach Arnulf Beckmann.

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Quelle: n-tv.de

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