Fußball-WM 2019

Ein ziemlich zähes Halbfinale Niederlande Weltmeister? Eher nicht.

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Hup Holland, hup: Die Niederländerinnen haben das WM-Finale erreicht.

(Foto: REUTERS)

Zum ersten Mal ziehen die niederländischen Fußballerinnen in ein WM-Endspiel ein. Doch der Weg dahin ist anstrengend - auch für die Zuschauer. Beim Halbfinale gegen Schweden gedeiht ein bitterer Verdacht: Endspielgegner USA wird seinen Titel wohl verteidigen.

120 Minuten brauchte es, bis die Niederländerinnen wie elektrisiert von der Ersatzbank auf das Feld stürmten und sich jubelnd in die Arme fielen. Kapitänin und Torhüterin Sari Van Veenendaal wurde von ihren Mitspielerinnen begraben. Die Schwedinnen dagegen sanken traurig und erschöpft auf dem Rasen zusammen. 1:0 nach Verlängerung lautete das Ergebnis am Ende des Halbfinales der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen den Niederlanden und Schweden. "Es ist einfach unglaublich. Es ist so speziell, dass ich es noch gar nicht glauben kann", sagte Van Veenendaal über diesen historischen Moment. Zum ersten Mal stehen die Niederländerinnen in einem WM-Finale - bei der zweiten Turnierteilnahme überhaupt.

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Der Weg dahin war lang und anstrengend - für die Teams und die 48.452 Zuschauer. Zwei reguläre und zwei zusätzliche Halbzeiten hatte sich die Partie hingezogen, teilweise zäh wie Kaugummi. Es gab wenige Chancen auf beiden Seiten. Nach dem hochklassigen ersten Halbfinale zwischen England und den USA war das kein Fußball-Leckerli, sondern harte Kost à la Brot und Gänsewein. 0:0 stand es nach 90 Minuten, die Verlängerung sollte die Entscheidung bringen. Denn in der 99. Minute schlugen die Niederlande zu.

Jackie Groenen zimmerte den Ball per Fernschuss mit rechts ins linke untere Toreck. Ihr erster Treffer im Turnier konnte sich sehen lassen, obwohl die Mittelfeldspielerin, die zum Monatsanfang vom 1. FFC Frankfurt zu Manchester United gewechselt war, sonst eher selten abschließt. "Wir sprechen seit Wochen darüber, dass ich mehr schießen soll", erklärte die 24-Jährige nach dem Spiel. "Es war so ein schöner Winkel." Die zuvor starke Torfrau Hedvig Lindahl hatte keine Chance. Die Euphorie der Niederländerinnen über das Tor entlud sich in einer Jubeltraube an der Eckfahne.

"Wir könnten Weltmeister sein"

Für sie war alles, was in den 99 Minuten zuvor geschehen war, plötzlich egal. Nach dem Gewinn der Europameisterschaft vor zwei Jahren in der Heimat, haben die "Oranje Leeuwinnen" von Trainerin Sarina Wiegmann nun erstmals überhaupt ein WM-Finale erreicht. "Wir wollen Geschichte schreiben", hatte Spielmacherin Lieke Martens zuvor selbstbewusst gesagt. Sie konnte daran nur eine Halbzeit teilhaben, musste dann aufgrund ihrer Zehenverletzung am linken Fuß ausgewechselt werden. Später humpelte sie durch die Mixed Zone. Wiegmann wirkte keineswegs überzeugt, dass ihre Starspielerin am Sonntag wird auflaufen können: "Sie hatte eine schwere Zeit, wir werden in den kommenden Tagen sehen, ob sie am Sonntag spielen kann." Eins ist mit oder ohne Martens sicher: Ihr Team wird gegen die USA der krasse Außenseiter sein.

Die US-amerikanischen Titelverteidigerinnen hatten beim 2:1-Sieg gegen England bewiesen, wie viel Spaß Fußball machen kann. Schnelles Spiel, gute Passstaffetten, robuste Zweikampfführung. All das, was einen Abend später im Stadion von Lyon über weite Strecken fehlte. Oranje-Trainerin Wiegmann aber betonte die positiven Dinge: Ihr Team sei in der zweiten Halbzeit besser ins Spiel gekommen, habe mehr Ballbesitz gehabt. "Es ist wunderbar, im Finale zu spielen", so Wiegmann, die prognostizierte: "Es wird ein kompliziertes Spiel werden." Die US-Amerikanerinnen nämlich dürften sich die Partie, die ihren Gegner bestimmte, recht entspannt angeschaut haben. Schon zuvor hatte festgestanden, dass im zweiten Halbfinale nur der Außenseiter für das WM-Finale gesucht werden würde. Das manifestierte sich.

Die Niederländerinnen aber waren sich einig: Das Finale geht wie jedes Spiel von vorn los, es gibt immer Chancen, die USA könnten der Versuchung erlegen, sie zu unterschätzen. Ob sie Angst vor den USA habe, wurde Danielle van de Donk gefragt. Ihre Antwort: ein vehementes Nein. Dominique Bloodworth sagte: "Wir werden analysieren, wo ihre Schwächen und Stärken sind. Wir können selbstbewusst sein." Letztlich könnte auch ihr Team die USA verletzen und etwas Großartiges erreichen, war sich die 24-Jährige sicher. "Jetzt ist es noch ein Spiel und wir könnten Weltmeister sein", sagte Groenen und wirkte dabei so, als könnte sie es selbst nicht glauben. Und sehr wahrscheinlich ist das trotz aller Euphorie der Oranjes tatsächlich nicht.

Quelle: n-tv.de