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"Der Christian, den wir wollten" Handball-WM entkrampft Bundestrainer Prokop

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Christian Prokop zeigte nach dem WM-Vorrundensieg gegen Brasilien eine bislang verborgene Seite als Bundestrainer.

(Foto: imago/Camera 4)

Bei der deutschen Handball-Gala beim WM-Vorrundensieg gegen Brasilien offenbart Bundestrainer Christian Prokop nicht gekannte Lockerheit. Das entspannt auch das Verhältnis zur Mannschaft - die sogar maximale Entscheidungsfreiheit bekommt.

Es gab schon immer Menschen, die nachdrücklich versichert haben, dass Christian Prokop ein freundlicher und äußerst umgänglicher Mensch ist, der über feinen Humor verfügt und viel Gelassenheit besitzt. In seiner Rolle als Handball-Bundestrainer waren diese Eigenschaften bislang allerdings nur selten zu sehen gewesen. Bis Samstagabend, als der 40-Jährige eine unerwartete Wandlung vollzog und sich vor einem Millionenpublikum gelöst und locker zeigte. Das gibt Hoffnung, dass die Mannschaft im Zusammenwirken mit ihrem Coach nach den erwartbaren Auftaktsiegen bei der WM im eigenen Land auch die anstehenden Schlüsselduelle in der Gruppenphase gegen Russland (18 Uhr in der ARD und im Liveticker bei ntv.de) und am Dienstag gegen Topfavorit Frankreich (20.30 Uhr im ZDF und im Liveticker bei ntv.de) lösen kann.

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"Das ist der Christian, den wir ja unbedingt als Bundestrainer haben wollten", sagt Bob Hanning.

(Foto: imago/Bernd König)

"Das ist der Christian, den wir ja unbedingt als Bundestrainer haben wollten", sagte Bob Hanning nach den Eindrücken des zweiten Turniersieges. Der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes wirkte erleichtert. Prokop hatte während des Spiels gegen Brasilien Selbstvertrauen ausgestrahlt, in dem er Verantwortung ganz offen an seine Mannschaft weitergab. "Ihr entscheidet die Spielzüge und ihr entscheidet, welche Abwehrformation wir machen", hatte er seinen Spielern in einer Auszeit zugerufen.

Kurz danach stand er am Spielfeldrand und grinste, als eine gute Abwehrarbeit zum Ballgewinn und einem einfachen Tor im Gegenstoß geführt hatte. Der 40-Jährige war so gelöst wie noch nie in seiner Amtszeit. Viele Berichterstatter der Handball-Nationalmannschaft hatten Christian Prokop so noch nicht erlebt. Ganz offensichtlich war die jetzt sichtbar gewordene Seite des Bundestrainers spätestens bei der erfolglosen Europameisterschaft im vergangenen Jahr verschüttet worden.

Verkopft, verkrampft, erleichtert

Für Hanning ist die Wandlung von Prokop nicht der Beginn eines Prozesses, sondern ein Beweis für ihn. "Die Mannschaft weiß, dass sie sich auf den Trainer verlassen kann. Und der Trainer weiß, dass er sich auf die Mannschaft verlassen kann." Hanning hatte nach der verkorksten EM mit großem Einsatz für einen Verbleib Prokops gekämpft, am Ende hatte er dafür gesorgt, dass es keinen Neuanfang mit frischem Personal, sondern nur einen Neuanfang gegeben hatte. Gegen Brasilien löste sich die Anspannung bei Prokop, der bis dahin verkopft, teilweise auch verkrampft gewirkt hatte. Entsprechend offen sprach er nachher über seine Emotionen. "Ja, das kann man so beschreiben", entgegnete er auf die Frage, ob er gerade den schönsten Tag in seiner Zeit als Bundestrainer verlebte. Prokop lachte viel nach dem Spiel und hatte vorher während der 60 Minuten seine starre Körperhaltung am Spielfeldrand verloren, die zuvor sinnbildlich für die fehlende Lockerheit gestanden hatte.

Es ist nach zwei Partien dieser Weltmeisterschaft natürlich zu früh, um ein werthaltiges Urteil über das Miteinander von Prokop und den Spielern zu fällen, aber es ist eine Zwischenbewertung möglich. In etwa so, als ob es ein Zwischenzeugnis während der Ausbildung gibt, wohlwissend, dass die härtesten Klausuren erst noch ausstehen. Immerhin: Berechtigter Grund zur Hoffnung ist vorhanden. "Jetzt geht das Turnier gegen Russland für uns los", sagte Prokop nach seinem ganz persönlichen "Glückserlebnis" gegen die Brasilianer. Gegen die Osteuropäer und mehr noch gegen den Turnierfavoriten Frankreich einen Tag später wird sich zeigen, wie stabil die Harmonie innerhalb des Gebildes Nationalmannschaft ist. Wenn der eigene Spielplan nicht perfekt funktioniert wie gegen Brasilien, wird offenbar werden, ob das gegenseitig ausgesprochene Vertrauen hält.

"Der maximale Stresstest fehlt ja noch", sagte Hanning. "Wenn wir gegen Russland und Frankreich verlieren und mit null Punkten in die Hauptrunde starten, war wieder alles schlecht." Gegen diese Mechanismen und Reflexe hilft im Zweifel auch die Wandlung von Christian Prokop nicht.

Quelle: n-tv.de

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