Sport

DHB-Coach Gislason vor Debüt "Ich werde nicht alles auf den Kopf stellen"

imago46484383h.jpg

Alfred Gislason freut sich auf sein Debüt als DHB-Coach.

(Foto: imago images/Joachim Sielski)

Der Nachfolger des entlassenen Bundestrainers Christian Prokop sollte am Freitagabend sein erstes Länderspiel coachen. Das Aufeinandertreffen mit der Niederlande fällt nun aus. Gislason, Isländer und mehrfacher Meister und Gewinner der Champions League, äußert sich vorher im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Herr Gislason, Sie haben die Mannschaft nun zum ersten Mal für ein paar Tage beisammen. Wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Alfred Gislason: Der Lehrgang hat sehr viel Spaß gemacht. Die Stimmung, die hier in Aschersleben herrscht, ist gut, und alle Spieler ziehen voll mit.

Rund um die Entlassung Ihres Vorgängers Christian Prokop und Ihre Nachfolge gab es bei den Spielern Irritationen der unterschiedlichsten Art. Haben Sie das an sich herangelassen und bildet sich das bei diesem ersten Lehrgang ab?

Ich verstehe die Spieler und ihren Umgang mit dieser Personalie. Aber alle sind vorbehaltlos auf mich zugegangen. Da gab es keinerlei Probleme. Wir haben das Thema zu Beginn des Lehrgangs kurz angesprochen, aber damit hatte sich das auch erledigt. Das hat keinerlei Auswirkungen auf meine Arbeit mit der Mannschaft.

Haben Sie in dieser Zeit Kontakt zu Ihrem Vorgänger gehabt?

Ich habe es noch nie gehört, dass ein neuer Trainer den Ex-Trainer kontaktiert oder angerufen hat, weder im Handball noch in irgendeiner anderen Sportart. Viele Journalisten stellen mir diese Frage, als ob das völlig normal wäre. Ich kenne das so nicht.

Ihr erstes Länderspiel als Coach der deutschen Handballer findet am Freitagabend gegen die Auswahl der Niederlande statt. Spürt man da selbst als alter Trainerfuchs noch eine gewisse Nervosität?

imago46056355h.jpg

Im Januar gab es zwischen beiden Teams ein lange überraschend enges Ringen.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Ganz sicher bin ich nicht nervös, aber natürlich spüre ich ein gewisses Kribbeln, wenn ich an das Spiel denke. Das war aber immer so, auch bei Bundesliga- oder Champions League-Spielen. Es ist eine große Vorfreude auf das Spiel da, und dieses Gefühl möchte ich auch nicht loslassen. Ich bin sehr gespannt auf das, was da kommt. Sehr schade halt, dass es ohne Zuschauer stattfinden wird.

Das Spiel findet in Magdeburg statt. Das ist jener Ort, in dem Sie als Trainer Ihre ersten richtig großen Erfolge feierten, als Sie mit dem SCM 2001 erst Meister und ein Jahr später Champions League-Sieger wurden.

Das ist schon sehr besonders. Als ich nach Magdeburg kam, war ich schon acht Jahre Trainer, aber große Erfolge oder gar Titel konnte ich bis dahin noch nicht aufweisen. Hier hatte ich meine erste große Trainerzeit. Das macht natürlich etwas mit einem. Und jetzt mit der Nationalmannschaft dort zu starten, ist eine schöne Geschichte. Umso bedauerlicher finde ich es, dass das Spiel vor leeren Rängen und ohne das Magdeburger Publikum stattfinden muss. Das wird eine merkwürdige Atmosphäre sein und nimmt der Partie ein wenig von dem Charakter eines Länderspiels. Aber ungeachtet dessen, werden wir die Begegnung sehr ernst nehmen.

Haben Sie schon mal ein Geisterspiel erlebt?

Nein, noch nicht vorgekommen. Als Jugendspieler hatte ich Begegnungen, bei denen sehr wenig Zuschauer anwesend waren, aber vor leeren Rängen in einer großen Halle habe ich noch nie gespielt.

Das Spiel gegen die Niederlande wird Ihr erstes Handballspiel nach rund neun Monaten Pause sein. Wie schlimm war denn die handballlose Zeit für Sie?

Die ersten Monate habe ich sehr genossen, nicht mehr täglich in der Halle stehen zu müssen. Ich war richtig froh über diese erste Pause seit mehr als 30 Jahren. Ich konnte endlich mal andere Dinge machen außerhalb des Handballs. Aber zum Winter hin kam mehr und mehr das Gefühl auf, dass etwas in meinem Leben fehlt. Ich bin seit mehr als 45 Jahren im Handball unterwegs, das ist längst ein ganz wichtiger Teil meines Lebens.

Sie sollen ihrer Familie nach dem freiwilligen Rückzug in Kiel versprochen haben, dass mit Handball für immer Schluss sei. Sind Sie wortbrüchig geworden?

129466901.jpg

Anfang Februar wurde Gislason als neuer DHB-Trainer vorgestellt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nein, bin ich nicht. Ich habe damals lediglich gesagt, dass für mich die Zeit in der Bundesliga vorbei ist. Und das ist sie tatsächlich. Einen Job als Trainer einer Verbandsauswahl konnte ich mir im Gegensatz dazu sehr wohl vorstellen.

Bevor Sie dem DHB zusagten, standen Ihre Verhandlungen mit dem russischen Verband kurz vor dem Abschluss.

Das war alles unterschriftsreif, wir waren uns so gut wie einig. Wäre auch eine reizvolle Aufgabe gewesen. Ich konnte nicht damit rechnen, dass ein Anruf des DHB kommen könnte.

Sprechen wir über die deutsche Nationalmannschaft. Ein Traumjob für Sie?

Ich bin mehr als 30 Jahre in Deutschland, lebe auch noch immer hier. Und ich habe schon des Öfteren gesagt, dass es für jemanden, der in Deutschland gespielt und trainiert hat, das Größte ist, die Nationalmannschaft zu trainieren.

Dabei haben Sie viele große Stationen erlebt und zahlreiche Titel gesammelt. Haben Sie eine Traumkarriere?

Doch, schon. Da ist vieles gut gelaufen. Ich hatte aber auch das Glück, als Spieler viele gute Trainer zu erleben und als Trainer viele gute Spieler trainiert zu haben. Darauf bin ich schon ein wenig stolz.

Können Sie Ihre Titel noch zählen?

Ganz sicher bin ich nicht, aber mein Büro steht voll mit diesem Kram. Mein Sohn hat irgendwann mal das alles zusammengestellt. Da war ich schon ein wenig überrascht, wie viel da zusammenkam.

Gibt es einen Titel, der herausragt?

Schwer zu sagen. Vielleicht die erste deutsche Meisterschaft mit Magdeburg, das war extrem wichtig. Aber auch die Champions League 2002 und viele andere.

Ihr neuer Arbeitgeber erwartet Erfolg in Form der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Japan. Ist das Druck für Sie?

Diese Erwartungshaltung ist doch selbstverständlich. Zugleich wissen aber auch alle, wie schwierig diese Aufgabe ist. An diesen Druck aber bin ich gewöhnt. Wenn man elf Jahre beim THW Kiel gearbeitet hat, dann weiß man, wie man damit umzugehen hat. Dass die Forderungen nach Erfolg da sind, finde ich nicht negativ. Anderenfalls müsste ich einen anderen Job machen.

Reizt Sie das Thema Olympia auf besondere Weise?

Alfred Gislason jubelt nach dem Abpfiff eines Spiels. Foto: Axel Heimken/Archivbild

Alfred Gislason ist einer der erfolgreichsten Vereinstrainer der Welt.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Schon, aber das war und ist nicht das Hauptthema für mich, auch wenn Olympia für jeden Handballer noch immer das Größte ist.

Was müssen Sie im Team verändern, um dieses Ziel zu erreichen?

Erst einmal muss ich darauf aufbauen, was da ist. Ich kenne die Spieler und weiß, dass das System sehr Kiel-orientiert ist. Das Tempospiel und die taktischen Spielzüge im Angriff werden wir erst nach und nach verändern oder neu einbringen. Grundsätzlich aber ist sehr viel Gutes da. Ich werde nicht alles auf den Kopf stellen.

Wie gut ist die aktuelle DHB-Auswahl in der Welt?

Das kann man so nicht bewerten. Die Spitzengruppe ist groß, und Deutschland gehört dazu. Dass die Ergebnisse zuletzt nicht so kamen wie erhofft, hat auch mit den Verletzungen von Leistungsträgern zu tun. Die Mannschaft gehört international zur absoluten Spitze und kann an einem guten Tag jeden Gegner schlagen.

Sie sind ein großer Rotwein-Kenner. Sollte es mit einer Olympia-Medaille im Sommer Wirklichkeit werden, ist sicher ein ganz besonderer Tropfen angesagt, oder?

Ich habe das in letzter Zeit ein wenig vernachlässigt, aber wenn es etwas zu Feiern gibt, dann sind wir Isländer ohnehin immer gut dabei.

Mit Alfred Gislason sprach Arnulf Beckmann.

Quelle: ntv.de