Para-Star Elena Semechin"Ich wollte unbedingt noch meinen Sohn sehen"

Paralympicssiegerin im Schwimmen, Speakerin, Mutmacherin - und seit September auch Mutter: Elena Semechin hat prallgefüllte Tage. Ein neuer Alltag bestimmt ihr Leben. Warum sie mehr Unterstützung von der Politik fordert und wie es ihr gesundheitlich geht, erzählt die 32-Jährige im Interview mit ntv.de.
Mutter, aber auch Leistungssportlerin. Stillen und betreuen und lieben, aber auch Training: Sind Sie schon im neuen Leben angekommen?
Elena Semechin: Es ist schon alles anders und neu und wenn man denkt, man hat sich jetzt irgendwie eingegrooved, dann kommt irgendeine neue Entwicklungsphase und ein neuer Schub. Das ist jeden Tag etwas anders. Es ist jeden Tag spannend und hin und wieder auch sehr herausfordernd, das muss ich wirklich sagen. Aber die Gefühle übertönen das alles. Das ist wunderbar. Außerdem haben wir so ein Anfängerbaby, Klaus macht es uns wirklich leicht, er ist sehr entspannt.
Sie haben bei Instagram emotional geschrieben, dass es jedes Mal wehtut, zum Training zu müssen und Ihren Sohn zurückzulassen. Wie funktioniert dieser Spagat?
Das ist tatsächlich gar nicht so einfach und ich hadere immer noch damit. Am Anfang fiel es mir extrem schwer, da musste ich auch weinen und habe gar nicht funktioniert. Ich hatte das Leben als Elena, als Sportlerin, als Speakerin irgendwie gar nicht mehr drauf. Ich hatte immer Klaus im Kopf und meine Gedanken sind immer wieder abgeschweift, sodass ich mich teilweise gar nicht konzentrieren konnte. Auch beim Training hatte ich das Gefühl, mein Kind weint und ich muss jetzt zu ihm, obwohl er zu Hause und gut versorgt war. Inzwischen gelingt es mir besser, aber ich gehe weiterhin auch mit einem weinenden Auge aus der Tür.
Es ist alles neu für mich und diese Muttergefühle spielen eine große Rolle. Es ist eine Umstellung, dass ich jetzt nicht mehr selbst über meinen Alltag bestimme, sondern das Baby. Ich muss mich nach ihm richten, wann geht er ins Bett, wann bekommt er zu essen? Und es ist mir ja auch wichtig, alle so zu managen, dass alle glücklich und zufrieden sind.
Sie sind zusätzlich zum Leistungssport auch noch als Speakerin tätig und engagieren sich unter anderem im Präsidium von Athleten Deutschland. Dabei ist ja gerade bei Leistungssportlern die Fokussierung auf sich selbst sehr stark, der Schlaf heilig. Darauf wird Ihr Sohn aber keine Rücksicht nehmen. Haben sich deswegen Ihre Ziele verändert?
Nein, ich bin der Meinung, dass wir das hinkriegen. Ich habe einen wirklich guten Support. Mein Mann macht gerade Elternzeit und übernimmt Vieles. Er schreibt zwar weiter meine Trainingspläne, aber ich trainiere bei seinem Co-Trainer. Zudem habe ich auch eine Assistentin, die mir im Büro viel abnimmt. In schwierigen Phasen denke ich, ich werde mich schon dran gewöhnen, und man wächst ja mit den Herausforderungen. Dann kommt irgendwann die Erfahrung dazu, das Baby wird immer größer und ich nehme ihn ja fast überall mit hin.
Sie haben sich schon vor der Geburt Ihres Sohnes für eine bessere Versorgung von Athletinnen und Athleten eingesetzt, gefordert, dass es Regeln für Sportlerinnen, die Mütter sind, geben soll. Jetzt sind Sie endgültig selbst in dieser Situation. Gibt es bereits Fortschritte?
Bei Athleten Deutschland haben wir natürlich viele Ideen und Projekte. Wir versuchen immer wieder, mit der Regierung ins Gespräch zu kommen. Denn ja, in den vergangenen 15 Jahren, seit ich Leistungssportlerin bin, ist viel passiert, aber es ist längst nicht ausreichend. Grundeinkommen und Versicherungspakete, wie es sie für normale Angestellte gibt, fehlen nach wie vor. Es ist ein Fortschritt, dass wir die Prämien der Sporthilfe nicht mehr versteuern müssen, aber insgesamt ist es noch ein langer Weg. Es kann einfach nicht sein, dass sich Sportler das Leben als Profi in einem wirtschaftlich starken Land wie Deutschland nicht leisten können, weil sie zu wenig Unterstützung bekommen.
Und auch für uns Mütter braucht es noch viel. Für mein Trainingslager in Teneriffa musste ich für meinen Sohn alles selbst zahlen und alles selbst organisieren. Das ist eine große Herausforderung. Es gibt im Moment kein Budget, keine Stelle, keine Regelungen. In anderen Ländern ist es gang und gäbe, dass man sein Kind mitnehmen kann und dass man vom Verband ein Budget bekommt für eine Nanny. Ich kann mein Kind in der Zeit ja nicht einfach bei der Oma lassen. Das will ich auch gar nicht, ich will, dass mein Kind bei mir ist. Wenn ich vier, fünf Wochen am Stück im Trainingslager bin, das geht ja gar nicht.
In anderen Sportarten in Deutschland mussten Mütter ebenfalls kämpfen, etwa Fußballerin Almuth Schult, die beim DFB Regelungen für Trainingslager und Turniere durchgeboxt hat. Sie müssen diesen Weg also noch gehen?
Ja, und ich finde es traurig, dass sich Sportlerinnen heutzutage entscheiden sollen zwischen der sportlichen Karriere und Mama sein. Wenn man den Sport lang genug gemacht hat, kann es vielleicht schon zu spät sein für ein Kind. Dann bereut man ein Leben lang, dass man nie diese Zeit hatte, sich familiär aufzustellen, weil man immer denkt, ich musste mich entscheiden. In anderen Sportarten gibt es in Deutschland inzwischen Regeln, etwa eine Zweijahresfrist für Kündigungsrechte in den Verträgen. Oder die Sportlerinnen behalten ihren Kaderplatz während der Schwangerschaft. Das finde ich stark, weil der Verband dann die Sportlerinnen, die ihn repräsentieren, unterstützt.
Zu Ihrer Lebensgeschichte gehört Ihre Augenerkrankung. Sie haben zuletzt gesagt, Sie verlieren weiter an Sehkraft. Wie geht es Ihnen derzeit gesundheitlich?
Tatsächlich konnte mir zuletzt keine Hoffnung gemacht werden, dass es einen Therapieansatz gibt. Zudem wurde mir gesagt, dass meine Diagnose sich verschlechtert hat, weil nicht nur das Zentrum der Augen betroffen ist, sondern das ganze Auge. Die Experten waren schon überrascht, dass ich überhaupt noch meine zwei Prozent Sehkraft habe. Die Wahrscheinlichkeit ist da, dass ich diese komplett verliere. Das hat mich sehr erschüttert, da habe ich ein paar Tage gebraucht, um das zu verkraften. Ich war bei der Diagnose noch schwanger und hatte viele Sorgen: Was ist, wenn die zwei Prozent nicht reichen, bis mein Sohn da ist? Ich wollte unbedingt noch meinen Sohn sehen. Auch wenn es nur zwei Prozent Sehkraft sind, für mich sind sie die Welt. Gott sei Dank habe ich sie noch immer. Aber die Angst ist da, auch den Rest zu verlieren.
Eine weitere Herausforderung ist Ihre Diagnose Hirntumor, die Sie im November 2021 bekamen. Sie durchlebten eine schwere OP und lange Zeit Chemotherapie. Sie sind zurückgekehrt in den Leistungssport und Paralympicssiegerin geworden. Doch Sie haben im vergangenen Interview mit ntv.de gesagt, dass Sie wissen, dass der Tumor zurückkehren wird. Was ist der aktuelle Stand?
Ich habe normalerweise alle sechs Monate meine Untersuchung. Jetzt hat das eineinhalb Jahre gedauert, bis ich jetzt die nächste gemacht habe, denn während der Schwangerschaft war es nicht möglich. Da waren wir schon ein bisschen angespannt, weil es eine lange Zeit war. Man weiß ja nicht, wie sich Hormone von der Schwangerschaft auf den Organismus auswirken, bei manchen sagt man, sie beschleunigen das Wachstum der Zellen und damit auch der Krebszellen. Aber bei mir ist nichts Neues nachgewachsen, es war alles frei. Ich bin sehr beruhigt und freue mich auf die schöne nächste Zeit mit dem Wissen, da ist nichts.
Mit Elena Semechin sprach Anja Rau