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Handballer Wiencek im Interview "Kann noch eine richtig geile WM werden"

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2,01 Meter geballte Power: Patrick Wiencek ist der Schrecken jedes Gegners.

(Foto: REUTERS)

Wenn Tim Oliver Kalle, Pressesprecher des Deutschen Handball-Bundes, über die Vorzüge von Patrick Wiencek referiert, hat er eine wunderbare Formulierung parat: Der Mann aus Duisburg sorge auf dem Spielfeld für Ordnung und sei dabei "mit dem Charme einer Schrottpresse" unterwegs. Das illustriert ziemlich gut, wie der 29-Jährige zur Sache geht, wenn er die gegnerischen Angreifer mit einem Gewicht von 116 Kilo, das sich auf 2,01 Metern Körpergröße verteilt, daran hindert, sich dem deutschen Tor zu nähern. Vor der Hauptrunde in Köln, wo die deutsche Mannschaft am Samstag (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) auf Island trifft, spricht Wiencek im Interview bei n-tv.de über sein Abwehrteam, schlaflose Nächte und warum er sich besonders auf Köln freut.

n-tv.de: Herr Wiencek, Ihr Zusammenspiel mit Hendrik Pekeler funktioniert bislang fantastisch. Wie hilfreich ist es, dass Sie auch bei ihrem Verein THW Kiel ein Abwehrtandem bilden?

Patrick Wiencek: Na klar, das ist schon ein Vorteil, obwohl wir uns auch mit unserem dritten Abwehrmann, Finn Lemke, sehr gut verstehen.

Pekeler agiert ein wenig weiter vorgezogen, während Sie die Gegner weiter hinten in Empfang nehmen. Ist das der Plan?

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Mit seinem Kollegen Hendrik Pekeler bildet Wiencek bei der WM einen Mittelblock, den in dieser Klasse und Intensität keine andere Nation stellt.

(Foto: imago/MIS)

Genau. Wir spielen ein ähnliches System auch in Kiel, von daher sind die Absprachen da relativ klar geregelt.

Es heißt oft, dass die Abwehr Meisterschaften gewinne. Stimmen Sie dem zu?

Das kann man schon so stehen lassen. Nicht nur, weil es extrem wichtig ist, sicher zu stehen und die Ordnung zu halten, sondern auch, weil du über eine stabile Abwehr zu leichten Gegenstoßtoren kommst.

Gibt es in der deutschen Defensive einen Chef, der die Kommandos gibt?

Eigentlich nicht. Wir kennen die Taktik, die vorher abgesprochen wird und spielen dann unsere Abläufe durch. Da brauchst du keinen Chef, der noch was ansagt. Wir verstehen uns blind, im Grunde genommen sind wir alle der Chef.

Beschreiben Sie doch mal, was macht einen guten Abwehrspieler ausmacht.

Das sind viele Eigenschaften: Du musst deine Abwehr kompakt halten, viele Bälle blocken, gut mit dem Torwart harmonieren und natürlich stark sein. Das ist auf meiner Position mit Sicherheit kein Nachteil, wenn ein 100-Kilo-Mann mit vollem Tempo auf dich zukommt.

Wie ist das eigentlich, wenn das Spiel wie gegen Russland und Frankreich wenige Sekunden vor Schluss Spitz auf Knopf steht: Denkt man da noch nach, oder handeln Sie nur noch instinktiv?

Da bist du nur noch im Tunnel und bekommst nicht mehr viel mit. Es geht dann einzig und allein darum, das Tor zu verhindern. Egal wie.

Der deutsche Co-Trainer Alexander Haase betont, durch das Unentschieden gegen den WM-Favoriten Frankreich habe sich das deutsche Team in der Weltklasse zurückgemeldet. Sehen Sie das ähnlich?

Natürlich sind wir überglücklich, dass wir einer Mannschaft wie gegen Frankreich einen solchen Fight liefern konnten. Hätte uns einer vorher gesagt, dass wir diesen Gegner an den Rand einer Niederlage bringen, hätte das keiner geglaubt. Das zeigt uns, was wir für eine coole Mannschaft sind. Da steht einer für den anderen ein. Die Stimmung bei uns ist gut wie nie - und ich finde, das sieht man auf dem Spielfeld.

Was kann noch kommen?

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen abgedroschen, aber Deutschland ist immer noch eine Turniermannschaft. Das war jetzt die Gruppenphase, jetzt kommen die wirklichen K.o.-Spiele, die wir gewinnen müssen, wenn wir ins Halbfinale wollen.

Torhüter Andreas Wolff berichtete, er könne nach den Spielen vor Aufregung kaum schlafen. Wie ergeht es Ihnen?

Ähnlich. Wenn Steffen Weinhold um zwei Uhr nachts vom Physio zurückkommt, liege ich hellwach im Bett und bekomme kein Auge zu. Du bist vollgepumpt mit Adrenalin, da ist es gar nicht so leicht, wieder runterzufahren. Du fängst an, über die 60 Minuten nachzudenken und schon bist du wieder im Spielmodus.

Wie wichtig ist die Atmosphäre in der Halle für Sie?

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Die Fans sorgen für Gänsehaut, sagt Wiencek.

(Foto: REUTERS)

Das ist einfach Wahnsinn. Schon wenn vor dem Spiel die Nationalhymne von allen mitgesungen wird, sind das Gänsehautmomente. Und wenn du dann von den Leuten permanent nach vorne gepeitscht wirst, beflügelt dich das. Wenn ich bedenke, dass in Köln nochmal 4000 bis 5000 Menschen mehr in der Halle sein werden, dann sage ich mir: "Meine Güte, das kann noch eine richtig geile WM für uns werden."

Der Spielort Köln genießt bei deutschen Handballern seit dem Wintermärchen 2007 legendären Status. Wie haben Sie das damals erlebt?

Leider nur vor dem Fernseher. Aber ich habe die Bilder noch genau vor Augen, als unser Torhüter Henning Fritz nach seiner letzten Parade im Halbfinale gegen Frankreich mit dem Ball durch die Halle gerannt ist. Da kriege ich heute noch Gänsehaut. Jetzt sind wir in der Pflicht. Wenn wir ähnlich spielen, wie die Jungs damals, wird die Halle wieder brodeln.

Ihre Heimatstadt liegt rheinabwärts nicht weit von Köln entfernt. Macht das die Auftritte für Sie noch spezieller?

Na klar, das ist schön, schließlich ist Duisburg nur 60 Kilometer von Köln weg, auch wenn es im Ruhrpott liegt und nicht im Rheinland. Es kommen viele Leute in die Halle, die ich kenne, und die meinen Weg begleitet haben. Natürlich wird das etwas Besonderes.

Mit Patrick Wiencek sprach Felix Meininghaus

Quelle: n-tv.de

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