Die großen Lehren aus der WMLittler zerstört die Darts-Welt und eine Legende stürzt brutal ab

Luke Littler verteidigt den Titel bei der Darts-WM 2026. Die Konkurrenz ist chancenlos, nicht nur das Finale eine einseitige Nummer. Aus deutscher Sicht ist die Bilanz gemischt.
Der zweite Weltmeister-Titel für Luke Littler, die Zeitenwende im niederländischen Darts, eine durchwachsene WM aus deutscher Sicht. So fällt das Fazit nach 20 Tagen Darts-WM 2026 aus. Das Mammut-Turnier überzeugt größtenteils, ist am Ende aber oft zu einseitig.
Luke Littler ist derzeit unschlagbar: Wenn der 18-jährige Superstar gut spielt, ist derzeit kein Kraut gegen ihn gewachsen. Mit Gian van Veen hat sich im Finale der Weltmeisterschaft 2026 am Samstagabend der mit Abstand zweitbeste Spieler des Turniers am Himmelfahrtskommando gegen Luke Littler versuchen können. Doch selbst der vorher so überzeugende Niederländer war chancenlos gegen den jetzt zweifachen Weltmeister.
Mit 16 Jahren beim Debüt Vize-Weltmeister, mit 17 erstmals Weltmeister, mit 18 zweifacher Weltmeister. Die kometenhafte Karriere des jungen Engländers sprengt alle Dimensionen. Schon jetzt wird Littler mit dem größten Spieler aller Zeiten verglichen: Phil "The Power" Taylor. Der hatte bei seinen ersten drei WM-Teilnahmen genau wie Littler dreimal das Finale erreicht – und anschließend zwei Jahrzehnte lang den Sport dominiert, wie kaum ein anderer je eine Sportart dominiert hat.
Littlers Dominanz nimmt bereits jetzt solch absurde Ausmaße an, dass selbst die 16-WM-Titel von Taylor erreichbar wirken. Zeitnah wird Littler jedenfalls niemand gefährlich. Wenn Luke Littler für seine Maßstäbe gut spielt, ist er derzeit unschlagbar. Die Konkurrenz um Michael van Gerwen hofft, dass sich eines Tages das Erwachsenenleben bemerkbar macht und Littler eines Tages weniger unbekümmert agiert. Stand jetzt können Littlers Gegner noch lange darauf warten.
Die Darts-WM ist nach Silvester oft langweilig: Der Trend, dass die Weltmeisterschaft ihre Highlights mittlerweile schon im alten Jahr verbraucht, hat sich verfestigt. Analog zu den Vorjahren sind fast ausnahmslos alle Spiele ab dem Viertelfinale einseitig. Littler besiegte den Polen Krzysztof Ratajski 5:0, den englischen Überraschungs-Halbfinalisten Ryan Searle 6:1 und Gian van Veen im Endspiel 7:1.
Das einzig spannende Spiel seit dem Jahreswechsel war das Halbfinal-Duell zwischen Gian van Veen und Gary Anderson. Selbst die spielerisch ausgeglichene Partie ging wegen des besseren Timings von van Veen am Ende vergleichsweise deutlich mit 6:3 an den Niederländer. Seit der WM 2022 gab es nur klare Halbfinal-Ergebnisse. Seitdem ist auch jedes Finale 7:4 oder noch deutlicher ausgegangen. Ein Endspiel über volle 13 Sätze gab es zuletzt 2015 zwischen Gary Anderson und Phil Taylor.
Obwohl die WM an den letzten drei Tagen vor lauter Einseitigkeit fast schon langweilig wurde, war es dennoch eine gute WM. Ein Feuerwerk an besonderen Geschichten, Überraschungen und Topspielen in den ersten beiden Runden vor Weihnachten. Hochklassige, spannende Duelle in der Zeit zwischen Weihnachten und Silvester. Die Zeit zwischen den Jahren bietet die beste Mischung aus großen Namen und überraschenden Außenseitern. Es ist die Zeit, in der sich jedes Jahr die Spreu vom Weizen trennt.
Michael van Gerwen droht der Total-Absturz: Noch vor dem Jahreswechsel ist diesmal Michael van Gerwen aus dem Turnier ausgeschieden. Der Weltmeister von 2014, 2017 und 2019 unterlag Gary Anderson im Legenden-Duell im Achtelfinale mit 1:4. Damit endete ein verkorkstes Jahr von "MvG" auch bei der WM frühzeitig. Nur zwei Tage später vollendete Gian van Veen schließlich die Zeitenwende im niederländischen Darts. Nach 13 Jahren, über 4000 Tagen, musste Michael van Gerwen den Status als niederländische Nummer eins in der Weltrangliste abgeben an seinen 23-jährigen Landsmann.
Für den einstigen Dominator der Darts-Welt könnte es sogar noch weiter bergab gehen. Aktuell ist "MvG" zwar noch auf Platz vier notiert, allerdings ist die Ausgangslage für den Rest des Jahres düster. Van Gerwen könnte Ende des Jahres aus den Top 10 herausfallen, wenn es so weitergeht.
Der 36-Jährige hat im vergangenen Jahr nur ein Major-Turnier gewonnen. Van Gerwen gewann die World Series Finals in Amsterdam. Das ist jedoch das mit Abstand unwichtigste TV-Turnier – und das Preisgeld zählt nicht mal für die Weltrangliste. Nach der Trennung von seiner Frau Daphne befindet sich "Mighty Mike" (Mächtiger Mike) im Komplett-Umbruch - ob der dreifache Weltmeister jemals wieder zu der herausragenden Form vergangener Jahre zurückfindet, ist mehr als nur fraglich.
Die Deutschen sind noch weit weg von der Weltspitze: Obwohl es bei Michael van Gerwen nicht rund läuft, teilt der Niederländer weiter in alle Richtungen aus. Auf Nachfrage von ntv.de kritisierte "MvG" nach seinem Drittrunden-Sieg über Arno Merk die deutschen Spieler. "Ein Land wie Deutschland sollte mehr Spitzenspieler haben. Ich war überrascht, dass Niko Springer in der ersten Runde ausgeschieden ist. Martin Schindler hat zuletzt gut gespielt, dann bricht er aber plötzlich ein."
Gegen diese Einschätzungen von Van Gerwen ist nichts einzuwenden. Springers Niederlage gegen den australischen Außenseiter Joe Comito kam unerwartet und war komplett unnötig. Martin Schindler hat zweimal stark gespielt, sah aber gegen Ryan Searle in Runde drei gar keinen Stich. Für den Weltranglisten-13. müsste das Aus in der Runde der letzten 32 eigentlich eine Enttäuschung sein. Umso überraschender äußerte sich Schindler im Interview bei DAZN: "Es war keine Sensations-WM, aber eine gute WM. Ich war nach Weihnachten noch dabei, das zählt für mich."
Weitere Aussagen gab es von Schindler nach der 0:4-Klatsche gegen Searle nicht. Der 29-Jährige verkündete nach seinem Erstrundensieg einen Interview-Boykott gegen Sport1, weil er sich seit Monaten über einzelne Artikel aufgeregt hatte. Per Instagram-Story erklärte sich Schindler wenige Stunden vor dem Jahreswechsel. Während des Turniers waberte das Thema wie eine Nebelwolke um Schindler.
Das gilt auch für die Vorwürfe mehrerer deutscher Spieler, die Medien würden zu viel Druck aufbauen. Diese Kritik wurde mehrfach erwähnt, aber nie mit Inhalten untermauert. Letztlich ist der Eindruck entstanden, dass Medienberichterstattung mit Kommentaren in Sozialen Medien in einen Topf geworfen wurde.
Kommen wir zu den positiven Geschichten aus deutscher Zeit: Eine fantastische WM hat 2023er-Halbfinalist Gabriel Clemens gespielt. Schon der Zweitrundensieg über das niederländische Toptalent Wessel Nijman war eine Überraschung, der herausragende Auftritt gegen 2024er-Weltmeister Luke Humphries noch mehr. Clemens kämpfte sich nach 0:3-Rückstand auf 2:3 heran und vergab drei Satzdarts zum Ausgleich. Bis zum größten Comeback in der deutschen WM-Geschichte fehlte nicht viel.
Ein fantastisches Ergebnis fuhr auch Debütant Arno Merk ein. Der Qualifikant besiegte den erfahrenen Kim Huybrechts aus Belgien im Eröffnungsspiel, setzte sich gegen den indisponierten zweifachen Weltmeister Peter Wright durch und verlor erst in Runde drei gegen Michael van Gerwen. Das WM-Fazit aus deutscher Sicht fällt letztlich durchwachsen aus. Die Weltspitze ist noch weit weg.
WM-Erweiterung war der richtige Schritt: 128 Teilnehmer statt 96. Trotzdem hat die Qualität des Turniers nicht gelitten. Vielmehr überwiegen die Vorteile des ausgeweiteten Starterfelds. Auch die Topspieler haben anders als vorher kein Freilos in Runde eins mehr. Jeder Spieler braucht garantiert sieben Siege für den Titel.
Wichtiger Nebeneffekt der WM-Ausweitung: Das Turnier wird internationaler. 128 Spielerinnen und Spieler aus 34 Ländern haben dieses Jahr an der WM teilgenommen. Erstmals waren Kenia, Argentinien und Norwegen beim Pfeile-Spektakel repräsentiert. Der kenianische Qualifikant David Munyua sorgte mit seinem Erstrunden-Sieg über den haushohen Favoriten Mike de Decker für eine der größten Sensationen der WM-Geschichte.