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Bundesliga-Check: Werder Bremen Morgenmuffel leiden unter Rückenproblemen

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Ex-"Bad Boy" Max Kruse (l.) muss den Bremer Schlafmützen die Richtung weisen.

(Foto: imago/Eibner)

Werder legt nach schlechtem Start eine Top-Rückrunde in der Fußball-Bundesliga hin, mal wieder. Werder verliert Leistungsträger, mal wieder. Werder holt Pizarro, mal wieder. Doch mit Rekord-Transfer und "Bad Boy" bricht ein neuer Morgen an.

Rücken an Rücken sitzen Max Kruse und Martin Harnik auf dem Bett im Mannschaftshotel des Trainingslagers in Grassau, kurz vor der österreichischen Grenze. Wie kleine Jungs albern und fluchen sich die Bremer Angriffsherren durch das beliebte "Zimmerduell" von "werder.tv". Die frisch gebackenen Sturmpartner harmonieren prächtig - bis die Frage nach dem größeren Morgenmuffel kommt. "Was?! Du bist nicht angenehm! Ich hab gar keine Probleme, morgens aufzuwachen!", schmettert Kruse hinter sich. Und leistet damit exzellente, mentale Vorarbeit für die anstehende Saison. Denn Werder hat ein handfestes Frühaufsteh-Problem. Seit dem Ende der Ära Thomas Schaaf sind alle Trainer nach veritablen Fehlstarts früh gefeuert worden. Die Nachfolger polierten die Nordleuchten auf und steuerten mit mehr oder weniger strahlenden Rückrunden ans rettende Ufer der Fußball-Bundesliga. Der bisher letzte in dieser Reihe: Florian Kohfeldt, übernahm vor zehn Monaten und steht nun vor seinem ersten Saisonstart.

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Doch das neue grün-weiße Jahr soll anders werden. An der Weser lernt man aus den Fehlern. Der Bremer Weg wird mit Gegenwarts-Reife angereichert. Junge und alte Spieler aus eigener Schule werden zielgerichtet und hochwertig mit gestandenen Zukäufen ergänzt. Bei Thomas Delaneys 20-Millionen-Wechsel zu Borussia Dortmund kann man aus dem Abgang eines Leistungsträgers endlich einmal wieder richtig Kapital schlagen, das mit Werder-untypischem Klotzen reinvestiert wird. Der SVW leckt Blut und verlängert die Verträge von anderen Top-Spielern, um weitere Unter-Wert-Verluste zu verhindern - Kohfeldts jüngste Erfolge wecken Begehrlichkeiten. Und sie schüren an der Weser die Hoffnung, diesmal vielleicht rechtzeitig aufgestanden zu sein.

Was gibt's Neues?

Junge Wilde, alte Hasen, sehr alte Hasen und einen Rekord-Einkauf. Werder tastet sich auf eben jenem reformierten Bremer Weg ins 21. Fußballjahrhundert. Aus dem ertragreichen Delaney-Abgang schnitzen Vereinsikone Frank Baumann und sein Management einen Transfer-Coup: Für 13,5 Rekord-Millionen kommt der in Everton gescheiterte offensive Mittelfeld-Nierderländer Davy Klaassen an die Weser. Er ist, gemeinsam mit dem Kölner Absteiger und WM-Torschützen Yuya Osako, der von außen hinzugekaufte, frische Wind im Bremer Stallgeruch. "Diese Jungs wollen Fußball spielen", frohlockt der modern transferierte Klaassen in der "Deichstube" über die, die schon vor ihm da waren. Die traditionell hochgehaltenen Eigengewächse Eggestein, Käuper und Mbom sollen aus der eigenen Jugend die Bremer Zukunft bringen und schon in dieser Saison Verantwortung tragen. Hinzu kommt das US-amerikanische, offensive Supertalent Josh Sargent, das mit Bremens zweitem Team jüngst den HSV vorführte.

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Rekord-Neuzugang Davy Klaassen zimmert schon am Tag seiner Vorstellung seine erste Werder-Bude im Test gegen Bielefeld.

(Foto: imago/Kirchner-Media)

Und dann ist da natürlich noch ein gewisser Claudio Pizarro. Seine vierte Rückkehr sorgte bei vielen für mehr Stirnfalten, als der Mann selbst trägt. Pizarro erreicht am Tag der deutschen Einheit das beinahe biblische Stürmeralter von 40 Jahren. Er könnte rein rechnerisch der Vater sämtlicher oben genannter Nachwuchskicker sein. Stattdessen soll "Pizza" nun "in gewissen Spielphasen", der Vater des Bremer Torhungers werden, wie Kohfeldt hofft. Von ihm Liefern lernen können vorne übrigens auch der 31-jährige Wieder-Bremer Martin Harnik und der 30-jährige, neue Kapitän: Max Kruse. Ja, richtig, Verantwortung und Vorbildfunktion übernimmt in grün-weiß künftig der gleiche Max Kruse, der vor gar nicht allzu langer Zeit wegen Sex-, Poker- und Sportwageneskapaden als "Bad Boy" aus der Nationalelf flog. In Bremen wird man erwachsen.

Auf wen kommt es an?

Auf Philipp Bargfrede. Das ewige Talent ist mit 29 inzwischen etwas in die Jahre gekommen. Als dauerverletztes Bremer Sorgenkind geht er mit gehöriger Verantwortung in seine elfte (!) grün-weiße Bundesligasaison: Er ist der einzige Sechser von halbwegs etabliertem Format im ganzen Kader. Im defensiven Mittelfeld tritt er die Nachfolge des zuletzt maßgeblich erfolgsentscheidenden Thomas Delaney an. Dessen defensive Kompromisslosigkeit und offensive Kaltschnäutzigkeit soll Bargfrede der Mannschaft erhalten. Dabei muss er gleichzeitig die Verbindung zwischen Abwehr und Angriff, sowie zwischen Jung und Alt herstellen. Sollte dieser schwere Rucksack zu Rückenbeschwerden führen, droht der werdersche Balance-Akt zu taumeln. Dann nämlich würde es für Ole Käuper ernst, dem man auf dieser Position das volle Ersatz-Vertrauen ausgesprochen hat - wohl auch aus Mangel an übrigen Transfer-Milliönchen. Hoffnung macht vielleicht tatsächlich der Blick in Bargfredes Enzyklopädie der Sportverletzungen: "Rücken" hatte er noch nie.

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Muss im Mittelfeld aufräumen - und vor allem gesund bleiben: Philipp Bargfrede.

(Foto: imago/Eibner)

Das gleiche Zauberwort gilt zwei Reihen weiter hinten: Jiri Pavlenka muss dem Bremer Offensivdrang zwischen den Pfosten den Rücken freihalten - und das mindestens so bravourös wie in der vergangenen Spielzeit. Kann der Keeper seine Topform nicht über die ebenfalls starke Vorbereitung hinaus konservieren, wird sich Sturm-Papa Pizarro fragen müssen, wie er und seine Offensiv-Zöglinge vorne mehr Lärm machen können, als hinter ihnen scheppert.

Was fehlt?

Das Nordderby. Glauben Sie nicht? Glauben die meisten Werder-Fans im Schadenfreude-Taumel über den HSV-Abstieg wahrscheinlich auch (noch) nicht. Dürfte aber dennoch so kommen. Denn eine Ladung richtige sportliche Rivalität hat noch keinem geschadet. Und die ohnehin gute Stimmung war im Weserstadion gegen die Hamburger immer noch ein kleines Stück ausgelassener. Denn andererseits hat der große Traditionskampf im Nord-Süd-Gipfel gegen die Bayern an Tradition zwar nichts verloren, an echtem Kampf hingegen jüngst umso mehr. Zu tief klafft die Lücke zwischen den sportlichen Realitäten beider Teams. Und so muss der SVW in dieser Bundesligasaison ohne wahres Derby irgendwie anders für die Stimmung sorgen. Hofft man jedenfalls, denn theoretisch besteht ja noch die Möglichkeit eines Nordderbys in der Relegation. Das jedoch dürfte zwischen Weser und Elbe für ganz andere Laune sorgen. Nicht zuletzt, weil dann auch mal wieder der leidige Polizeikosten-Streit um eine saftige Rechnung reicher wäre.

Wie lautet das Saisonziel?

"Europa", sagt WM-Viertelfinalist Ludwig Augustinsson. "Europa", sagt Neuankömmling Davy Klaassen. "Europa", sagen auch der erfahrene Claudio Pizarro und der geläuterte Max Kruse - und wer soll es wissen, wenn nicht sie. Florian Kohfeldt gefällt das. Vornehm zurückhaltend drückt er sich im Traineramt aber etwas vager aus. Ein Platzierungs-Ziel wird nicht ausgegeben, "eher eine Range", die man später konkretisieren will. "Wir werde nicht schnipsen und dann haben wir es geschafft", fügt denn auch Rekord-Transfer Klaassen im Bremer Hausblatt an.

Wäre ja auch vermessen, nachdem man jahrelang mit eben dieser heimlichen Ambition in die Saisons gestartet ist und mindestens zwischendurch doch immer wieder gegen den Abstieg kämpfte. Präzisieren könnte sich besagte "Range" nach den oben bedrohlich an die Wand gemalten ersten Spieltagen. Sitzt Kohfeldt zu Pizarros Geburtstag noch im Sattel, dürfte er anfangen, aus den gesammelten Punkten eine einstellige Zahl auszurechnen.

Die Prognose von n-tv.de

Es könnte eng werden mit dem beschworenen "Europa". Und zwar ganz schnell am Anfang, spätestens aber am Ende - schlimmstenfalls beides. Der Spielplan stellt den SV Werder vor eine paradoxe Herausforderung: Die kritischen ersten Spieltage sind vollgepackt mit Gegnern, die zwischen "machbar" und "Pflichtprogramm" rangieren. Sollte man gegen Augsburg, Aufsteiger Nürnberg und Co. nicht kräftig punkten, droht der arg schnelle Rückfall in alte Muster und ein trüber Morgen über der Nordsee. Andererseits, selbst wenn der Frühstart glückt, muss das Punktepolster gleichzeitig als Euphoriebremse herhalten: Die ganz dicken Bretter bohren die Werderaner jeweils erst zum Ende der Runden. Dann nämlich hat man an den fünf letzten Spieltagen die Bayern, Dortmund, Hoffenheim und die Bullen aus Leipzig vor der Brust. Will man also das Relegations-Nordderby verhindern, muss Frühaufsteher-Kapitän Kruse seine Jungs und Männer am besten schon vor dem ersten Spieltag wachrütteln. Könnte aber klappen, schließlich ist auch Thomas Schaaf wieder da. Vielleicht hat er ja den Wecker gestellt.

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Quelle: n-tv.de

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