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Berlin als Modell für NBA EuropeWilder Flirt befeuert deutsch-amerikanische Basketball-Träume

25.01.2026, 08:11 Uhr
imageVon Seb Dumitru
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Für Moritz (links) und Franz Wagner hatte die Rückkehr in ihre Heimatstadt etwas Magisches. (Foto: Getty Images via AFP)

Rekordquoten, gefeierte Lokalhelden, weltweite Lobeshymnen: Das erste reguläre Saisonspiel in Deutschland war ein durchschlagender Erfolg. Vor allem aber hat es Berlin als idealen Partner und Alba als progressiven Modellklub für die geplante neue Liga der NBA in Europa bestätigt.

Mehr als eine Woche ist der dramatische Comeback-Sieg der Orlando Magic gegen die Memphis Grizzlies in Berlin nun her, das Endergebnis von 118:111 hallt jedoch weit über den finalen Buzzer hinaus. Es war das erste reguläre Saisonspiel auf deutschem Boden überhaupt. Für Amazon Prime Video, den neuen globalen Medienpartner, wurde die Partie zum meistgesehenen regulären Saisonspiel der NBA jemals in Deutschland - und zugleich zum meistgesehenen NBA-Spiel der laufenden Saison in ganz Europa. Für die Liga selbst war der Abend noch aus einem ganz anderen Grund bedeutsam: Er lieferte einen überzeugenden Beweis dafür, dass das Konzept funktioniert.

Berlin war nicht einfach nur Austragungsort eines NBA-Spiels. Die Stadt präsentierte eine Blaupause: Von der ausverkauften Uber Arena zu begeisterten Fans bis zur prestigeträchtigen Promi-Lineup am Spielfeldrand - mit Persönlichkeiten wie Thomas Müller, Mats Hummels, Jürgen Klopp und Dirk Nowitzki, der regelmäßig als Analyst bei Prime auftritt. NBA Berlin zeigte, wie nahtlos das globale Entertainment-Modell der besten Basketball-Liga der Welt mit der europäischen Sportkultur verschmelzen kann.

Vor allem aber wurde deutlich, warum Berlin sich zunehmend als idealer Partner für das bislang ambitionierteste Projekt positioniert: den Aufbau einer neuen europäischen Liga. NBA-Commissioner Adam Silver betont unverändert die Notwendigkeit von Geduld. "Die Gründung einer neuen Liga in Europa ist eine Mammutaufgabe", sagte er in Berlin. "Das ist ein langfristiges Projekt. Es erfordert Sorgfalt, Respekt vor Traditionen und einen schrittweisen Aufbau. Deshalb gehen wir Schritt für Schritt vor, sind sehr sorgfältig und vorsichtig und stellen sicher, dass wir alle Grundlagen abdecken."

Hinter dieser Zurückhaltung verbirgt sich jedoch ein klarer Vorwärtsdrang. Gemeinsam mit der FIBA arbeitet die NBA seit Jahren an diesem Vorhaben - und die Gespräche haben inzwischen ein Stadium erreicht, in dem Liga, nationale Verbände und Klubs übereinstimmen: Eine NBA Europe ist längst keine Frage mehr des Ob, sondern des Wann. Oktober 2027 ist und bleibt intendierter Startpunkt für das Projekt.

Berlin für die NBA das Tor nach Europa

Berlin steht im Zentrum dieser Überlegungen. Die deutsche Hauptstadt verkörpert genau jene Balance, die Silver als entscheidend beschreibt: Tradition und Innovation, lokale Verwurzelung und globale Strahlkraft. Die Basketballgeschichte der Stadt reicht weit zurück. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin wurde Basketball erstmals olympische Disziplin. Fast ein Jahrhundert später erlebt der Sport in Deutschland eine neue Hochphase - befeuert durch internationale Erfolge, den Gewinn der Welt- und Europameisterschaft, eine aufstrebende Spielergeneration und stark wachsende Reichweiten.

Dieses Wachstum ist kein Zufall. Alba Berlin gilt seit Jahren als einer der professionellsten Basketballklubs Europas und hat sich zu einem Referenzmodell für die NBA entwickelt. Die Nachwuchsarbeit des Vereins - aus der auch Franz und Moritz Wagner hervorgegangen sind - entspricht in vielerlei Hinsicht den Leitlinien, die die NBA selbst zunehmend verfolgt. Während sich der Nachwuchssport in den USA derzeit grundlegend wandelt, sucht die Liga gezielt nach europäischen Modellen, die Spitzenförderung, Bezahlbarkeit und langfristige Nachhaltigkeit miteinander verbinden.

Berlin bietet genau dieses Umfeld. "Wir kennen die Verantwortlichen von Alba Berlin sehr gut", sagte Silver gegenüber ntv.de. "Wenn man sich die Nachwuchsarbeit anschaut - auch die Wagner-Brüder haben dieses Programm durchlaufen -, sieht man vieles, das weltweit Vorbildcharakter hat." Diese Glaubwürdigkeit ist entscheidend, denn die NBA sucht in Europa keine reinen Lizenznehmer, sondern Partner, die die lokale Basketballkultur verstehen und mitgestalten. "Alba Berlin ist hier ein hervorragendes Beispiel - sowohl im Nachwuchs- als auch im Leistungsbereich. Der sportliche Erfolg des Klubs spricht für sich", betont Silver.

Auch Franz Wagner findet "die Idee mit der europäischen Liga super. Ich denke, man muss sicherstellen, dass man nicht die ganze Struktur ändert und dass die Tradition ein bisschen erhalten bleibt, aber die NBA kann da sicher viel mithelfen." Der Respekt vor europäischen Sporttraditionen ist zu einem Kernpunkt der Planungen geworden. Auf- und Abstieg - im geschlossenen System der NBA unbekannt - gelten für viele europäische Akteure als unverzichtbar. Auch für Dirk Nowitzki, der seinen neuen Alltag als Experte für Prime Video genießt: "Das europäische Modell hält die Spiele bis zum Saisonende spannend", sagt er. "Diese Dynamik ist ein zentraler Teil unserer Sportkultur."

"Besonders beeindruckt hat mich, dass Dirk Nowitzki in Berlin vor Ort war", sagte NBA-Vizepräsident Mark Tatum auf Nachfrage von ntv.de. "Er selbst wurde einst vom Dream Team 1992 inspiriert. Franz Wagner hat gesagt: 'Dirk war unser Michael Jordan'. Ich hatte die Gelegenheit, mit Franz zu sprechen - er sagte, es sei surreal, als Kind zu Dirk aufzublicken und nun selbst hier in Berlin zu spielen. Ich bin überzeugt, dass es in einigen Jahren NBA-Spieler geben wird, die damals in der Halle saßen oder die Spiele im Fernsehen gesehen haben, die die Wagner-Brüder oder da Silva erlebt haben und gesagt haben: 'Das will ich auch.' Mit einer möglichen Liga in Europa könnten wir künftig genau diesen Weg und die notwendige Infrastruktur schaffen - für deutsche, britische, französische, serbische oder italienische Talente. Darin liegt die Kraft solcher Spiele. Wir haben gesehen, dass es funktioniert. Wenn es gelingt, in Europa ein nachhaltiges Modell aufzubauen, wird das mehr Investitionen in den Breitensport und in die Infrastruktur nach sich ziehen. Und genau das begeistert uns ungemein."

Deutschland einer der Schlüssel-Märkte

Berlin, eine Stadt, die wie kaum eine andere von Kontinuität und Erneuerung geprägt ist, eignet sich in besonderer Weise, um diese Welten zusammenzuführen. Auch wirtschaftlich ist das Argument stark. Deutschland zählt inzwischen zu den am schnellsten wachsenden NBA-Märkten. Nirgendwo in der Welt beziehen mehr Fans den NBA League Pass, mit dem sie alle Partien live oder auf Abruf konsumieren können. Wie die NBA aber immer wieder einräumt, spiegelt sich diese Popularität bislang nicht wie erhofft in den kommerziellen Erlösen wider. Berlin bietet Größe, mediale Reichweite und internationale Sichtbarkeit, fungiert zugleich als Zentrum für Technologie, Start-ups und Innovation. Alles Schlüsselfaktoren für eine Liga, die von Grund auf neu gedacht werden soll.

Silver hat mehrfach unterstrichen, dass Technologie von Beginn an integraler Bestandteil einer NBA Europe sein soll: von personalisierten Fan-Erlebnissen über Medienformate bis hin zu Schiedsrichterwesen, Leistungsdiagnostik und Verletzungsprävention: KI spielt eine Schlüsselrolle. Deutschlands Ruf als Technologiestandort macht Berlin zu einem idealen Experimentierfeld für diese Ansätze. Die Attraktivität der Stadt reicht dabei über den Männerbasketball hinaus. Berlin wird im September Gastgeber der Frauen-WM sein, und Silver hat klargemacht, dass der Frauenbasketball Teil der langfristigen Vision ist - möglicherweise in enger Zusammenarbeit mit der FIBA. Der große Zuspruch zu diesen Plänen bei den NBA-Veranstaltungen in Berlin zeigte, dass die Stadt auch für diesen inklusiven Ansatz ein fruchtbarer Boden ist.

Institutionell wächst der Rückhalt. Alba Berlin hat öffentlich erklärt, Teil einer NBA Europe sein zu wollen. Der Deutsche Basketball-Bund bestätigt zudem starkes Interesse weiterer Klubs, die Basketball als Zukunftsmarkt erkannt haben - darunter der FC Bayern München und Borussia Dortmund. Diese Mischung aus etablierten Sportinstitutionen, Marken mit globaler Tragweite, und neuen Investoren, entspricht genau den Strukturen, die die NBA etablieren will. Gleichzeitig hat die ablehnende Haltung der EuroLeague den Veränderungsprozess beschleunigt.

Laut Ingo Weiss, DBB-Präsident und zugleich Schatzmeister der FIBA, habe "die NBA lange versucht, eine Einigung zu erzielen. Die EuroLeague war einmal mehr zu arrogant und hat die Gespräche beendet. Daraufhin hat die NBA entschieden, ihren eigenen Weg zu gehen." Trotz ihrer sportlichen Qualität steht die EuroLeague zunehmend wegen ihrer wirtschaftlichen Nachhaltigkeit in der Kritik - ein Umstand, der die Attraktivität eines neuen Modells weiter erhöht. Alba tritt in dieser Saison nach insgesamt 24 EuroLeague-Jahren erstmals in der FIBA Basketball Champions League an - bereits auf die neue NBA-Liga vorausblickend?

NBA Europe statt EuroLeague

"Die EuroLeague ist finanziell nicht nachhaltig", sagt Albas Präsident Axel Schweitzer. "Für uns, mit der NBA und der potenziellen Möglichkeit, den Markt zu erschließen, haben wir das Gefühl, deutlich mehr erreichen zu können als das, was bislang möglich war. Wir glauben, dass hier eine dramatische Veränderung der Basketball-Landschaft in Europa ansteht, die große Auswirkungen haben wird." Für Berlin wären die Folgen tatsächlich erheblich. Eine dauerhafte NBA-nahe Präsenz würde Investitionen in Infrastruktur, internationale Aufmerksamkeit und eine tiefere Einbindung in die globale Basketball-Ökonomie bedeuten. Für die NBA wiederum steht Berlin für Glaubwürdigkeit: eine Stadt mit Basketballtradition, nachweislicher Zuschauerresonanz, stabilen Strukturen und einem Klub, der Breiten- und Spitzensport gleichermaßen beherrscht.

Vielleicht am wichtigsten ist jedoch die Geschichte, die Berlin für die NBA über Europa erzählen kann - nicht als einheitlichen Markt, sondern als vielfältiges Mosaik. "Ein Basketball-Erlebnis in Berlin sollte sich von einem in Madrid, London, Mailand oder Istanbul unterscheiden", verdeutlichte Silver gegenüber ntv.de. "Genau das macht dieses Projekt für uns so reizvoll." Ziel ist keine Gleichförmigkeit, sondern Authentizität innerhalb eines gemeinsamen, europäisch-amerikanischen Rahmens. Das Spiel in Berlin hat gezeigt, wie das aussehen kann. NBA-Spieler bewegten sich durch die Stadt, gaben Nachwuchs-Clinics und inspirierten eine neue Generation. "So entstehen Entwicklungspfade", sagt Tatum. "Und eine europäische Liga würde uns ermöglichen, diese Strukturen dauerhaft aufzubauen."

In diesem Sinne ist Berlin nicht nur ein möglicher Standort. Die Stadt ist ein Prototyp. Während die NBA Zeitpläne, Finanzierungsmodelle und Arenaprojekte abwägt - und offen einräumt, dass wirtschaftliche Tragfähigkeit Zeit brauchen wird -, wird deutlich, dass sie Partner mit Geduld, Weitblick und kulturellem Verständnis sucht. Berlin vereint all diese Eigenschaften. Der Comeback-Sieg der Magic ist schon heute nur noch eine Randnotiz in den ewigen Statistiken. Seine Bedeutung jedoch bleibt bestehen. Berlin hat bewiesen, dass es Publikum, Atmosphäre und Ambition auf Weltniveau liefern kann. Für die europäische Zukunft der NBA war das womöglich das entscheidende Ergebnis.

Quelle: ntv.de

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