Sport

Hinter dem Spektakel steckt mehr"Zerstörer der Welten" erschüttert Berlin, NBA plant Europa-Übernahme

16.01.2026, 05:25 Uhr
imageVon David Bedürftig, Berlin
Basketball-NBA-Orlando-Magic-Memphis-Grizzlies-Hauptrunde-Hauptrunde-Partien-85-Spieltag-Franz-Wagner-Orlando-Magic-wirft-seinem-Mitspieler-den-Ball-zu
Franz Wagner schwächelte anfangs und war dann doch ein Matchwinner für die Orlando Magic. (Foto: picture alliance/dpa)

Spektakuläres erstes NBA-Spiel in Berlin: Die Wagner-Brüder machen mit speziellen Heimat-Momenten den Katastrophenstart wett, Stars und Sternchen jubeln - und ein Dunk des Donners ist bis zum Kanzleramt zu hören. Doch der Plan der NBA dürfte nicht jedem gefallen.

Genau darauf hatten sie alle gewartet. Die NBA-Offiziellen, die Fans, die Verantwortlichen für das Berlin Game, das erst Punktspiel der besten Basketball-Liga der Welt auf deutschem Boden. Sie alle hatten sich genau die Szene des Spiels erträumt, die zweieinhalb Minuten vor dem Ende des Duells zwischen den Orlando Magic mit den deutschen Nationalspielern Moritz und Franz Wagner und Tristan da Silva und den Memphis Grizzlies die Uber Arena in Berlin zum Beben bringt.

Anthony Black erhält bei einem Gegenstoß der Magic den Ball an der Mittellinie zieht in die Zone - und knallt den Ball einhändig und mit einer unfassbaren Athletik in den Korb, während vor, neben und hinter ihm gleich vier Verteidiger hochsteigen.

Die Halle flippt aus. Moritz Wagner brüllt sich an der Seitenlinie die Seele aus dem Leib, die deutschen Basketballnationalspielerinnen Satou und Nyara Sabally in der ersten Reihe reißt es ungläubig von den Sitzen. Selbst im Kanzleramt hört man es womöglich noch scheppern. "Anthony Black, Zerstörer der Welten", schreibt der Magic-Podcast "The Sixth Man Show" auf X.

Übernahmestrategie der NBA

Der Dunk von Black ist das Highlight spannender finaler Minuten, am Ende entscheiden die Magic die Partie mit 118:111 für sich. Die NBA-Funktionäre reiben sich die Hände; denn die Arena ist ausverkauft - laut der Liga wurden Tickets an Fans aus 62 Ländern verkauft und mehr als 250.000 Menschen versuchten, sich über die Website der Liga Tickets zu sichern - und ein weiterer Mosaikstein eines globalen Puzzles ist gefallen.

Das Berlin-Game ist Teil eines größeren Plans. Hinter dem Spektakel steckt eine Strategie: Die beste Basketball-Liga der Welt schickt sich an, Europa zu übernehmen. Ab 2027 kommt die NBA Europe. Kein Markt ist für die Liga derzeit wichtiger.

Die NBA bestritt ihr erstes Vorbereitungsspiel 1984 im damaligen Westdeutschland. Zu dieser Zeit standen genau zehn internationale Spieler auf den Kaderlisten der Teams in den USA. Nun ist alles anders. Diese NBA-Saison begann mit einer Rekordzahl von 135 internationalen Spielern, darunter 71 aus Europa und darunter wiederum fünf der letzten sieben MVPs.

Superstars wie Nikola Jokic, Giannis Antetokounmpo und Luka Doncic sind längst nicht mehr nur europäische Helden, sondern mittlerweile globale Superstars. Hinzu kommt das Phänomen Victor Wembanyama, dem mit seinen 22 Jahren eine unvergleichliche Karriere vorhergesagt wird. Die beiden weltweit meistgesehenen Basketballer in den sozialen Medien sind Doncic (Slowenien, über 845 Millionen Aufrufe) und Wembanyama (Frankreich, über 708 Millionen Aufrufe).

Thomas Müller, Pamela Reif, Jürgen Klopp

Gründe genug für die NBA, um ihren Markt jenseits des Atlantiks zu erweitern. Fragt man die Liga, ist Basketball mit über 270 Millionen Fans sogar zur zweitbeliebtesten Sportart auf dem gesamten Kontinent aufgestiegen. Diese Zahl kursiert in der Liga dieser Tage immer wieder. Und genau dieses riesige Potenzial soll genutzt werden.

Die neue Basketball-Liga NBA Europa mit 14 bis 16 Teams wird mit der EuroLeague konkurrieren und versucht derzeit in Zusammenarbeit mit dem Weltverband FIBA die großen europäischen Klubs an Land zu ziehen. Die Liga-Verantwortlichen sind der Meinung, dass das derzeitige System im europäischen Basketball bei weitem nicht das Potenzial der europäischen Sportindustrie ausschöpft und dass der Basketball anders als etwa der Fußball zu fragmentiert ist.

Während der europäische Basketball seine eingefleischten Fans hat, will die NBA nun ein vielfältigeres und größeres Publikum und mehr Medien- und Marketingpartner anziehen. Das sieht man auch in Berlin, wo es nicht nur um vier Viertel auf dem Spielfeld geht, sondern wo eine einwöchige Basketball-Feier in die Hauptstadt verlagert wird.

Spektakel für Jedermann- und die Stars und Sternchen in den ersten Reihen für die Reichweite. In der Uber Arena sieht das dann so aus: Jürgen Klopp klatscht mit NBA-Legende Toni Parker ab, Rio-Weltmeister Mats Hummels gibt noch schnell ein Interview, Thomas Müller plaudert mit Dirk Nowitzki, Fitness-Star Pamela Reif posiert für Fotos auf dem Parkett, in den Logen drehen Influencerinnen kleine Instagram-Filmchen. Später wird auch noch das mittlerweile obligatorische "Country Roads" angestimmt.

Spezielle Berlin-Momente für die Wagner-Brüder

Spektakel, Glitzer, Emotionen: Was die NFL seit einigen Jahren in Deutschland veranstaltet, kann auch die NBA. Basketball wird aber zum Glück auch noch gespielt. Kurz bevor Anthony Black den Ball krachend in den Korb stopft, dürfen die Wagner-Brüder, die beide in der Hauptstadt geboren und aufgewachsen sind, ihre persönlichen Berliner NBA-Momente erleben.

Zunächst ist der 28-jährige Moritz dran. Im dritten Viertel legt er auf der einen Seite fein den Ball in den Ring und opfert im direkten Gegenzug seinen Körper in der Defensive: Er kassiert einen Ellenbogen von Jaren Jackson Jr., als dieser zum Korb zieht. Offensivfoul, die Magic-Bank flippt aus und rudert mit Handtüchern, um die Masse noch weiter anzuheizen. Sekunden später ist Wagner erneut in der Offensive am Ball und nur durch ein Foul zu stoppen. Mit dem Daumen und dem Zeigefinger zeigt er seinem Gegenspieler an, dass dieses zu klein ist.

Dank dieser Aktionen und etlicher Punkte (26) und Rebounds (13) von Starspieler Paolo Banchero ziehen die Magic davon, nachdem für sie in der ersten Hälfte fast gar nichts läuft. Auch die drei deutschen NBA-Stars Moritz und Franz Wagner und Tristan da Silva (zusammen null Punkte im ersten Viertel) schwächeln zunächst. Die Nervosität ist zu spüren und den Wagner-Brüdern fehlt nach ihren Verletzungen (für Moritz ist es das zweite Spiel nach einem Kreuzbandriss, für Franz ist es das erste nach seiner Sprunggelenkverletzung im Dezember) noch die Routine und die Spritzigkeit.

"Berlin, ihr habt komplett abgerissen!"

Doch dann darf auch Franz in seiner Heimat jubeln. Nachdem sich die Grizzlies bis zur Mitte des letzten Viertels wieder auf 99:100 herangekämpft haben, lässt der 24-Jährige erst einen Dreipunktewurf durchs Netz segeln. Direkt beim nächsten Angriff legt er noch einmal zwei Punkte hinterher. Die Magic nutzen diesen kleinen Lauf, auf den Blacks Dunk des Donners folgt, um Memphis auf Distanz zu halten. Zum Schluss kratzt Franz Wagner noch den letzten und seinen neunten Rebound (hinzu kommen 18 Punkte) vom Brett, dann ertönt die Sirene.

Der Welt- und Europameister wird sofort ans Mikrofon des US-Senders Amazon Prime gerufen. "Es ist unglaublich speziell, das hier in meiner Heimatstadt zu erleben", sagt er. "Das sind Momente, die ich nie vergessen werde." Sein Bruder Moritz dankt am Hallenmikrofon den Fans: Moritz Wagner: "Ihr seid die Besten. Ich habe gehört, dass überall aus Deutschland Leute gekommen sind. Wir sind überaus dankbar." Und da Silva schreit sein Adrenalin heraus: "Berlin, ihr habt komplett abgerissen!"

2028 kommt die NBA zurück nach Berlin. Vorher wird es wohl bereits die neue Liga auf dem alten Kontinent geben. Die einen wird es freuen, die anderen nicht. Kurz nach der Schlusssirene lächelt Kai Pflaume im Fahrstuhl noch in ein paar Handykameras, dann strömen die Massen nach Hause. Basketball für jedermann.

Quelle: ntv.de

BerlinUSANBABasketball