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All Star Game gewinnt an Brisanz Personalie Prokop überschattet Handballfest

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Handball-Bundestrainer Christian Prokop möchte in die eine Richtung, sein Team offenbar in die andere. Es knirscht gewaltig.

(Foto: dpa)

Der Sport verkommt beim All Star Game zwischen der Handball-Nationalmannschaft und einer Bundesliga-Weltauswahl wohl zur Nebensache. Alle Augen sind auf Bundestrainer Prokop gerichtet - der keine rosige Zukunft beim Verband hat.

So ein All Star Game ist ja stets das Schaufenster einer Sportart. Man wirbt für sich und zeigt, was man hat. Doch wenn sich heute Abend in Leipzig die Besten der Handball-Bundesliga mit der deutschen Nationalmannschaft im unterhaltsam-freundschaftlichen Gegeneinander messen, wirkt die Auslage ein wenig angeranzt. Anders ausgedrückt: Das Spaß-Event zum Auftakt der Rückrunde hat ganz plötzlich an Lockerheit eingebüßt. Schuld daran ist zum einen die miserable Performance der DHB-Auswahl bei der Europameisterschaft, die mit einem enttäuschenden neunten Rang für den Titelverteidiger endete. Schuld daran ist auch die Macht der Diskussion rund um Bundestrainer Christian Prokop. Bleibt er? Oder geht er? Und wenn er geht, wann? Die vermeintliche Kür zwischen EM und Bundesliga könnte in einer Strafexpedition für den zuletzt offen attackierten Coach enden.

Gut nur, dass Prokop sein Team beim ersten Auftritt nach dem Desaster ausgerechnet in Leipzig coachen darf. Hier könnte der stramme Gegenwind, der ihm seit dem EM-Aus am Mittwochabend vergangener Woche ins Gesicht bläst, zu einem lauen Lüftchen verkommen. Hier mag man ihn, weil er einst den hiesigen Handballclub SC DHfK Leipzig in die Bundesliga führte und dort etablierte. "Das ist für ihn ein Heimspiel", sagt Uwe Schwenker, der Präsident der Handball-Bundesliga.

Bundesliga-Klubs schießen gegen Prokop

Auch Schwenker wird selbstverständlich vor Ort sein, allerdings ist der Besuch des Spiels am Abend für ihn der eher unbedeutende Teil seiner Mission. Im Verlaufe des Tages kommt das Präsidium des Deutschen Handballbundes in Leipzig zu einer Sitzung zusammen. Es ist zwar die seit Monaten turnusgemäß festgesetzte Zusammenkunft der Verbandsoberen, doch aufgrund der Aktualität gewinnt dieses Treffen mächtig an Brisanz. Wichtigster Tagesordnungspunkt: Prokop und seine Zukunft im DHB. Schwenker ist als Ligachef mit Sitz und Stimme im Präsidium vertreten. Und mit einem klaren Auftrag ausgestattet: Er soll das Stimmungsbild der Liga nach der EM, abgerufen in den zurückliegenden Tagen, dem Präsidium übermitteln. "Und das ist alles andere als einheitlich", sagt er und fasst damit zusammen, dass aus verschiedenen Klubs der HBL scharf gegen den Bundestrainer geschossen wurde.

Die Kritik an der Arbeit des 39-jährigen Handballlehrers, der erst im März 2017 seine Arbeit aufnahm, ist vehement. Genau genommen begann sie nicht erst mit dem vorzeitigen EM-Ende. Vielmehr hatte Prokop schon vor dem kontinentalen Kräftemessen Kredit verspielt, als er zur Überraschung vieler zwei weitgehend unbekannten Bundesligaspielern seines Ex-Klubs den Vorzug vor so arrivierten Kräften wie Fabian Wiede, Rune Dahmke und Abwehrchef Finn Lemke gab. Vor allem die Personalie des Defensivstrategen Lemke sorgte für gewaltiges Rauschen im medialen Blätterwald und in den sozialen Medien.

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Finn Lemke durfte zur Handball-EM erst nachreisen.

(Foto: REUTERS)

Gut möglich, dass rückblickend dort das Ende seinen Anfang nahm. Nicht so sehr, weil er Sebastian Roschek statt Lemke nominierte und im Bemühen um Profil und individuelle Note übers Ziel hinausschoss. Vielmehr, weil er damit zu den einflussreichen Spielern in der Mannschaft auf Konfrontationskurs ging. Interpretiert man die dramatisch fallende Leistungskurve der Mannschaft im Turnier richtig, folgte ihm das Team nicht mehr, weil Prokop sich in seinen Innovationen verhedderte wie ein Fisch im Netz. Als die #badboys 2016 Europameister wurden, war das System stärker als die Summe der im Kader versammelten Einzelspieler. Zwei Jahre später war es genau umgekehrt.

"Als Bundestrainer scheint er überfordert zu sein"

Zwar korrigierte Prokop nach zwei Begegnungen seine Entscheidung, doch das wirkte schon nicht mehr als Palliativ. Statt offen von einer Fehlerkorrektur zu sprechen und Größe zu beweisen, stellte er die Nachnominierung als Teil eines größeren Plans dar. Geglaubt haben ihm da nicht mehr viele. Auch, weil er im Laufe der EM viele andere Schwächen zeigte und Fehler beging. So zum Beispiel, als er das entscheidende Hauptrundenspiel gegen Spanien 20 Minuten vor dem Ende abschenkte und seine Mannschaft bat, das Match "mit Respekt zu Ende zu bringen" Axel Geerken, Manager von Lemkes Arbeitgeber MT Melsungen, sprach danach aus, was viele Kritiker dachten. "Als Bundestrainer scheint er überfordert zu sein", sagte er dem Fachmagazin "Handballwoche". Und mit Blick auf die im Januar 2019 anstehende WM in Deutschland, bei der die DHB-Auswahl mindestens eine Medaille holen soll: "Verbrannt ist er schon heute."

Genau das werden die Präsidiumsmitglieder in Leipzig zu diskutieren haben. "Das sei ein Gebot der Fairness", sagt Schwenker. Eine rasche Entscheidung, möglicherweise schon am Abend, ist nicht zu erwarten. Wie lange die von allen Seiten geforderte gründliche Aufarbeitung dauern wird, ist offen. DHB-Vizepräsident Bob Hanning, der von seiner hundertprozentigen Jobgarantie für Prokop unmittelbar nach dem EM-Aus schon bei seinem Auftritt im Sportstudio am Samstag in Trippelschritten zurückwich, wünscht sich eine Spanne von vier bis sechs Wochen. Frank Bohmann möchte es gern rascher haben. Der Geschäftsführer der Liga will die Entscheidung "mit PS auf die Strecke bringen, aber bitte ohne operative Hektik". Doch am Ende bleibt die eine Frage: mit Prokop oder ohne ihn.

Persönliche Animositäten zwischen DHB und Trainern

Geht es ohne Prokop weiter, muss ein Nachfolger gefunden werden. Interessante Kandidaten wie Martin Schwalb, Markus Baur oder Christian Schwarzer stehen aber - teils aus persönlichen Gründen - nicht auf Hannings Wunschliste. Der derzeit mächtigste Mann im deutschen Handball möchte ohnehin am liebsten mit Prokop weitermachen. Schließlich hat er damals gegen Widerstände viel Überzeugungsarbeit geleistet, um den Mann für eine halbe Million Euro vom SC DHfK Leipzig loszueisen und ihn mit einem hochdotierten Fünf-Jahres-Vertrag auszustatten. Ein Scheitern Prokops bliebe auch an ihm hängen.

Und wenn er bleibt? Könnte es gut sein, dass die Mannschaft ein neues Gesicht bekommt, weil er einige Spieler oder einige Spieler ihn nicht mehr wollen. Und zwar dann, wenn Prokop weiterhin sein Konzept durchdrücken will, wenn er keine Kompromissbereitschaft zeigt und keine Einsicht. Und nicht zuletzt ist die Causa Prokop eine Frage des Geldes und inwieweit die Liga mithelfen würde. "Wir können uns eine Entlassung Prokops leisten", sagte Hanning beim Auftritt im ZDF. "Wir wollen es aber nicht." Darüber nachgedacht hat er demnach aber schon …

Quelle: n-tv.de

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