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Prokop reagiert - mit Lemke DHB-Abwehr probt bei EM "Mini-Meuterei"

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Angegriffener Trainer? Offenbar gab's im Spiel gegen Slowenien eine "Mini-Meuterei" der deutschen Abwehr.

(Foto: imago/Camera 4)

Die Abwehr ist im EM-Drama gegen Slowenien die Achillesferse der deutschen Handballer: Bundestrainer Christian Prokop reagiert überraschend schnell und holt den Aggressive Leader zurück - möglicherweise nicht ganz freiwillig.

Gewackelt, gekämpft, protestiert, gejubelt: Das dramatische EM-Vorrundenspiel zwischen Deutschlands und Sloweniens Handballern (25:25) am Montagabend hatte auf Seiten des DHB-Teams  gleich mehrere Matchwinner. Natürlich war Tobias Reichmann einer von ihnen, weil der Rechtsaußen nach sieben ewigen Minuten des Wartens nervenstark den Siebenmeter zum glücklichen Remis verwandelte. Und auch Silvio Heinevetter hatte – regelfest und vehement protestierend – gewaltigen Anteil am nicht mehr erwarteten Punktgewinn. Der eigentliche Gewinner des Abends hingegen war in der Arena in Zagreb (noch) nicht anwesend. Finn Lemke, Abwehrchef und Europameister von 2016, Aggressive Leader der Bad Boys, weilte auf Fuerteventura im Trainingslager seines Arbeitgebers, dem Bundesligisten MT Melsungen.

Genau dort erreichte ihn der Anruf von Bundestrainer Christian Prokop, der den 2,10 Meter großen Riesen und wohl besten Blocker des Welthandballs, in seinen Kader berief. Denn das Spiel gegen die Slowenen hatte offenbar auch bei Prokop drängende Fragen aufgeworfen, ob und in wie weit seine Entscheidung, den Abwehrspezialisten daheim zu lassen, die richtige war. Eine bittere erste Halbzeit hatte ausgereicht, um dem 39-Jährigen zu zeigen, dass ausgerechnet der Innenblock, spätestens seit dem EM-Gewinn in Polen ein Erfolgsgarant, nicht mehr zu funktionieren schien.

"Ich habe mich dazu entschieden, dem Team mehr Körperlichkeit und mehr Blockhände, und den Torhütern mehr Sicherheit zu geben", sagte Prokop in der Begründung seiner neuen Verfügung. Die Entscheidung, den EM-Helden von Polen zu nominieren und Bastian Roschek dafür aus dem 16er-Kader zu streichen, dürfte dem Bundestrainer allerdings alles andere als leicht gefallen sein. Schließlich ist der 26-jährige Defensivspezialist beim SC DHfK Leipzig unter Christian Prokop gereift. Erst tief in der Nacht nach wiederholtem Videostudium konnte er sich zu dieser personellen Maßnahme durchgeringen. "Finn habe ich nach zwei Uhr informiert", sagte Prokop. Von einem Fehler in der Erstnominierung wollte der Coach indes nichts wissen.

"Wäre ein Fehler gewesen, nicht zu reagieren"

Dabei war Roscheks Berufung in den EM-Kader erst nach den letzten beiden Testspielen, die zugleich seine ersten beiden Länderspiel-Einsätze bedeuteten, im Vorfeld zum Politikum geworden. Begleitet von zahlreichen kritischen Stimmen aus der Handballszene hatte sich diese Personalentscheidung schon bald als Wagnis herausgestellt. Doch trotz aller Anwürfe blieb Prokop stur. Jetzt ist er zumindest in diesem Punkt gescheitert. "Der Bundestrainer ist davon ausgegangen, dass die neuformierte Abwehr unter Druck funktioniert", sagte Bob Hanning, Vizepräsident Leistungssport im Verband. "Christian wurde eines Besseren belehrt. Die Kombination Bastian Roschek und Julius Kühn hat definitiv nicht gegriffen. Es wäre ein Fehler gewesen, nicht zu reagieren."

Gut möglich, dass Hanning schon vor der langen Videosession in der Nacht seinen immensen Einfluss geltend gemacht hat. Schon nach der Rückkehr ins Mannschaftsquartier hatte er sich mit dem Trainer zurückgezogen, um das Geschehen in der Halle zu analysieren. Am Morgen danach jedenfalls unterstrich Hanning deutlich, dass er so etwas wie die erste Halbzeit gegen Slowenien oder das Achtelfinal-Aus bei der WM im vergangenen Jahr in Frankreich gegen Katar "nicht noch einmal erleben möchte".

Der DHB-Vize und Manager der Füchse Berlin wirkte dabei wie ein Lehrer, der seinem Lieblingsschüler eine strenge Rüge erteilte. Nicht auszuschließen auch, dass Patrick "Bam-Bam" Wiencek und Hendrik Pekeler ebenfalls maßgeblich Anteil an Lemkes Nachnominierung haben. Beide sind wie er auf konsequente Abwehrarbeit geeicht und staunten schon bei der Nominierung nicht schlecht, dass Lemke ausgesondert wurde. Auch, weil Prokops riskante Personalpolitik mächtig Unruhe in das seit zwei Jahren so harmonische Mannschaftsgefüge trug.

Ist die Autorität des Trainers angegriffen?

Noch am Abend vor Prokops Sinneswandel mit Lemke hatten beide der Abwehrstrategie des Coaches eine Absage erteilt. Nach der verwurschtelten ersten Hälfte nahmen die Defensivkünstler, die die hohe Wechselfrequenz monierten, die Dinge selbst in die Hand. "Ich habe mit Bam-Bam abgesprochen, dass wir kompakt bleiben. Das wollte Christian anders haben in der ersten Halbzeit. Ich glaube, das hat uns den Erfolg gebracht", sagte Pekeler "Spiegel Online". Mit Prokop sollen sie sich nicht abgestimmt haben.

Am Vormittag nach der augenscheinlichen "Mini-Meuterei" klang das - medial geglättet - schon wieder weit verträglicher. "Mit Finn stellen wir eine Abwehr, die wieder kompakter ist", sagte Wiencek. "Er gibt mir Sicherheit, denn ich spiele bereits drei Jahre mit ihm zusammen." Und auch Pekeler gab sich wieder zahm. "Ich versteh mich blind mit ihm. Er wird neue Qualitäten einbringen." Wie weit dieser Eingriff in die Autorität des Trainers wirkt, wird schon am Mittwoch im letzten Vorrundenspiel gegen Mazedonien (ab 18.15 im Liveticker bei n-tv.de) zu sehen sein.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft jedenfalls sieht anders aus. Prokop blieb in seiner misslichen Lage dennoch diplomatisch, um Handlungshoheit zu demonstrieren. "Ich habe immer gesagt, dass alle 20 Spieler zur Mannschaft gehören." Wer die Deutungshoheit hatte, spürte: So richtig überzeugend wirkte er am Morgen nach dem Slowenienspiel nicht.

Quelle: n-tv.de

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