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Issinbajewa: "Konkrete Beweise?" Prokop will Russland komplett bannen

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"Russland hat die Grundsätze des Fairplay und der Chancengleichheit im Wettbewerb mit Füßen getreten": Clemens Prokop.

(Foto: imago/Annegret Hilse)

Leichtathletik-Chef Clemens Prokop will keine Sportler aus Russland mehr bei Meisterschaften sehen - bis zu einer "glaubwürdigen Veränderung" der Staatsdopingpraxis. Michael Vesper vom DOSB spricht von einem Hammer, die Nada gibt sich erschüttert.

Clemens Prokop hat nach den neuen Erkenntnissen des zweiten McLaren-Reports über das Staatsdoping in Russland flugs den kompletten Ausschluss des Landes gefordert. Der Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes sagte: "Die Konsequenz kann nur sein, dass der russische Sport bis zu einer glaubwürdigen Veränderung von allen internationalen Meisterschaften und Olympischen Spielen ausgeschlossen wird." Bei mehr als1000 Athleten, die in das Doping in Russland involviert waren, müssten "mehr als zwei, drei Sportarten" betroffen sein.

Unter anderem sollen auch Dopingproben bei der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau manipuliert worden sein. Auch und vor allem das Internationale Olympische Komitee müsse nach diesem "fundamentalen Angriff auf die Werte des Sports" mit Härte handeln. "Russland hat die Grundsätze des Fairplay und der Chancengleichheit im Wettbewerb mit Füßen getreten", sagte Prokop. Ähnlich äußerte sich Michael Vesper, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Und auch er fordert Konsequenzen: "Die Vorwürfe aus dem ersten Bericht im Sommer waren heftig, aber das heute ist der Hammer", sagte Vesper: "Das ist ein Angriff auf die Integrität des Weltsports, die dieser durch konsequentes Handeln abwehren muss."

Vesper: "Alle russischen Proben nachtesten"

McLaren und sein Team hätten einen "Riesenjob gemacht", lobte Vesper: "Die Anklage steht, jetzt müssen die schwerwiegenden Vorwürfe in sauberen und transparenten Verfahren aufgearbeitet werden." Je nach Beweislage müsse es nun zu individuellen oder Kollektivstrafen kommen. "Zusätzlich halten wir es für sinnvoll, nach den neuen Erkenntnissen wie für Sotschi nun auch für London 2012 alle russischen Proben nachzutesten."

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"Wir fordern nun mit Nachdruck Konsequenzen": Andrea Gotzmann.

(Foto: imago/Eibner Europa)

Auch die Nationale Anti-Doping-Agentur Nada hat sofort reagiert. "Die neuen Fakten des Abschlussberichtes machen uns sprachlos", sagte die Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann. "Die Details über systematisches, organisiertes und perfides Doping" seien erschütternd. Athleten seien in ein menschenverachtendes, staatliches System eingebunden. "Wir fordern nun mit Nachdruck Konsequenzen für die namentlich genannten Personen und Institutionen", sagte Gotzmann. "Erneut wird der akute Handlungsbedarf deutlich. Zwingend notwendige Reformen der internationalen Anti-Doping-Arbeit müssen zeitnah umgesetzt werden."

Dazu gehöre in erster Linie die Stärkung der Welt-Anti-Doping Agentur Wada in ihrer Unabhängigkeit und Handlungsbefugnis. Aber auch die Stärkung der Arbeit der nationalen Anti-Doping-Organisationen müsse ganz oben auf der Agenda stehen. "Dem Sport haftet jetzt ein nachhaltiges Glaubwürdigkeitsproblem an. Wir müssen den sauberen Athleten das Vertrauen in die internationale Anti-Doping-Arbeit und faire, saubere Wettkämpfe zurückgeben."

Für die neue Aufsichtsratsvorsitzende der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, Jelena Issinbajewa, ist das nicht das Problem. Sie hat von Doping-Ermittler McLaren konkrete Beweise für seine weiteren Vorwürfe gegen Moskau gefordert. "Es ist immer sehr einfach, Schuldige und Unschuldige in einen Topf zu werfen. Ich bezweifle, dass uns konkrete Beweise für eine Schuld gezeigt werden können, wenn wir darum bitten", sagte die Stabhochsprung-Olympiasiegerin.

Der Parlamentsabgeordnete Michail Degtjarjow reagierte ähnlich. "Bis jetzt hat McLaren über Doping in Russland nichts Neues gesagt. Irgendwelche "1000 Sportler", wo sind die Beweise und die Zeugen?", sagte der Chef des Sportausschusses in der Staatsduma. Der russische Sportfunktionär Sergej Kuschtschenko kritisierte, der Bericht berücksichtige die jüngsten Anti-Doping-Bemühungen Moskaus nicht. "Außer Hinweisen auf Zeitungsartikel gibt es dort keine Beweise. Statt unsere offensichtlichen Schritte zur Doping-Bekämpfung zu bemerken, sucht jemand eine schwarze Katze in einem dunklen Zimmer", sagte Kuschtschenko, der in Russlands neuer staatlicher Anti-Doping-Kommission sitzt, der Agentur Tass zufolge.

Weitere Reaktionen im Wortlaut:

  • Craig Reedie (Präsident Welt-Anti-Doping-Agentur): "Der Bericht und die Beweise zeigen das Ausmaß der Manipualtionen. Es ist alarmierend zu sehen, dass 1000 russische Athleten von der Vertuschung positiver Proben profitiert haben."
  • Dagmar Freitag (Sportausschuss-Vorsitzende): "Der zweite Teil des Reports erhärtet den ersten, zeigt aber auch auf, dass in vielen Sportarten systematisch gedopt worden ist, unzählige saubere Athleten betrogen worden sind. Russland darf nun so lange nicht an Welt- und Europameisterschaft und Olympischen Spielen teilnehmen, bis das russische Sportsystem überprüfbar einer glaubwürdigen Reform unterzogen worden ist. IOC-Präsident Thomas Bach muss jetzt endgültig seiner Verantwortung gerecht werden und eine klare Haltung zeigen. Bislang ist er bestenfalls durch Worte aufgefallen, die Taten hat er delegiert an die Fachverbände."
  • Internationales Paralympisches Komitee IPC: "Die Ergebnisse sind beispiellos und erstaunlich. Es ist ein Schlag direkt ins Herz der Integrität und Ethik des Sports. Wir stimmen voll und ganz mit Professor McLaren überein, dass das beste Vorgehen darin besteht, das gebrochene und kompromittierte Anti-Doping-System in Russland zu beheben. Die kürzlich ernannte IPC-Taskforce freut sich auf die enge Zusammenarbeit mit dem russischen Paralympischen Komitee."
  • Fritz Sörgel (Doping-Experte): "Russische Sportler müssen ab sofort außer Landes getestet werden. Russland hat einen riesigen Schaden angerichtet, auch bei Sportlern, denen Medaillen vorenthalten wurden. Es bedarf nun einer Komplett-Sperre für alle russischen Athleten in allen internationalen Wettbewerben auf unbestimmte Zeit. Bis sie ein vernünftiges Anti-Doping-System etabliert haben, sollen sie sich gegenseitig in ihrem eigenen Land betrügen."
  • Özcan Mutlu (Mitglied des Sportausschusses): "Ein beispielloser Skandal, welchem Konsequenzen folgen müssen! Russland verhöhnte durch seine Aktivitäten in Sotschi nicht nur das weltweite Antidopingsystem, sondern tritt die Idee des fairen Sports mit Füßen. Das sprengt jeden olympischen Gedanken und ist ein Angriff auf Sportlerinnen, Sportler, Trainerinnen und Trainer, die tagtäglich hart und auf ehrliche Art und Weise an der Verbesserung ihrer Leistung arbeiten, aber auch auf Zuschauerinnen, Zuschauer, Geldgeberinnen und Geldgeber. Nun müssen auf Seiten der Internationalen Verbände eindeutige Konsequenzen folgen, um ein deutliches Zeichen gegen Doping zu setzen."

Quelle: n-tv.de, sgi/dpa/sid

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