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Aufsteiger mischt BBL auf Rasta Vechta genießt Basketball-Märchen

Vechtas Youngster Philipp Herkenhoff (links) und Luc van Slooten feiern ihren Coup gegen den FC Bayern.

Vechtas Youngster Philipp Herkenhoff (links) und Luc van Slooten feiern ihren Coup gegen den FC Bayern.

(Foto: dpa)

Der deutliche 93:75-Erfolg gegen den Titelverteidiger aus München ist das nächste Kapitel einer märchenhaften Saison in der Basketball-Bundesliga. Aufsteiger Rasta Vechta setzt dabei nicht auf großes Geld, sondern auf ehrliche und harte Arbeit in der Verteidigung.

Bayern, Bamberg, Berlin. Die drei großen "B" der Basketball-Bundesliga. Seit 1997 haben sie 19 von 22 Meisterschaften geholt. Nur ein einziger Klub hat es in der Saison 2018/19 geschafft, jedes dieser drei Top-Teams zu besiegen: Rasta Vechta. Der 93:75-Erfolg über den FC Bayern Basketball am vergangenen Sonntag war der 17. Sieg im 23. Spiel für den Aufsteiger aus Niedersachsen, der vor dem Start der Spielzeit noch als Abstiegskandidat gehandelt wurde. Statt um den Klassenerhalt kämpft Vechta jetzt als Tabellendritter um das Heimrecht in der ersten Runde der Playoffs.

Es ist die Geschichte eines kleinen Vereins, der nach zwei verkorksten Anläufen im dritten Versuch eigentlich einfach nur zum ersten Mal die Liga halten wollte. 2013/14 holte Vechta sechs Siege und stieg als Tabellenletzter ab. 2016/17 gab es sogar nur zwei Erfolge - und den vorletzten Platz nur deshalb, weil Phoenix Hagen Insolvenz anmeldete und zwangsabsteigen musste. Ein Verein, der nicht plötzlich einen großen Investor aufgetan und große Namen eingekauft hat, sondern über die Jahre Schritt für Schritt gewachsen ist.

Vom Aufsteiger zum Titelanwärter?

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Favorit für den Titel "Trainer des Jahres": Vechtas Coach Pedro Calles.

(Foto: dpa)

Jetzt aber ist die Mannschaft von Coach Pedro Calles nach dem Sieg gegen den übermächtig erscheinenden Titelverteidiger aus München plötzlich sogar Kandidat für die Meisterschaft. Wenn auch nur als Außenseiter. Oder wie Rasta-Geschäftsführer Stefan Niemeyer zum nicht nur überraschenden, sondern auch deutlichen Erfolg gegen den amtierenden Meister gegenüber der Oldenburgischen Volkszeitung sagte: "Unfassbar, damit habe ich nie im Leben gerechnet."

Chancen auf den ganz großen Wurf hat Vechta zumindest beim Blick auf die Tabelle. Platz drei nach knapp zwei Dritteln der Saison, dazu kommen Siege gegen die größten Namen der Liga. Es winkt die Aussicht, nicht nur das erste Mal die Playoffs der besten Acht zu erreichen, sondern in der ersten Runde sogar Heimvorteil zu genießen. Kann der Neuling aus dem Oldenburger Münsterland, dessen Etat zu den kleinsten der Liga gehört, seine schon jetzt beeindruckende Geschichte in eine märchenhafte Cinderella-Story fortschreiben?

17 Siege aus den letzten 20 Spielen

Die Antwort auf diese Frage wird in knapp vier Wochen besser zu erkennen sein. In vier der nächsten fünf Spiele geht es gegen direkte Konkurrenten: in Braunschweig (7.), gegen Bamberg (4.), gegen Oldenburg (2.) und in Berlin (5.), dazu kommt die Partie beim Tabellen-13. in Frankfurt. Die Formkurve spricht dabei klar für Vechta.

Nach drei Niederlagen zum Saisonauftakt hat Rasta seitdem 17 von 20 Spielen gewonnen. Nur gegen Oldenburg (62:81) wurde es deutlich, gegen Ulm (80:81) verlor Vechta mit einem Punkt und gegen Bonn (112:117) erst nach zweifacher Verlängerung. Dazwischen gelang mit neun Erfolgen nacheinander eine Serie, die alleine mehr Siege eingebracht hat als die ersten beiden BBL-Jahre zusammen.

"Wir müssen mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben"

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Kein Durchkommen: Vechtas Seth Hinrichs (links, in weiß) und TJ Bray (rechts) stoppen Münchens Nihad Djedovic.

(Foto: www.imago-images.de)

Coach Calles, der im Sommer 2018 vom Assistenten zum Cheftrainer aufstieg, äußerte sich nach dem Coup gegen den FC Bayern zurückhaltend. "Wir müssen mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und weiter so arbeiten", sagte der 35-jährige Spanier in der Pressekonferenz. Nicht aber, ohne seinen Stolz darüber zu zeigen, dass seine Mannschaft den amtierenden Meister zu 20 Ballverlusten (Saisonschnitt: 12) gezwungen hatte. Calles: "Heute haben wir wahrscheinlich unser bisher bestes Spiel gezeigt."

Zwischenzeitlich lagen die Gastgeber gegen den Favoriten mit 24 Punkten in Führung - von 68:55 (26. Minute) zog Vechta mit einem 11:0-Lauf bis zum Ende des dritten Viertels auf 79:55 davon. Den Schlusspunkt in der Vechtaer Heimspielstätte, dem seit der Eröffnung 2012 bereits zweimal erweiterten Rasta Dome, setzte der jüngste Spieler im Kader. Der erst 16-jährige Luc van Slooten klaute Münchens Nationalspieler Danilo Barthel den Ball und stopfte ihn 1,8 Sekunden vor dem Ende zum Endstand durch den Ring. Es waren die ersten beiden Punkte des deutschen Jugend-Nationalspielers in der Bundesliga.

Aggressive Verteidigung stellt Gegner vor Herausforderung

Diese Aggressivität in der Verteidigung ist es, die Vechtas Spiel auszeichnet. Über das ganze Feld übt Rasta Druck auf den Gegner aus, um Live-Ball-Turnover zu erzwingen. Also den Ball zu stehlen und gegen die ungeordnete Verteidigung zu leichten Punkten zu kommen. Mit 10,4 Steals pro Spiel steht Vechta in dieser Statistik klar auf Platz eins der Liga. Der Abstand zu Platz zwei (Berlin; 8,9) ist dabei so groß wie der von Platz zwei zu Platz sieben. Oder wie es Münchens Maodo Lo ausdrückte: "Sie haben uns zwischenzeitlich überrannt." Insgesamt provoziert der Aufsteiger bei seinen Gegner 17,7 Ballverluste pro Spiel - der Ligaschnitt liegt bei 12,9.

Der unerwartete Erfolg stellt Rasta Vechta allerdings auch vor neue, ungewohnte Herausforderungen. Zwar kann der Verein schon jetzt für die nächste Erstliga-Spielzeit planen, die guten Leistungen wecken aber natürlich das Interesse anderer, finanziell stärkerer Vereine. So etwa die beiden All-Stars, die Rasta am 23. März zum Spiel der Besten entsendet. Austin Hollins steht mit 16,7 Punkten pro Partie auf Platz sechs der ligaweiten Scorerliste. Hollins ist zudem erfolgreichster Balldieb, klaut diesen seinem Gegner im Schnitt 2,3-mal. Spielmacher Thomas Joseph Bray, TJ genannt, ist mit 7,8 Assists der beste Vorbereiter der BBL. Der 19-jährige Philipp Herkenhoff kam im Dezember in der WM-Qualifikation als erster Vechtaer zu Einsatzminuten für die deutsche Nationalmannschaft.

Geschäftsführer lehnt personelle Spekulationen ab

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Er bleibt auf jeden Fall in Vechta: Rasta-Maskottchen Bob.

(Foto: www.imago-images.de)

Auch Coach Calles, Anwärter für die Auszeichnung "Trainer des Jahres", dürfte Begehrlichkeiten wecken. Spekulationen, der Spanier könnte Vechta nach dann vier Jahren im Sommer verlassen, erteilte Geschäftsführer Niemeyer in der Oldenburgischen Volkszeitung eine Absage: "Das ist alles an den Haaren herbeigezogen. Es gibt dafür überhaupt keine Anhaltspunkte." Dennoch: Spielen die Vechtaer ihre bislang herausragende Saison auch nur solide zu Ende, kann sich Calles seinen Arbeitgeber aussuchen. Daran würde wohl auch der Zweijahresvertrag nichts ändern, den der 35-Jährige im vergangenen Sommer unterschrieben hatte.

Unabhängig vom künftigen Personal des Überraschungsteams scheint es, als müssten die Bundesligisten den Weg zum Rasta Dome nun regelmäßig einschlagen. Runter von der Autobahn 1, den Autohof links liegen lassen, dann rund fünfeinhalb Kilometer die Vechtaer Straße entlang. Kurz nach dem Ortseingang steht ein großes gelbes Schild mit der Aufschrift "Basketball-Stadt". Dort links abbiegen, dann gleich nochmal links. Ziel erreicht: Vechta ist in der Basketball-Bundesliga angekommen.

Quelle: n-tv.de, red