Sport

Handball-Vize Bob Hanning "Realistische Chance auf das WM-Halbfinale"

imago38332120h.jpg

"Ich frage mich, was machen die anderen 70 Prozent?" Bob Hanning.

imago/MIS

Vor dem Abschluss der WM-Vorrunde in Berlin mit dem Spiel gegen Serbien an diesem Donnerstag (ab 18 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) liegen die deutschen Handballer voll auf Kurs. Der Einzug in die Hauptrunde ist gesichert. DHB-Vizepräsident Bob Hanning aber freut sich mindestens ebenso sehr über die gewaltige öffentliche Wahrnehmung, die seine Sportart zurzeit genießt. Im Interview mit n-tv.de sagte er: Mein Problem ist leider, dass es mir nie genug ist, weil ich ein Getriebener bin."

n-tv.de: Herr Hanning, mit dem heutigen Spieltag enden die Berliner WM-Tage. Ziehen Sie doch mal ein Fazit nach der Vorrunde.

Bob Hanning: Ich bin sportfachlich sehr zufrieden, weil vollumfänglich das aufgegangen ist, was wir uns vorgestellt haben. Uns ist es gelungen, diesen Geist der EM 2016, als wir den Titel gewannen, in der Mannschaft neu zu entfachen. Was die Organisation betrifft, hat sich auch die Entscheidung, in die großen Städte zu gehen, bislang als absolut richtig erwiesen. Dass Berlin als Standort der deutschen Mannschaft funktioniert, war zu erwarten. Aber ich freue mich sehr, dass auch München funktioniert hat. Jetzt müssen wir schauen, dass auch der Hauptrunden-Standort Köln funktioniert.

Gilt das auch unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit?

Definitiv. Das gibt uns die Möglichkeit einer Nachhaltigkeit, nämlich die Gelder nach der WM in die Zukunft des Handballs hierzulande zu investieren.

Die Mannschaft ist auf Halbfinalkurs?

imago38334891h.jpg

Er soll also die deutsche Mannschaft ins Halbfinale führen: Bundestrainer Christian Prokop.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Gehen wir davon aus, dass die Brasilianer gegen Korea gewinnen, dann haben wir eine ideale Ausgangsposition. Wir hätten 3:1-Punkte zum Hauptrundenstart und gegenüber den Franzosen ein Plus von elf Toren. Sie müssten demnach in Köln einen Punkt mehr gewinnen als wir, um an uns vorbeizuziehen. Zudem könnten wir in der Endabrechnung der Gruppe, wo ja noch alle Spiele zählen, am Ende Zweiter werden, was den Vorteil hätte, gegen den Dritten der anderen Gruppe zu starten. Und wenn wir das Halbfinale erreichen wollen, müssen wir dieses Spiel gewinnen, dann aber nur noch eine der beiden anderen Mannschaften aus der Münchener Vorrundengruppe hinter uns lassen. Um die Rechnerei abzukürzen: Wir haben eine realistische Chance auf das Halbfinale.

Die Mannschaft präsentiert sich bislang sehr gut bei der Heim-WM. Nennen Sie mal Gründe.

Alle haben an sich gearbeitet: Trainer Christian Prokop, Staff und die Spieler. Nur so konnte es funktionieren. Da gebe ich jedem eine glatte Eins. Aber wir mussten auch inhaltlich etwas machen. Bei der EM in Kroatien hatten wir auf der Mittelposition keine Lösung, insofern lag die Entscheidung nahe, einen klassischen Spielmacher zu holen, der seine Nebenleute in Szene setzen kann. Das ist Martin Strobel ganz sicher, insofern ist das die größte sportliche Verbesserung in der Mannschaft. Und dahinter einen Fabian wieder zu haben, der mehr Fehler machen darf, weil er risikoreicher und mehr direkte finale Pässe spielt. Die Kombination ist herausragend.

Ist mit dem Unentschieden gegen den amtierenden Weltmeister aus Frankreich bereits die Rückkehr in die Weltspitze geglückt?

Wir waren weit weg, weil wir das Wesentliche aus den Augen verloren haben: das Miteinander. So kann Weltspitze nicht funktionieren. Das geht nur, wenn du mehr einzahlst, als du herausnimmst. Jetzt müssen wir uns wieder herankämpfen. Sind wir wieder in der Weltspitze? Vielleicht. Sicher aber sind wir wieder an der Weltspitze dran.

Weltspitze sind in jedem Fall die TV-Quoten. Zwölf Millionen Zuschauer in der Spitze sind für ein Vorrundenspiel der Handball-WM überragend, oder?

Zwölf Millionen sind 30 Prozent Marktanteil. Ich frage mich, was machen die anderen 70 Prozent? Aber das ist schon gigantisch. Den Abstand zum Fußball dermaßen zu verkürzen, geht nur mit Handball. Das ist ein Signal an alle, an den Handball zu glauben. Mein Problem ist leider, dass es mir nie genug ist, weil ich ein Getriebener bin.

Kann der Verband so viel Begeisterung umsetzen?

imago38323305h.jpg

Nahe dran, hier mit Torhüter Andreas Wolff.

(Foto: imago/Norbert Schmidt)

Ja, dafür ist der Verband mittlerweile sehr gut aufgestellt. Wir haben rund 40 Prozent mehr Personal, wir haben einen hauptamtlichen Vorstand, wir sind nahezu ausvermarktet. Ein Vorstandsmitglied kümmert sich hauptamtlich um Mitgliedergewinnung. Jetzt müssen wir mit all unseren Themen in die Schulen und in die Kindergärten. Und das mit aller Konsequenz. Eine WM wie diese wird sich nicht heute rechnen, aber sie wird diese Sportart explodieren lassen können. Der Sport legt nur vor, der Verband muss das nutzen und umsetzen.

Wie groß kann diese WM denn jetzt noch werden?

Weiß ich noch nicht. Wir gehen hier Schritt für Schritt vor. Erst einmal schließen wir Berlin ab. Das tun wir gerade mit einem durchweg positiven Fazit, danach kommt dann Köln. Erst danach kann ich dazu etwas sagen.

Eines hat der Handball schon geschafft: Er ist in aller Munde. Stefan Kretzschmar wird bei der WM nicht nur als sportliche Instanz wahrgenommen. Helfen auch die Diskussionen rund um seine Äußerungen zur Meinungsfreiheit in Deutschland?

Die Sportart Handball kann dankbar für den Stefan Kretzschmar sein, den sie in den vergangenen zwei, drei Jahren hatte. Er besitzt eine unglaubliche Strahlkraft. Der lebt für diese Sportart und nicht mehr von ihr. Damit ist er für uns so stark, dass er unbezahlbar ist.

Mit Bob Hanning sprach Arnulf Beckmann.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema