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Wie Gold-Vorbild Fitschen Ringer will das EM-Wunder reloaded

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"Wenn's langsam ist am Anfang, klar hinten raus kann ich ganz gut": Richard Ringer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eher unwillig probiert sich Richard Ringer auf der 10.000-Meter-Distanz - jetzt ist er Europas Schnellster in diesem Jahr. Bei der Leichtathletik-EM in Berlin könnte der 29-Jährige dem deutschen Team einen glänzenden Auftakt bescheren.

Die Jagd auf die erste deutsche Medaille bei den Leichtathletik-Europameisterschaften ist eröffnet. Ein Läufer könnte sie an diesem Dienstag ab 20.20 Uhr im Berliner Olympiastadion gewinnen. Das hat es seit dem goldenen Coup von Jan Fitschen über 10.000 Meter bei der EM 2006 in Göteborg nicht gegeben. Nun will es Richard Ringer seinem damaligen Vorbild nachmachen. "Als ich das erste Mal deutscher Jugendmeister geworden bin, habe ich mir meine Startnummer umgedreht, die Nummer von Jan Fitschen draufgeschrieben und bin damit ins Training gegangen."

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"Die Medaille sollte schon auf jeden Fall her."

(Foto: imago/Beautiful Sports)

Nun ist Ringer mit seinen 29 Jahren derjenige, zu dem der Nachwuchs aufschaut. Er ist der Jahresschnellste über die 10.000 Meter in Europa - und damit der Favorit. Dabei sollte es für den Läufer aus Friedrichshafen, der bislang zumeist über die 5000 Meter unterwegs war, eigentlich nur ein Experiment sein. Im Mai in London sei er mit dem Gedanken an den Start gegangen: "Du läufst jetzt 10.000 Meter, dann weißt du danach, dass du dich auf 5000 Meter konzentrierst." Stattdessen: 27:36,52 Minuten, Bestleistung um eine halbe Minute gesteigert.

Das bringt den selbstbewussten Athleten in eine komfortable Lage - ihn müssen die anderen erst einmal schlagen. "Ich versetze mich in die Konkurrenten hinein, was die denken: Also Richard Ringer steht an erster Stelle der europäischen Bestenliste, hat hinten heraus einen guten Kick. Da muss ich mir selbst gar keine Gedanken machen. Wenn's langsam ist am Anfang, klar hinten raus kann ich ganz gut. Wenn's schnell wird: Ja, ich bin der Schnellste gerade. Deswegen mache ich mir da nicht so Gedanken", erklärte er im Trainingslager in Kienbaum. Druck macht sich Ringer allerdings schon. "Die Medaille sollte schon auf jeden Fall her."

Dominator Mo Farah nicht dabei

Zwei Gelegenheiten hat er als einziger Doppelstarter im Laufteam der Deutschen. Und so lautet sein Motto: "Wenn du eine Medaille holst oder gar den Sieg, dann bist du so euphorisiert, dass du über 5000 Meter auch noch was holen kannst. Wenn es über 10.000 Meter nicht klappt, bist du so aggressiv, dass du über 5000 Meter was holen willst." Dass sie sogar golden glänzen könnte, ist eine zusätzliche Motivation: Bei der EM ist der britische Dominator Mo Farah, der zum Marathon gewechselt ist, nicht dabei. "Ich glaube da denkt sich jeder: Der erste Platz ist nicht vergeben, das macht was aus im Training. Das ist erleichternd."

Zugute kommt dem studierten Maschinenbauer, dass er sich in diesem Jahr voll auf den Sport konzentrieren kann. "Berlin 2018 steht vor der Tür und ich möchte mir im Nachhinein nicht sagen lassen, ich hätte nicht alles versucht", erklärt er den Schritt. Und so hat er mit dem Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens MTU Friedrichshafen, für das er seit fünf Jahren als Controller für neue Produkte arbeitet, einen Deal ausgehandelt: Er bekommt weiter sein Geld und arbeitet die Stunden später nach. Zudem gehört er zum Top-Team Future der Deutschen Sporthilfe, die für die Zeit der Trainingslager seinen Verdienstausfall zahlt. So steht er bei seinem Arbeitgeber gar nicht so sehr im Minus.

"Die Regeneration hat mir den größten Schub gegeben." Statt nach hartem Training arbeiten zu gehen, kann er nun einen Mittagsschlaf einlegen. Auch, weil er sich seit einem Jahr selbst trainiert und so deutlich flexibler geworden ist. Dass er es nicht zu ruhig angehen lässt, dafür hat er vorgesorgt: "Mein Antreiber schläft auch neben mir - meine Freundin." Die Österreicherin Nada Ina Pauer ist seit November 2015 mit dem sechsmaligen deutschen Meister liiert. "Ich bin ja jetzt auch ihr Trainer." Und das mit Erfolg: Auch Pauer wird in Berlin starten - als Nachrückerin hat sie für die 5000 Meter einen Startplatz erhalten, nachdem Ringer es mit ihr gemeinsam schaffte, ihre persönliche Bestleistung um 30 Sekunden auf 15:40 Minuten zu drücken. "Es war ein Traum, dass wir mal zusammen bei einem Großereignis starten", sagt Ringer. Nun wird der 29-Jährige in Berlin also als Athlet und Trainer agieren. Dass ein Trainer eine Medaille gewonnen hat, das hat es in der Historie wohl auch noch nicht gegeben. Aber das würde ja nur zum Motto von Ringer passen: "Man muss sich immer hohe Ziele setzen."

Quelle: n-tv.de

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