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Bereit, sich für das Team aufzuopfern: Dennis Schröder.
Bereit, sich für das Team aufzuopfern: Dennis Schröder.(Foto: imago/Camera 4)
Mittwoch, 06. September 2017

Mehr als nur ein Versprechen: Schröders Team tritt aus Nowitzkis Schatten

Von Christian Bartlau, Tel Aviv

Der monumentale Kollaps gegen Israel abgehakt, der größte Erfolg seit Ende der Ära Nowitzki perfekt. Deutschlands Basketballer kämpfen nun bei der EM gegen Litauen um eine gute Voraussetzung für den ganz großen Coup.

Ein Mal musste Dennis Schröder noch beißen nach der Erlösung gegen Italien, ein Mal noch leiden: beim Eisbad, das der Social-Media-Dauernutzer natürlich via Instagram mit der Welt teilte. Aufgerieben hatte er sich im Duell mit Italiens Scharfschütze Marco Belinelli, den er eigenhändig verteidigen wollte. "Ich wusste dass er 19 Punkte pro Spiel macht, und das wollte ich unbedingt verhindern", sagte der NBA-Star von den Atlanta Hawks nach dem 61:55-Erfolg. Die Nachricht hinter dieser Aussage: Ich bin bereit, mich für das Team aufzuopfern.

Es war ein Stück Wiedergutmachung nach der bitteren Pleite gegen Gastgeber Israel, die Schröder zu großen Teilen zu verantworten hatte, weil er in der Schlussphase das Spiel mit einer Mischung aus Arroganz und Naivität vertändelte. Ganz anders nun am Dienstag gegen Italien: Seriös brachte der Spielmacher die Führung über die Zeit, bestimmte das Spieltempo, traf richtige Entscheidungen, punktete selbst - in einer "Defensivschlacht", wie Chris Fleming danach sagte. Der Trainer lobte die Defensive seines Teams überschwänglich - tatsächlich konnte er das nur tun, weil die sonst so sicheren Italiener selbst einfachste Korbleger vergaben.

Nach den genauen Gründen für den Sieg fragt aber heute schon niemand mehr, wenn die Basketballer bei der EM im abschließenden Gruppenspiel gegen Litauen ab 13.45 Uhr unserer Zeit um Platz eins in der Gruppe B in Tel Aviv spielen. "Selbstverständlich wollen wir jetzt Rang eins holen", sagte Kapitän Robin Benzing nach dem hart erkämpften Erfolg. "Wenn wir so verteidigen, können wir auch die Litauer schlagen." Der EM-Zweite von 2015 kassierte gleich im ersten Auftritt in Israel eine unerwartete Schlappe gegen Georgien, seitdem dominieren die Balten ihre Gegner nach Belieben und sind neben Deutschland die einzige Mannschaft mit nur einer Niederlage in der Gruppe. Litauen wird ein Gradmesser dafür, wie weit es noch gehen kann für das deutsche Team in der K.o.-Runde in Istanbul ab Samstag - wie weit also Dirk Nowitzkis Erben schon jetzt aus dem Schatten des langen Blonden heraustreten können.

Bis Tokio und noch weiter

Einen ersten Schritt haben Schröder und Co. ohnehin schon gemacht. Das bisher letzte Mal hatten sich die Deutschen bei der EM 2007 bei einem großen Turnier für ein K.o.-Spiel qualifiziert, mit einem Nowitzki im besten Alter. 2005 führte der Würzburger das DBB-Team fast im Alleingang zu EM-Silber, das letzte Edelmetall für die Basketballer. Einen Spieler wie ihn wird es in Deutschland vielleicht nie wieder geben, jeder Vergleich mit dem NBA-Champion von 2011 verbietet sich - selbst für einen absoluten Superstar wie Dennis Schröder, den zweitbesten Punktesammler des ganzen Turniers. Aber in der Breite reift eine Generation heran, die regelmäßig um Medaillen mitspielen könnte. "Tokio und sicherlich noch einen Olympia-Zyklus" gibt Fleming dem aktuellen Kader, dem einige der besten Spieler sogar noch fehlen: NBA-Mann Paul Zipser etwa, der in Chicago eine solide Rookie-Saison hinlegte, und Maxi Kleber, der bei Nowitzkis Dallas Mavericks unterschrieben hat.

Demnächst in Boston: Daniel Theis.
Demnächst in Boston: Daniel Theis.(Foto: imago/Camera 4)

Im Zwölf-Mann-Aufgebot des Deutschen Basketball-Bundes stehen aber immer noch einige große Versprechen auf die Zukunft, die bei der EM schon bleibenden Eindruck hinterlassen haben: Beim Sieg gegen Georgien fackelte Youngster Isiah Hartenstein eine beeindruckende Leistung aufs Parkett, balgte sich unterm Korb mit den georgischen Riesen um NBA-Champ Zaza Pachulia und legte sich sogar mit der gegnerischen Bank an. Der 19-Jährige wurde von den Houston Rockets gedraftet, wird aber vermutlich noch ein Jahr in Europa bleiben, um bei einem Topteam zu reifen. Daniel Theis hat es schon in die beste Liga der Welt geschafft, er läuft demnächst für Rekordmeister Boston Celtics auf - gegen Israel wäre er mit überragenden 15 Punkten und 15 Rebounds fast zum Matchwinner avanciert.

Am Dienstag gegen Italien zeigte dann der 24-jährige Center Johannes Voigtmann zum ersten Mal bei der EM seine ganze Klasse, holte neben 12 Punkten noch 7 Rebounds und gab 5 Vorlagen, mehr als Spielmacher Schröder. Ausruhen will sich der Mann vom spanischen Eliteklub Saskia Baskonia darauf nicht: "Das Spiel ist jetzt schon vergessen, das kann man einfach abhaken, gerade wenn man gewonnen hat." Es war eine kleine, feine Erinnerung an das Debakel gegen Israel, das die Spieler natürlich auch am freien Tag am Montag noch beschäftigte. Trainer Chris Fleming wählte ein klassisches Instrument zur Frustbewältigung, einen Teamabend - beim Italiener. "Ja, wir waren extra beim Italiener", frotzelte Kapitän Benzing nach dem Sieg über Italien, "vielleicht sollten wir heute Abend noch litauisch essen gehen".

Schwierigkeiten aus der Distanz

Auf Voigtmann und die langen Kerls wie Theis wartet im Endspiel um Platz eins in der Gruppe B gegen die Balten eine knochenharte Aufgabe: "Wir müssen den Kampf um die Grundstücke in Korbnähe gewinnen", forderte Fleming in gewohnt bildhafter Sprache. Der Trainer hat leicht reden, er muss sich nicht mit 2,13-Meter-Wandschrank Jonas Valanciunas um die beste Position unter dem Brett prügeln. Trotz der Aussicht auf den ein oder anderen blauen Flecken freut sich Voigtmann auf das Spiel: "Die haben so ein großen Basketball-IQ, so eine schöne Technik, da guckt man gerne zu. Und wir wollen sie ein bisschen ärgern."

Dafür müsste das deutsche Team in der Defensive mindestens so gut arbeiten wie gegen Italien - und in der Offensive endlich aus der Distanz klicken. Bislang fanden nicht einmal 30 Prozent der Dreipunktwürfe ihr Ziel, nur fünf von 24 EM-Teams treffen schlechter. "Irgendwann wird das Spiel kommen, wo sie reingehen", hofft Voigtmann. Spätestens im Achtelfinale sollte die Zeit dann reif sein, weiß auch der Center. "So lang wir die Spiele gewinnen, können wir mit der Quote leben. Aber umso länger es geht im Turnier, umso wichtiger wird es, von draußen zu treffen." Bislang strahlt nur Schröder wirklich Gefahr von außen aus - und der Superstar ist angeschlagen, trägt noch eine Schnittverletzung aus dem Israel-Spiel mit sich herum und bekam gegen Italien einen schmerzhaften Pferdekuss. Gut möglich, dass Trainer Chris Fleming seinen wichtigsten Mann gegen Litauen lieber schont, wichtiger als ein Gruppensieg könnte ein ausgeruhter Schröder sein - schließlich will das Team noch ein paar Schritte mehr heraus aus Nowitzkis Schatten.

Quelle: n-tv.de

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