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Oliver Roggisch im Interview "So gewinnen wir bei der WM keinen Blumentopf"

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Mittendrin: Oliver Roggisch beim Testspielsieg gegen Argentinien.

(Foto: dpa)

Als Spieler gewann Oliver Roggisch 2007 mit den deutschen Handballern die WM. Nun ist er Teammanager der Nationalmannschaft, und wieder steht eine Weltmeisterschaft im eigenen Land an, das erste Spiel steigt am Donnerstag (ab 18.15 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) in Berlin gegen Korea. Im Interview mit n-tv.de spricht Roggisch über seine Rolle im Team, die Entwicklung von Bundestrainer Christian Prokop und darüber, wie weit der Weg für die Deutschen in diesem Turnier führen könnte.

n-tv.de: Herr Roggisch, wenn die Stichworte Handball, Weltmeisterschaft und Deutschland fallen, laufen jedem Fan wohlige Schauer über den Rücken, weil Erinnerungen an das Wintermärchen 2007 abgerufen werden. Geht es Ihnen ähnlich?

Oliver Roggisch: Es ist doch schön, dass sich die Fans daran erinnern, was wir damals in diesem Land ausgelöst haben. Aber für die neue Generation ist das nicht so erheblich, die Jungs haben ja schon alle ihre eigene Geschichte geschrieben. Die sind 2016 in Polen Europameister geworden und haben danach in Rio eine Olympiamedaille geholt. Von daher sollte man das mit dem Wintermärchen nicht so sehr thematisieren. Ich lebe in der Gegenwart, ich möchte mit der Nationalmannschaft im Hier und Jetzt Erfolg haben.

Fragen die Spieler sie nach Ihren Erlebnissen bei einer WM im eigenen Lande, bei der Sie damals als Abwehrchef zu den Protagonisten gehörten?

Also ich spreche die Jungs nicht aktiv darauf an. Natürlich kommt da mal eine Frage oder auch ein Spruch, das ist doch normal. Aber wir haben damals auch nicht nach den Generationen vor uns gefragt.

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"Es ist doch schön, dass sich die Fans daran erinnern, was wir damals in diesem Land ausgelöst haben": Oliver Roggisch mit der Weltmeistertrophäe am 4. Februar 2007.

Wie vor zwölf Jahren ist Berlin auch jetzt der Ausgangspunkt. Gibt's Parallelen?

Wir haben damals im Eröffnungsspiel gegen Brasilien gespielt, gegen die wir jetzt wieder in der Vorrunde antreten. Da sind die Parallelen natürlich unverkennbar. Aber der Handball hat sich seitdem enorm entwickelt, das Spiel ist noch schneller geworden. Wie immer bei großen Turnieren geht es darum, gut in ein Turnier zu starten, um sich von der ersten Sekunde an das nötige Selbstvertrauen zu holen.

Welchen Eindruck macht das DHB-Team auf Sie während der Vorbereitung?

Einen sehr guten. Man merkt jetzt, dass die Anspannung steigt. Das Kribbeln ist da. Wir haben alles getan, um dieses Team in die richtige Spur zu bringen. Und die Jungs haben super mitgezogen. Aber wir wissen nach den letzten beiden Testspielen auch, dass wir noch Luft nach oben haben. Wir hatten in der zweiten Halbzeit gegen die Tschechen zehn technische Fehler. Wenn wir uns das bei der WM erlauben, gewinnen wir keinen Blumentopf.

Darf man die Jungs von heute eigentlich noch als "Bad Boys" bezeichnen oder ist das selbstgewählte Etikett der Europameister von 2016 passé?

Das Thema haben wir abgehakt, es macht ja keinen Sinn, ewig die ollen Kamellen rauszuholen. Das war eine Generation, die wir mit Dagur Sigurdsson geprägt haben. Jetzt gibt es einen neuen Trainer und damit eine neue Geschichte.

Tim Suton und Tobias Reichmann sind von Christian Prokop aus dem WM-Kader gestrichen worden, was im Fall von Reichmann überraschend kam. Wie hat der Bundestrainer diese Entscheidung begründet?

Bei Tim Suton ist es sicherlich so, dass ihm die Zukunft gehört. Der Junge ist 22 Jahre und wird noch viele Länderspiele bestreiten, braucht aber noch ein bisschen Erfahrung. Und auf Rechtsaußen war es eine ganz enge Entscheidung, die am Ende nicht gegen Tobias Reichmann, sondern für Patrick Groetzki gefallen ist. Wir wissen aber auch, dass wir die Turniere in den letzten Jahren nie gespielt haben, ohne Spieler nachzunominieren. Tobi und die anderen sollten sich also in Bereitschaft halten.

Über das Verhältnis von Prokop und der Mannschaft ist nach der verpatzten EM im vergangenen Jahr viel diskutiert worden. Wie nehmen Sie den Bundestrainer in der täglichen Arbeit wahr?

So akribisch wie immer, allerdings hat er jetzt eine gewisse Lockerheit gefunden, die uns allen gut tut. Über alles andere müssen wir nicht mehr reden. Das ist Vergangenheit. Wir haben jetzt ein neues Turnier vor der Brust, und die Voraussetzungen sind perfekt.

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"Über alles andere müssen wir nicht mehr reden": Christian Prokop.

(Foto: imago/Camera 4)

Es heißt, Prokop habe intensiv an sich gearbeitet, auch mit einem Mentalcoach. Tritt er jetzt anders auf?

Der Umgang mit der Mannschaft ist jetzt sicherlich ein anderer, aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Die Stimmung bei uns ist richtig gut, und dazu trägt der Trainer bei. Genau wie jeder andere auch.

Sie sitzen jetzt mit auf der Bank. Ein Zeichen an die Mannschaft?

Es ist einfacher so, wobei ich ganz klar betonen muss, dass ich kein Trainer bin. Ich sehe mich eher als Motivator. Ich wollte näher dran sein, und das funktioniert so besser, als wenn ich auf der Tribüne sitze.

Sucht Prokop Ihren Rat als Ex-Spieler oder auch als Vertrauter?

Wir arbeiten sehr eng als Team zusammen, da gehören Co-Trainer Alex Haase und Sportvorstand Axel Kromer dazu. Wenn wir zusammensitzen und ich werde gefragt, gebe ich natürlich meinen Senf dazu. Aber das Sportliche gehört nicht zu meinen Hauptaufgaben, dafür sind die Trainer zuständig.

Sie haben 2007 das "Projekt Gold" ausgerufen und damit das Ziel klar und offensiv formuliert. Gibt es dieses Man etwas Vergleichbares?

Wir haben uns Hamburg als Ziel gesetzt, wir wollen beim Halbfinale noch dabei sein.

Wäre es nicht zielführend, eine Vision mit dem Titelgewinn zu entwickeln, gerade vor dem Hintergrund, dass es bei einer Heim-WM enorm wichtig ist, das Publikum mitzunehmen?

Ach, ich finde, ein Stück Demut tut uns ganz gut. Außerdem ist es ja nicht so, dass wir keine Visionen haben. Es ist ein Unterschied, was du intern besprichst und was du nach außen hin kommunizierst.

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"Uwe Gensheimer ist mit seiner Klasse und seiner Erfahrung einer, der als Kapitän vorangeht."

(Foto: imago/Claus Bergmann)

Sehen Sie einen oder mehrere Akteure, die den Unterschied machen können?

Wir sind eher eine Mannschaft, die über die Breite ihres Kaders kommt. Natürlich leben wir von unseren beiden exzellenten Torhütern - aber das war in Deutschland schon immer so. Uwe Gensheimer ist mit seiner Klasse und seiner Erfahrung einer, der als Kapitän vorangeht. Finn Lemke und Patrick Wiencek sind für die Stabilität in der Abwehr enorm wichtig. Aber grundsätzlich haben wir nicht die Superstars wie die Franzosen und die Dänen.

Martin Strobel soll als Mittelmann eine Schlüsselrolle übernehmen, spielt aber in Balingen lediglich in der zweiten Liga. Ein Risiko?

Martin spielt da, weil er sehr heimatverbunden ist und sein Bruder in Balingen als Manager arbeitet. Der könnte locker bei jedem Erstligisten spielen. Der Junge ist topfit, taktisch exzellent ausgebildet und verfügt über einen riesigen Erfahrungsschatz. Wir wissen genau, was wir an ihm haben, auch wenn er nicht in jedem Spiel für acht Tore gut ist.

Mit Oliver Roggisch sprach Felix Meininghaus.

Quelle: n-tv.de