Sport

"Folter und Hinrichtungen"Trumps Brutalität erstickt jeglichen Super-Bowl-Glitzer

07.02.2026, 06:35 Uhr
imageVon David Bedürftig, San Francisco
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Donald Trumps Einwanderungspolitik verbreitet Angst und Schrecken in den USA, auch beim Super Bowl. (Foto: IMAGO/NurPhoto)

Ein Protestmarsch zum Stadion, eine Latina in Angst und nichts mehr ist normal: Der Glitzer des Super Bowls in San Francisco zerschellt an Donald Trumps Einwanderungspolitik. Amnesty International macht dem Präsidenten harsche Vorwürfe, die NFL schweigt.

Gabriella stammt aus Kolumbien. Vor drei Jahren ist sie in die USA gekommen, auf "legalen Wegen", wie sie erzählt. Die klein gewachsene Frau Mitte 30 ist Rennrad-Enthusiastin, aber in San Francisco fährt sie für Uber und Lyft, um über die Runden zu kommen. Ihre Familie in der Heimat hat sie kein einziges Mal sehen können, seit sie ausgewandert ist. "Wenn ich die USA verlasse, lassen sie mich jetzt nie wieder rein."

Gabriella heißt nicht Gabriella, ihren richtigen Namen will sie aus Angst vor der Einwanderungsbehörde ICE nicht nennen. In der Latino-Community in der Bay Area verfolge man genau, was bei den gewaltvollen Razzien in Minnesota und vielen anderen Teilen der USA passiere, sagt sie. Angst mache sich breit. "Die Dinge hätten sich stark verschlechtert, seit Donald Trump wieder Präsident ist", findet Gabriella. "Das Leben für uns Immigranten ist gerade noch härter als sonst schon."

Auch im liberalen San Francisco zittern Menschen mit Migrationserfahrung, wenngleich ein angekündigter ICE-Einsatz in der Woche abgesagt wurde. Vom NFL-Endspiel haben Gabriella und Co. nicht viel. Die Brutalität der aktuellen Realität lässt für sie keinen Super-Bowl-Glitzer zu.

"Grausam, unmenschlich und völkerrechtswidrig"

Dabei will dieser Super Bowl ein Event für alle sein. Zaileen Janmohamed, Präsidentin des Bay-Area-Gastgeberkomitees, sagte auf der Eröffnungspressekonferenz am Montag: "Hier spielt es keine Rolle, wer Sie sind oder woher Sie kommen." Es herrsche "ein Geist der Inklusion".

Doch gerade Latinos wie Gabriella spüren davon wenig dieser Tage. Denn die Lage ist ernst. "Die Einwanderungspolitik der US-Regierung ist grausam, unmenschlich und völkerrechtswidrig", sagt Lisa Salza von Amnesty International in der Schweiz gegenüber ntv.de. Trump habe das Recht, Asyl zu beantragen "vollständig ausgehebelt" und ferner eine "Abschiebemaschinerie" in Gang gesetzt, so die Expertin für Sport und Menschenrechte: "ICE und der Grenzschutz sorgen nicht für mehr Sicherheit. Ganz im Gegenteil, sie sind eine Bedrohung für die Sicherheit der Menschen in den USA und besonders für diejenigen, die von Rassismus betroffen sind."

Für Menschen mit nicht weißer Hautfarbe ist Furcht nun ein alltäglicher Begleiter. Selbst in einer liberalen Hochburg wie San Francisco. Es sind existenzielle Ängste, wie man sie in den USA noch vor kurzer Zeit nicht für möglich gehalten hatte. Menschen trauen sich nicht mehr aus dem Haus, selbst Kleinkinder sind nicht sicher, das zeigen schockierende Inhaftierungen von Minderjährigen.

Amnesty: Menschen sterben in ICE-Einrichtungen

Zeitgleich zum schillernden Super Bowl wird das Justizsystem vor den Augen der Amerikanerinnen und Amerikaner ausgehöhlt. "Die Hinrichtungen von Renée Good und Alex Pretti stehen symptomatisch für das paramilitärische Vorgehen der ICE", sagt Salza. "Weil es keine nennenswerte Kontrolle oder Rechenschaftspflicht gibt, können die Beamtinnen und Beamten ihre Vollstreckungs- und Inhaftierungsmacht gewaltsam missbrauchen."

Die Amnesty-Expertin kritisiert, dass ICE-Beamte "wiederholt Menschenrechte verletzen, ohne dafür nennenswerte Konsequenzen zu tragen". Allein im Januar seien sechs Migrantinnen und Migranten in ICE-Hafteinrichtungen gestorben, wobei es sich bei mindestens einem dieser Fälle um ein "Tötungsdelikt" gehandelt habe, und im Jahr 2025 seien es mindestens 25 gewesen, sagt sie. In zwei Abschiebezentren in Florida hat Amnesty International außerdem "Folter und unmenschliche Behandlung" dokumentiert.

Während die US-Regierung Einwanderer jagt und Tausende dagegen demonstrieren, während Familien und Freunde trauern, findet das pompöse NFL-Endspiel statt. Eines der größten Highlights für die USA, um ihre Soft Power zu stärken. Stars und Sternchen fliegen ein, die ganze Welt blickt auf das Mega-Event und möchte daran teilhaben.

Umgang mit Super Bowl und Leid

Dürfen Organisatoren, Spieler, Medien und Fans einfach so weitermachen, als wäre nichts geschehen? Oder kann der Super Bowl gerade als Flucht aus dem Alltag funktionieren? Für die Verfolgten und Verängstigten zumindest wäre Letzteres keine Alternative.

Nicht nur Saudi-Arabien oder Katar können Sportswashing betreiben. Die USA haben mit der NFL die Entertainment-Profis schlechthin, mehr ungezügelter Kapitalismus mit exorbitanten Preisen und Erlösen als beim Super Bowl geht nicht, und die pompöse Show am Sonntag wird bei vielen die traurigen Ereignisse aus Minnesota in den Hintergrund rücken.

Auf Anfrage von ntv.de teilte NFL Germany mit, zu diesem Zeitpunkt keine Stellungnahme zu dem Thema abgeben zu wollen. Eine Boykott-Debatte, wie sie zuletzt mit Bezug auf die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer aufgeflammt ist, gibt es beim Super Bowl nicht.

"Es sendet gefährliche Signale, einer Regierung, die Menschenrechte mit Füßen tritt und das Völkerrecht offen missachtet, mit einer prestigeträchtigen Sportveranstaltung eine Plattform zu bieten, um sich selbst zu feiern", sagt Salza von Amnesty International. Sie ruft die beteiligten Sportverbände, Austragungsorte und Bundesbehörden dazu auf, Maßnahmen gegen die Menschenrechtsrisiken zu ergreifen. "Ob Super Bowl oder Weltmeisterschaft - Sportfans sollten sich keine Sorgen machen müssen, dass sie im Kontext von Sportveranstaltungen diskriminiert, inhaftiert oder anderweitig in ihren Menschenrechten verletzt werden", sagt Expertin Salza.

Protestmarsch zum Super-Bowl-Stadion

Über San Francisco und die gesamte Bay Area legt sich dieser Tage eine ungewöhnliche Mischung aus Sport, Unterhaltung, Politik und Protest. Zum vielleicht brisantesten Zeitpunkt für die USA seit dem 11. September 2001 und dem Sturm auf das Kapitol. Tausende Menschen gingen in den vergangenen Wochen gegen die Trump-Regierung und deren Brutalität auf die Straße, auch rund um den Super Bowl ist das der Fall.

Die Community Service Organization San José, eine Graswurzelorganisation, die für die Rechte von Einwanderern und Menschen mit Migrationsgeschichte kämpft, organisiert für Sonntag einen Protestmarsch zum Stadion. Sie teilte in einem Statement mit, die Bürgerinnen und Bürger der Region "setzen sich gegen die Angriffe auf unsere Einwanderergemeinschaften zur Wehr".

In der Erklärung heißt es, man werde "nicht zulassen, dass Einsatzkräfte vom Heimatschutzministerium, von ICE, Grenzschutz oder anderen Bundesbehörden während des Super-Bowl-Spiels und lokaler Veranstaltungen Mitglieder unserer Einwanderergemeinschaft entführen oder schikanieren". Die Forderungen lauten: "Kein Geld mehr für ICE, Legalisierung für alle und ICE raus aus der Bay Area."

Bruch mit den USA auch im Sport?

Wenn die New England Patriots auf die Seattle Seahawks treffen, jubeln Millionen Fans im Stadion und an den Bildschirmen mit - und die Kassen klingeln. Aber der Glitzer, den solch eine NFL-Meisterschaft normalerweise versprüht, ist an einigen Stellen nicht lediglich marode geworden. Er bröckelt massiv. Die USA taugen nicht mehr als gerechter, großer Bruder. Ein Bruch hat stattgefunden, dessen Auswirkungen auf den Sport nicht wegzudiskutieren sind.

Gabriella hat auch gute Sachen über die USA zu erzählen. Sie ist froh, dass sie in San Francisco lebt, wo die "meisten Menschen sehr nett sind". Hier könne man lieben, wen man will, was im katholisch-konservativen Kolumbien nicht der Fall sei.

Am Sonntag aber wird sie nicht den Super Bowl schauen, sondern arbeiten. Die Jagd auf ihre Mitmenschen mit Migrationserfahrung kann sie nicht verstehen. Die USA bräuchten doch die Latinos, das Land würde ohne sie nicht funktionieren. "Wer putzt denn überall die Toiletten?", fragt Gabriella. "Wir machen all die Jobs, die die Amerikaner nicht haben wollen."

Quelle: ntv.de

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