Eigenes "Kulturkampf"-EventTrumps Radikalisierungsmaschine zaubert absurde Super-Bowl-Show aus dem Hut

Eine vom erschossenen Charlie Kirk ins Leben gerufene Organisation entwirft eine eigene Super-Bowl-Halbzeitshow. Für "Glauben und Freiheit" und mit Kid Rock. Die bizarre Aktion ist eine weitere Schlacht in Donald Trumps imaginärem Kulturkampf.
Lieben Sie Amerika? Dann haben Sie nur eine Wahl. Dann müssen Sie beim Super Bowl den Fernseher oder Stream ausschalten. Und schnell den Sender oder in die sozialen Netzwerke wechseln. So befiehlt das zumindest Kid Rock, der alternde Rockstar und glühende Unterstützer von Donald Trump. Er bekommt nun seine eigene, bizarre Halbzeitshow, wenn das NFL-Endspiel am Sonntag in die Pause geht.
Ziehen sich im Levi's Stadium die Teams der New England Patriots und Seattle Seahawks nach zwei von vier Vierteln in die Kabinen zurück, kommt es im Super Bowl zu einem Event, für das auch Millionen Menschen einschalten, die kein American Football mögen. Der globale Superstar Bad Bunny tritt in der Halbzeitshow auf. Diese sorgt jedes Jahr für ein riesiges Highlight, Bad Bunny folgt auf Musikgrößen der vergangenen Events wie Kendrick Lamar, Rihanna, Prince oder Michael Jackson.
Doch weil Bad Bunny aus Puerto Rico kommt, er ist damit ein US-Bürger, und weil er auf Spanisch singt und rappt, verachten Donald Trump und seine MAGA-Gefolgschaft ihn und seinen Auftritt beim Super Bowl. Keine englischsprachige Musik in der Halbzeitshow? Das gab es noch nie. Und das darf es auch nicht geben, erklärt die Gruppe Turning Point USA - und kämpft damit eine weitere Schlacht im imaginären Kulturkampf der Trumpisten.
Die "All-American Halftime Show"
Turning Point ist eine studentische, konservative und rechtspopulistische Non-Profit-Organisation. 2012 gegründet vom im vergangenen Jahr erschossenen rechten Aktivisten Charlie Kirk ist sie heute die größte Jugendbewegung für Rechtskonservative und die MAGA-Bewegung in den USA. Mit gut 80 Millionen Dollar Jahresumsatz fungiert sie als eine Art Radikalisierungsmachine. Turning Point hat berüchtigterweise etwa "Professor Watch" ins Leben gerufen. Eine denunzierende Website, die Hochschulprofessoren "entlarven" soll, die, wie Kirk es einst beschrieb, "konservative Studenten diskriminieren, antiamerikanische Werte fördern und linke Propaganda im Klassenzimmer fördern".
Nun schüttelt Turning Point das nächste MAGA-Ass aus dem Ärmel. Die "All-American Halftime Show" wird parallel zu Bad Bunnys Halbzeitshow als konservative Alternative ausgestrahlt. Mit Kid Rock als Headliner. Die Show wird auf den sozialen Kanälen von Turning Point und auf konservativen Netzwerken wie Real America's Voice und OAN gestreamt und betont laut Turning Point "Glauben, Familie und Freiheit". Der Post der Organisation dazu auf X wurde bereits fast elf Millionen Mal angezeigt und 40.000 Mal geliket.
Es ist ein Zeichen für die immer stärker voranschreitende Spaltung in den USA. Und so erregte die Ankündigung schnell die Aufmerksamkeit der Trump-Regierung, darunter Verteidigungsminister Pete Hegseth. In einem Beitrag auf X schrieb er: "Hey [Turning Point USA], wie kann [das Verteidigungsministerium] dabei mitmachen?" Nicht nur Trump, sondern etliche MAGA-Politiker hatten sich abfällig über Bad Bunny und seinen Auftritt beim Super Bowl geäußert, nachdem die NFL ihn im vergangenen Jahr bekannt gemacht hatte.
Kid Rock stichelt gegen Bad Bunny
Neben Kid Rock werden bei dem alternativen Event die eher mittelmäßig erfolgreichen Country-Sänger Lee Brice und Brantley Gilbert und die Sängerin Gabby Barrett auftreten. Weitere musikalische Acts werden noch bekannt gegeben, heißt es auf der Website von Turning Point.
"Wir wollen großartige Songs für Leute spielen, die Amerika lieben", sagte Kid Rock in einer Erklärung. "Wir gehen diese Show wie David und Goliath an. Es ist fast unmöglich, mit der Profi-Football-Maschinerie und einem globalen Pop-Superstar zu konkurrieren ... oder doch nicht?"
Der Rockstar ist ein enger Verbündeter von Donald Trump, trat schon bei mehreren Veranstaltungen des Präsidenten auf und hat in den letzten Jahren seine konservativen Überzeugungen immer deutlicher zum Ausdruck gebracht. Um noch mehr Spaltung zu säen, stichelte Kid Rock gegen Bad Bunny: "Er hat gesagt, er veranstaltet eine Tanzparty, trägt ein Kleid und singt auf Spanisch? Cool. Wir haben vor, großartige Songs für Leute zu spielen, die Amerika lieben." Dass Bad Bunny ein Kleid tragen werde, wurde bereits von seinem Team verneint.
Loch in der amerikanischen Flagge
Andrew Kolvet, Sprecher von Turning Point, teilte in einer Erklärung mit: "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, eine Unterhaltungsoption anzubieten, die Spaß macht, hervorragend und spannend für die ganze Familie ist […] Wir können es kaum erwarten, die unglaubliche Show zu sehen. Wir wissen, dass Millionen Menschen im ganzen Land ebenfalls zuschauen werden."
Turning Point hatte bereits im Oktober bekannt gegeben, ein Alternativprogramm gestalten zu wollen. Auf der Website der Organisation konnten Bürgerinnen und Bürger ihre liebsten Musikgenres angeben, darunter "Americana, Classic Rock, Country, Hip Hop, Pop" und auch "Worship", also Gottesdienstmusik. Es gab auch eine Kategorie namens "Alles, Hauptsache auf Englisch".
Kid Rock, der für Kontroversen, Sextapes und für homo- und transphobe Kommentare bekannt ist, sang schon einmal beim richtigen Super Bowl. Im Februar 2004 wollte er dabei seinen Ultra-Patriotismus demonstrieren, schnitt ein Loch in eine amerikanische Flagge und trug sie während seines Auftritts in der Halbzeitpause als Poncho, bevor er sie in die Menge warf. Das kam nicht bei allen gut an und wurde gar als Verunglimpfung der Flagge verstanden. Die Gruppe Veterans of Foreign Wars reichte damals eine Klage gegen den übertragenden Sender CBS ein.
Was vom weißen Mainstream abweicht
Nun tritt der Skandal-Rocker bei der Familien-Alternative der Trumpisten auf. Die Radikalisierungsmaschine schlägt wieder zu, denn es geht nicht um Football oder Musik bei der aus dem Hut gezauberten Halbzeitshow.
Es geht um den kulturellen Kampf, den die sich als Opfer ansehende MAGA-Bewegung zu kämpfen glaubt. Um Bigotterie und Identitätsbekundungen gegen Woke, gegen alles, was vom weißen, christlichen Mainstream abweicht, und gegen die vermeintliche Gefahr von Immigration.