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Kindesmissbrauch im Sport Vereine haben Täter teils "aktiv geschützt"

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Berichte über sexuellen Missbrauch kamen unter anderem aus dem Fußball.

(Foto: picture alliance/dpa)

Als bekannt wird, dass ein US-Teamarzt mehr als 250 Turnerinnen sexuell missbraucht hat, müssen sich auch in Deutschland viele Verbände mit Vorwürfen des Kindesmissbrauchs auseinandersetzen. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Vorfälle würden meist verleugnet.

Bei der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs haben sich seit einem Aufruf im vergangenen Jahr rund 100 Menschen mit Missbrauchserfahrungen im Bereich Sport gemeldet. Diese Zahl gab die Vorsitzende der Kommission, Sabine Andresen, vor einer Diskussionsveranstaltung mit Vertretern aus Politik, Sport und mehreren Betroffenen bekannt.

Es sei deutlich geworden, "dass Täter und Täterinnen die Gelegenheiten, die der Sport bietet, gezielt ausgenutzt haben", sagte Andresen: "Und Betroffene berichten, wie Täter von Vereinen zum Teil aktiv geschützt wurden und die Taten für sie folgenlos blieben."

Die Berichte der Betroffenen seien nicht repräsentativ, bildeten aber die ganze Bandbreite vom Breitensport bis zum Spitzensport ab. Andresen nannte Gewalterlebnisse aus den Bereichen Fußball, Judo oder Reiten. "Wir müssen von einer hohen Dunkelziffer ausgehen", sagte sie. Es gebe im Sport bisher keine Kultur des Sprechens und des Zuhörens über Gewalt. Betroffene berichteten davon, dass die Tragweite sexuellen Kindesmissbrauchs eher verleugnet oder bagatellisiert werde: "Es ist wichtig, eine Kultur der Aufarbeitung zu etablieren."

Opfer stoßen auf Abwehr

Menschen, die als Kinder missbraucht wurden und Jahre später beim Verein Aufklärung einforderten, seien dort auf Abwehr und Zurückweisung gestoßen. Im Sport zeige sich damit ein bekanntes Muster. "Aufarbeitung ist unbequem und wird nur selten offensiv von Verantwortlichen in Vereinen auf den Weg gebracht", kritisierte Andresen.

Die Bundesregierung hatte die Expertenkommission 2016 eingesetzt, um Missbrauch in verschiedenen Bereichen aufzuarbeiten, etwa in der Familie, in Institutionen, im sozialen Umfeld und auch in Sportvereinen. Kern der Untersuchungen sind Anhörungen und Berichte von heute erwachsenen Betroffenen. Die Kommission soll Strukturen und Bedingungen aufdecken, die Missbrauch in der Vergangenheit ermöglicht und begünstigt haben, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen.

Taten häufig verjährt

Seit Beginn ihrer Arbeit wurden von der Kommission mehr als 1100 Betroffene angehört. In vielen Fällen können Täter nicht mehr belangt werden, weil sie sich nicht mehr ausfindig machen lassen oder weil Taten verjährt sind. Kindesmissbrauch ist laut Polizeilicher Kriminalstatistik weiterhin ein großes Problem. Im vergangenen Jahr wurden 13.670 Kinder als Opfer von sexuellem Missbrauch erfasst - das sind nur die angezeigten, also bekanntgewordenen Fälle. Die Dunkelziffer ist nach Einschätzung von Experten viel größer.

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International müssen sich insbesondere im Turnen seit dem Skandal um den US-Teamarzt Larry Nassar, der über 250 Turnerinnen sexuell missbraucht hatte, immer mehr Verbände mit Missbrauchsvorwürfen auseinandersetzen. Laut Andresen gebe es die Probleme jedoch nicht nur im Turnbereich. "Die Sportarten, in denen die Betroffenen aktiv waren, beschränken sich nicht auf einige wenige, sondern zeigen das gesamte Spektrum", hatte Andresen dem Spiegel gesagt.

Zur Enttabuisierung des Themas hofft sie auf Statements von prominenten Sportlern gegen sexualisierte Gewalt. "Das wäre ein ganz wichtiges Signal, weil sie gerade für Jugendliche Vorbilder sein können", sagte Andresen, die zudem an die Verantwortung der Politik appellierte: "Von ihrer Seite muss es ganz klare Bekenntnisse geben."

Quelle: ntv.de, chf/dpa/SID