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Laufen, schießen, frieren Warum aus mir kein Martin Fourcade wird

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Ich ziele auf die 50 Meter entfernte Trefferscheibe.

(Foto: jki)

Biathlon ist ein Publikumsmagnet. In Oberhof macht nicht nur der jährliche Weltcup Station - Wintersportbegeisterte können hier ausgestattet mit Gewehr und Langlaufskiern auch ihren Idolen nachahmen. Ein Selbstversuch.

Mein Herz schlägt wie verrückt. Meine Lunge brennt. Die Kontrolle über gleichmäßige Atemzüge habe ich längst verloren. Das letzte Mal war ich so aus der Puste, als ich nach einer S-Bahn gerannt bin. Ich gehe in die Hocke, setze mich auf meine Knie, ziehe das Gewehr über die Schulter nach vorne und lege mich ab. Liegendanschlag, fünf Schuss - ins Oberhofer Nirwana. Fünf Strafrunden. Ich breche ab. Biathlon, das ist verdammt nochmal die Hölle. Zumindestens für mich. Berlinerin, Online-Volontärin, Gelegenheits-Yogi und Sonnenanbeterin. Wie ich auf die Idee kommen konnte, so ein kleiner Martin Fourcade könnte auch in mir stecken, ist mir in diesem Moment schleierhaft. Nach drei Stunden schießen, laufen und frieren muss ich feststellen: Ich habe mich maßlos überschätzt.

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"So schwer kann das bestimmt nicht sein", denke ich noch vor dem Training - ich sollte mich täuschen.

(Foto: jki)

Meine Wintersporterfahrung beschränkt sich auf zehn Tage Skilager in der Oberstufe, doch damals sind wir Abfahrt gefahren. Nie war ich mit meiner Familie im Skiurlaub. Komisch eigentlich, kommt sie ursprünglich doch aus Thüringen. Meine Mutter hat ihre Liebe zum Langlauf erst wieder entdeckt, als ich längst ausgezogen bin. Inzwischen fährt sie jedes Jahr nach Norwegen - ohne mich. Zumindest die passende Ausrüstung konnte ich mir von ihr ausleihen.

Der Wetterbericht hat für Oberhof minus vier Grad, Schnee und Wind angekündigt. Die Bedingungen könnten besser sein. Auch der Busfahrer am Bahnhof ist wenig begeistert: "Kalt ist es gar nicht mal so sehr. Nur feucht und unangenehm. Warte mal ab, was dich oben erwartet", begrüßt er mich. "Oben" liegt 814 Meter über Normalnull. In der DKB-Ski-Arena werde ich das erste Mal auf Langlaufskiern stehen und mit einem Gewehr schießen. Wäre es nach mir gegangen, ich hätte mich auch im Wellenreiten an der französischen Atlantikküste versucht. Bei dem Blick aus dem Fenster wird mir ganz anders. Je höher wir kommen, desto schlimmer wird das Schneegestöber. Hoffentlich hält die Funktionskleidung, was sie verspricht.

"So üben wir es mit den Kindern auch immer"

In dem Ski-Outfit meiner Mutter sehe ich zumindest so aus, als hätte ich Ahnung von dem, was mich gleich erwartet. "Beste Voraussetzungen haben wir heute", sagt Mario Milder und muss es ironisch meinen. "Aber Biathlon ist eben ein Outdoor-Sport, da kann man sich das Wetter nicht aussuchen." Mit Mario werde ich mich heute zum ersten Mal in die Loipe und an den Schießstand wagen. Wir starten mit Aufwärm- und Balanceübungen, bevor wir uns auf die ersten Runden durch das Stadion begeben. Ich bin unsicher und traue mich nicht, meinen Blick vom Boden zu lösen. Meine roten Skier bilden einen starken Kontrast zu dem weißen Schnee. Der Schneegraupel wird immer schlimmer. Hebe ich meinen Kopf, weht es mir eiskalt ins Gesicht.

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Der Schießstand in Oberhof ist einer der modernsten im gesamten Weltcup.

(Foto: jki)

Beim Langlaufen unterscheide man zwischen der klassischen Technik und der Skatingtechnik, erklärt Mario. Für Anfänger biete sich eher die klassische an. Dabei gleitet man abwechselnd auf dem einen Bein und drückt sich mit dem anderen ab. Damit das klappt, muss der richtige Punkt unterhalb des Körpers gefunden und die Belastung auf den Gleitski gewechselt werden.

Klingt simpel, ist es aber zu Beginn für mich nicht. Meine amateurhafte Koordination mit den Stöcken bringt mich ins Wanken. Ich verliere die Balance und setze mich das erste Mal in den Schnee. Weil ich nicht so richtig vom Fleck wegkomme, probieren wir es zunächst ohne die Stöcke. "So üben wir es mit den Kindern auch immer", sagt Mario. Ich bin ein bisschen beleidigt und strenge mich jetzt besonders an, gleite länger und merke, wie ich langsam den Dreh raus habe. Ob wir eine Pause machen wollen, fragt Mario. Aber mich hat der Ehrgeiz gepackt und wir drehen eine weitere Runde im Stadion. In der 1982 gebauten DKB-Ski-Arena haben noch vor wenigen Tagen begeisterte Fans Arnd Peiffer, Erik Lesser und Simon Schempp angefeuert. In den letzten Jahren steigen die Zuschauerzahlen beim Biathlon kontinuierlich an. Bei den einzelnen Rennen versammeln sich oftmals mehr als 20.000 Zuschauer im Stadion und an der Strecke. Schon mehrere Monate im Voraus sind die Rennen bis auf wenige Restkarten ausverkauft.

Meine durchgefrorenen Händen greifen nach der Waffe

Auf der kleinen Sägespäne-Runde gleiten wir außerhalb des Stadions und üben das Bremsen und Kurvenfahren. Seinen Namen verdankt die Strecke östlich des Rennsteigs einer besonderen Präparation aus früheren Jahren: Im Herbst wurden hier Sägespäne auf die Streckenabschnitte gestreut. Der Raureif vom Morgen sorgte dafür, dass mit dem Skitraining schon vor dem Winter begonnen werden konnte. Langsam werden meine Bewegungsabläufe routinierter. Als ich den kleinen Hügel hinunterfahre und an Tempo gewinne, vergesse ich sogar den Schnee, der mir immer noch unerbittlich ins Gesicht weht. Mario scheint das alles überhaupt nichts auszumachen - dabei bilden sich an seinen Augenbrauen inzwischen Eiszapfen.

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Schneller als mir lieb ist, finde ich Gefallen am Schießen.

Nach dem Langlauftraining geht es an den Schießstand. Mit meinen Skiern an den Füßen gehe ich mühsam in die Knie und lege mich auf die Matte. Im Liegen soll ich das erste Mal auf die 50 Meter entfernte Zielscheibe schießen. Der Stand in Oberhof gehört dank eines elektronischen Systems zu dem modernsten im gesamten Weltcup. Beim Aufprall der Geschosse werden die Treffer durch den Impuls eines Sensors ausgelöst - anders als zu den noch in Finnland verbreiteten Klappscheiben. Bei einem Treffer wird eine weiße Scheibe als Anzeige vor die schwarze geschoben. Eine schiebbare Blende kann die Größe der 30 Trefffelder von 115 Millimeter für Schüsse im Stehen auf 45 Millimeter im Liegen ändern. Wir starten mit vereinfachten Bedingungen. Im Liegen soll ich auf die großen Felder schießen. Mit durchgefrorenen Händen greife ich nach dem knapp vier Kilogramm schweren Kleinkalibergewehr und probiere, die Zielscheibe ins Visier zu nehmen.

Mein linker Arm wird von Minute zu Minute schwerer. Mario beschreibt mir, was ich sehen sollte, ermutigt mich durchzuladen und mit dem rechten Zeigefinger abzudrücken. Das Zielen fällt mir schwer. Aus unerklärlichen Gründen kann ich mein linkes Auge nicht zum Anvisieren schließen. Auch die Trefferscheibe kann ich durch Ringkorn und Diopter einfach nicht erkennen. Meine ersten Schüsse landen mit einer Geschwindigkeit von 300 Metern pro Sekunde irgendwo im Nirgendwo. "Kein Wunder. Das Diopter ist total verreist", sagt Mario. Er gibt mir ein anderes Gewehr und einen schmalen braunen Pappstreifen, den ich mir unter meine Mütze über das linke Auge klemme.

Von Fourcade kann ich nur träumen

Plötzlich erscheint die kleine schwarze Zielscheibe deutlich im Ringkorn. Ich lade das Gewehr und drücke ab. Der erste Schuss ist gleich ein Treffer. Auch bei Schuss zwei und drei schiebt sich eine weiße Scheibe vor die schwarze. Der vierte geht daneben. Dafür ist der letzte wieder ein Treffer. Beim nächsten Durchlauf werden alle Scheiben weiß. Ich bin euphorisch - und überrascht, dass mir das Schießen so viel Spaß macht. Mario verkleinert den Durchmesser der Scheiben auf 45 Millimeter. Die Auswirkung ist gravierend. Ich treffe nur noch zwei von fünf Zielscheiben.

Martin Fourcade hat seine Schussstatistik in den vergangenen Jahren stetig verbessert. Im Stehen kommt er mittlerweile auf 89 Prozent, im Liegen beträgt seine Trefferquote gar 94 Prozent. Kann ich das auch? Vor der letzten Runde durchs Stadion bin ich voller Optimismus und maximal motiviert. Ich drücke mich entschlossen aus der Bauchlage von der Matte, nehme die Stöcke in die Hand und sprinte los. Mario feuert mich an. Anders als zuvor gehe ich an die Grenzen meiner Kondition. Jetzt gilt es, nach 300 Metern im Sprint auf die kleinen Scheiben mit einem Durchmesser von 45 Millimeter zu schießen. Doch mein Brustkorb hebt und senkt sich so stark, dass ich nicht in der Lage bin, meinen rechten Arm stillzuhalten. Ich lade das Gewehr, ziele, drücke ab - und schieße daneben. Auch keiner der restlichen Versuche landet im Schwarzen. Das erste Mal treffe ich keine einzige Scheibe. Von einem Ausnahmetalent wie Fourcade bin ich noch meilenweit entfernt. Biathlon, das ist verdammt nochmal die Hölle.

Quelle: ntv.de