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Szenarien, Kosten und Probleme Warum ist Olympia noch nicht abgesagt?

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Es wird immer unwahrscheinlicher, dass das Olympische Feuer im Juli in Tokio brennt.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Wird Olympia in Tokio nun verschoben? Wann könnten die Sommerspiele stattdessen stattfinden? Und was kostet das alles? Auch nachdem das IOC eine Frist für eine mögliche Neu-Terminierung angekündigt hat, sind viele Fragen offen. Die Verschiebung ist aber angeblich schon beschlossene Sache.

Erstmals hat das Internationale Olympische Komitee im Zuge der Coronavirus-Krise einen möglichen Fahrplan für die Verschiebung der Sommerspiele in Tokio vorgelegt. Von Klarheit sind sowohl Sportler als auch Fans aber weit entfernt. "Ich weiß, dass diese beispiellose Situation viele Ihrer Fragen offenlässt", gestand IOC-Präsident Thomas Bach in einer E-Mail an Athletinnen und Athleten. Ein Überblick über mögliche Kosten einer Neu-Terminierung, den weiteren Ablauf und die Stimmung im Gastgeberland:

Wie wahrscheinlich ist es, dass Olympia noch wie geplant stattfinden kann?

Angesichts des globalen Ausmaßes der Pandemie erscheint es derzeit alternativlos, dass Olympia vom geplanten Termin vom 24. Juli bis 9. August abweichen muss. Binnen vier Wochen will das IOC entscheiden. Große Olympia-Nationen wie Kanada und Australien erhöhen den Druck durch ihre Ankündigung, diesen Sommer keine Teams zu entsenden. Leichtathletik-Verbandschef Sebastian Coe schrieb Bach, dass Olympia im Juli "weder möglich noch wünschenswert" sei. "Wir sind nicht so blöd, die Olympischen Spiele wie geplant auszutragen", sagte Yoshiro Mori, der Präsident des Organisationskomitees. Der Fackellauf soll dennoch am Donnerstag in Fukushima beginnen, auch wenn die Situation immer "schlechter und schlechter" werde, wie OK-Geschäftsführer Toshiro Muto anmerkte.

Die Prüfung der Verlegung durch das Internationale Olympische Komitee sei ein "richtiger und in Anbetracht der aktuellen gesundheitlichen Weltlage längst fälliger Schritt" gewesen, sagte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). "Allerdings hätten wir uns jetzt eine klare Aussage dahingehend gewünscht, dass die Spiele definitiv nicht zum geplanten Termin stattfinden können und nun über denkbare Alternativen beraten wird."

Denn die Athleten befänden sich in einer extrem schwierigen Situation, hätten kaum Trainingsmöglichkeiten und große Unklarheit bei der Olympia-Qualifikation. "Auch gegenüber der Öffentlichkeit wäre es ein enorm wertvolles Signal gewesen, den bisherigen Termin aufgrund der aktuellen Lage in der Welt abzusagen", so Hörmann. "Doch diese wird gerade in Krisenzeiten nur über eine klare Kommunikation und entschiedenes Handeln für alle nachvollziehbar", ergänzte er. Mit Australien und Kanada haben bereits zwei Nationen angekündigt, keine Athleten zu schicken, sollten die Spiele zum bisher geplanten Termin stattfinden.

Warum soll es dann noch so lange bis zu einer Entscheidung dauern?

Zwar bröckelt auch in Japan das bedingungslose Festhalten am bisherigen Plan, Premierminister Shinzo Abe spricht erstmals von einer Verschiebung. Die Organisatoren sind aber darauf bedacht, dass eine Absage einerseits nicht als Gesichtsverlust gesehen wird, zudem könnten bei einem eigenmächtigen Beschluss immense Schadenersatzforderungen drohen. Die endgültige Entscheidung obliege dem IOC, heißt es aus Japan. Bach verweist darauf, dass seine Organisation dem Rat der Weltgesundheitsorganisation folgen werde. Die WHO betont aber, dass man nur eine beratende Funktion habe und keine Absage fordern werde. So spielt das IOC weiter auf Zeit.

Laut dem früheren IOC-Vizepräsidenten Richard Pound ist eine Verschiebung der Olympischen Spiele aber bereits beschlossene Sache. "Auf der Grundlage der Informationen, die das IOC hat, wurde eine Verschiebung beschlossen. Die zukünftigen Parameter wurden noch nicht festgelegt, aber die Spiele werden nicht am 24. Juli beginnen, soweit ich weiß", sagte Pound der Zeitung "USA Today" am Montag.

Der 77-jährige Kanadier glaubt, dass das Internationale Olympische Komitee bald die nächsten Schritte bekanntgeben wird. "Wir werden dies verschieben und beginnen, uns mit all den Konsequenzen zu befassen, die sich daraus ergeben, die immens sind", ergänzte der einflussreiche Ex-Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, der stets für deutliche Worte bekannt ist.

Welche Szenarien für eine Verschiebung gibt es?

Es liegen drei Gedankenspiele auf dem Tisch, keines davon ohne Probleme. Bei einer Verschiebung in den Herbst 2020 gäbe es zwar bessere klimatische Bedingungen. Völlig unklar ist aber, ob sich die weltweite Lage wegen des Coronavirus bis dahin so weit gebessert hat, dass Olympia mit Zuschauern stattfinden könnte. Dass die Spiele analog zur Fußball-EM um ein Jahr in den Sommer 2021 verlegt werden, gilt als wahrscheinlichste Option. Da nach den Prognosen der Experten wegen der Coronavirus-Pandemie auch ein Termin im Herbst keine sichere Alternative darstellen würde, "präferieren wir eine Verlegung mindestens ins nächste Jahr", sagte DOSB-Chef Hörmann. Dafür müssten aber für mehrere andere internationale Großveranstaltungen wie die Leichtathletik-WM in den USA neue Daten gefunden werden. Bei einer Verschiebung um zwei Jahre würden 2022 Winter- und Sommerspiele im gleichen Jahr stattfinden. Das gab es letztmals 1992, als Olympia jeweils noch ein deutlich kleineres Programm hatte.

Was wären die finanziellen Folgen?

Einheimische Experten rechnen alleine durch eine Verschiebung mit Kosten für Japan von umgerechnet 5,4 Milliarden bis 5,7 Milliarden Euro. Sollte Olympia hingegen komplett abgesagt werden, würden 38 bis 65 Milliarden Euro fehlen. Zuletzt hatten Finanzexperten neben dem direkten Schaden zudem mit einem Verlust von 120 Milliarden durch ausbleibende Touristen für Japan gerechnet. Die Tokio-Organisatoren hatten die avisierten Kosten der Sommerspiele bislang mit umgerechnet 11,5 Milliarden Euro angegeben. Das National Audit Board Japans hatte diese Summe aber mehr als doppelt so hoch geschätzt.

Bei einer Verschiebung stehen die Organisatoren zudem vor logistischen Problemen. Beispielsweise sind die Wohnungen des olympischen Dorfs, in dem insgesamt 15.000 Sportler und Sportlerinnen während Olympia und den Paralympics übernachten sollen, bereits für die Zeit nach den Spielen verkauft.

Was wären die Konsequenzen für die Sportfans?

Angesichts der offenen Situation ist unklar, welche Folgen für reisewillige Olympia-Fans drohen. Im analogen Fall der verschobenen Fußball-EM behielten Eintrittskarten ihre Gültigkeit, können aber zurückgegeben werden, wenn Anhänger zum neuen Termin nicht reisen können. Ob Trips kostenfrei storniert werden können, hängt wohl von der geplanten Reise ab. Wenn das Ticket zum gebuchten Paket gehört, können Fans nach Ansicht von Paul Degott, Rechtsanwalt für Reiserecht, vom Vertrag zurücktreten. Anders sieht es laut dem Experten bei Flügen und Hotels aus, die unabhängig von einem Ticket gebucht wurden. Hier gelten normale Stornierungsbedingungen.

Wie ist die Situation in Japan?

Einer Umfrage der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo zufolge rechnen mehr als zwei Drittel (69,9 Prozent) der Menschen damit, dass Olympia nicht zum geplanten Termin stattfindet. "Die Öffentlichkeit erwartet und unterstützt eine Verschiebung, deshalb wird es keine große Sache", sagte Jeff Kingston, der japanische Politik an der Temple-Universität in Tokio lehrt, der Nachrichtenagentur AP. "Die Menschen sorgen sich über die wirtschaftlichen Folgen und ihre Jobs, wenn die Zahl der Fälle steigt."

Quelle: ntv.de, Florian Lütticke, dpa