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Tennis-Ass vor US-Open-Start Was Zverev von Lendl lernen kann

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Zverevs neuer Trainer Lendl hat gezeigt, dass er Spieler zu Champions machen kann.

(Foto: imago/Paul Zimmer)

Seine Auftritte bei Grand-Slam-Turnieren sind für Alexander Zverev bislang eine einzige Enttäuschung. Vor den US Open hat sich Deutschlands Tennis-Ass nun Hilfe vom großen Ivan Lendl geholt. Der weiß schließlich, wie Siegen geht.

Wenn Alexander Zverev an diesem Abend durch den Tunnel des Louis Armstrong Stadiums läuft, dann wird Deutschlands bester Tennisspieler auf prominente Gesichter treffen. Roger Federer, John McEnroe, Pete Sampras - die Liste der US-Open-Legenden ist lang, die der Sieger noch länger. Auch Ivan Lendl findet sich in der Ahnengalerie dieses verrückten Grand-Slam-Turniers vor den Toren New Yorks. 1985, 1986 und 1987 prägte er in Flushing Meadows seine eigene kleine Ära. Und vielleicht wird Zverev kurz innehalten, wenn er auf dem Weg zu seinem Auftaktmatch gegen den kanadischen Qualifikanten Peter Polansky an Lendl vorbeikommt. Schließlich verbindet die beiden seit wenigen Tagen eine besondere Beziehung.

Zverevs Grand-Slam-Bilanz der letzten zwei Jahre

Wimbledon 2018: Drittrunden-Aus gegen Ernests Gulbis (6-7 (2-7), 6-4, 7-5, 3-6, 0-6), French Open 2018: Viertelfinal-Aus gegen Dominic Thiem (4-6, 2-6, 1-6), Australian Open 2018: Drittrunden-Aus gegen Hyeon Chung (7-5, 6-7 (3-7), 6-2, 3-6, 0-6), US Open 2017: Zweitrunden-Aus gegen Borna Coric (6-3, 5-7, 6-7 (1-7), 6-7 (4-7)), Wimbledon 2017: Viertrunden-Aus gegen Milos Raonic (6-4, 5-7, 6-4, 5-7, 1-6), French Open 2017: Erstrunden-Aus gegen Fernando Verdasco (4-6, 6-3, 4-6, 2-6), Australian Open 2017: Drittrunden-Aus gegen Rafael Nadal (6-4, 3-6, 7-6 (7-5), 3-6, 2-6)

Zverev, der Aufsteiger der Tennisszene, hat den achtfachen Grand-Slam-Sieger Lendl in sein Team geholt. Eine kurzfristig vor dem Turnier verkündete Fusion aus dem Supercoach, wie Lendl einmal betitelt wurde, und Zverev, dem kommenden Superstar. Eine kurzfristige Fusion, die allerdings langfristig ausgelegt ist. Mit Lendl an seiner Seite will Zverev, der von allen nur "Sascha" genannt wird, schaffen, woran er bislang gescheitert ist. Endlich einmal ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Nach dem fehlgeschlagenen Versuch mit dem früheren Profi Juan Carlos Ferrero als Coach ist Zverev offenbar zu einem Schluss gelangt. Nur einer der ganz Großen kann ihm dabei helfen, selbst einer zu werden. "Ivan hat so einen beeindruckenden Charakter und eine Arbeitseinstellung, die Sascha in der nächsten Phase seiner Karriere nur helfen kann. Das Team war bereits sehr gut aufgestellt, nun stößt mit Ivan eine enorme Komponente dazu", sagte sein Manager Patricio Apey über die Zusammenarbeit.

Der Erfolg kommt mit Lendl

Den Nachweis, dass er in der Lage ist, aus einem talentierten Spieler einen Champion zu machen, hat Lendl jedenfalls schon geliefert. 2011 war der Schotte Andy Murray in einer ähnlichen Situation wie Zverev jetzt. Murray gewann Titel auf der ATP World Tour, nur mit einem Grand-Slam-Sieg klappte es nicht. Das änderte sich erst, als Lendl dazu kam. Diesen Impuls erhofft sich nun Zverev, für dessen Karriere die kommenden Wochen entscheidend werden könnten.

Roger Federer stand kurz vor seinem 22. Geburtstag als er zum ersten Mal in Wimbeldon gewann. Rafael Nadal war mit seinen damals 19 Jahren und zwei Tagen bei den French Open der jüngste Major-Titelträger seit Pete Sampras. Zverev hat das mit seinen 21 Jahren noch nicht geschafft. Allerdings wäre ein Vergleich mit diesen beiden Ausnahmeerscheinungen des Tennissports hochgradig unfair. Immerhin ist der Hamburger in New York an Position drei der Welt gesetzt, er hat in seiner noch jungen Karriere neun Titel geholt und ein Preisgeld von fast 12 Millionen Dollar erspielt.

Dass er einer der besten Tennisspieler der Welt ist, weiß er selbst. Er bekommt es aber auch regelmäßig von Menschen bestätigt, die es wissen müssen. "Ich glaube an Sascha" hat Federer beim Media Day in New York noch einmal bekräftigt. Auch Boris Becker ist überzeugt, dass Erfolge für Zverev nur eine Frage der Zeit und Erfahrung sind. "Ich glaube, dass er grade bei den Grand Slams Hilfe benötigt. Ivan mit seiner langjährigen Erfahrung, gerade in New York, ist genau der richtige Mann", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Das Mentale steht im Vordergrund

Ist die Antwort also wirklich so einfach? Kann ein Trainer jemandem das Siegen beibringen, weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie es geht? Zverev benennt die Erwartungen an Lendl selbst: "Er ist eine starke Persönlichkeit. Wenn er was sagt, hörst du auf ihn. Ich weiß genau, wer ich sein möchte, wer ich sein kann - nur solche Persönlichkeiten können dich dahin bringen." Tennis ist ein einsamer Sport, geprägt von Entschlossenheit und Nervenstärke. Der Kampf auf dem Platz ist auch immer ein Kampf gegen sich selbst. Und so schadet es sicher nicht, jemanden an seiner Seite zu haben, der die Situation selbst schon mal erlebt hat. Der einem die Angst vor dem eigenen Versagen nimmt.

Lendl wird mit Zverev an dessen spielerischen Qualitäten arbeiten - das Volleyspiel des 1,98 Meter großen Profis ist ausbaufähig, auch die Vorhand ist noch nicht auf dem Niveau seines Paradeschlags, der beidseitigen Rückhand. Doch im Fokus wird das Mentale stehen. Der Frust über die eigene Unvollkommenheit führt beim Deutschen immer wieder zu Ausbrüchen, er schafft es nicht, Situationen emotional abzuhaken und sich auf den nächsten Ballwechsel zu fokussieren. Die regelmäßigen Kontrollverluste prägen Zverevs Bild in der Öffentlichkeit.

"Ihr bekommt eine Nummer eins"

In Wimbeldon regte er sich, obwohl kurz vor der 2:1-Satzführung stehend, so sehr über einen Linienrichter auf ("Was er sagt, ist unwichtig, er ist doch nur ein Linienrichter"), dass er zunächst den vierten, und dann auch noch den fünften Satz verlor, mit 0:6 sogar. Vor zwei Wochen in Toronto ärgerte er sich so über einen verlorenen Tie-Break gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas, dass er den nachfolgenden entscheidenden Satz abgab. Auf der Pressekonferenz ließ er anschließend den gebotenen Respekt vermissen, indem er über Tsitsipas sagte, der habe ebenfalls erbärmlich gespielt.

Zverev ist ein Typ mit Ecken und Kanten, impulsiv und mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet. Fans mögen ihn, weil er nicht mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks auf dem Platz steht. Fraglich ist allerdings, ob ihm die Ausbrüche im Stile eines John McEnroes wirklich weiterhelfen. Wenn Zverev scheitert, dann meistens an sich selbst. Lendl indes scheint keine Zweifel zu haben, dass sein Schützling die Emotionen in den Griff bekommt. Schon 2015, da war Zverev gerade einmal 17 Jahre alt, soll er einem deutschen Scout bei einem Turnier zugerufen haben: "Ihr braucht euch über die Zukunft keine Sorgen zu machen. Ihr bekommt bald eine Nummer eins." Ist halt alles eine Frage der Zeit.

Quelle: n-tv.de

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