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Streitfall Christian Zeitz Wie der THW Kiel ein Handball-Idol auslöscht

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Der Fall Christian Zeitz spaltet auch die Handball-Fans in Kiel.

(Foto: imago/Eibner)

Mit neun Meisterschaften und drei Champions-League-Titeln gehört Christian Zeitz zu den Legenden des THW Kiel. Doch die Erinnerungskultur des Handball-Ausnahmeklubs ist kompliziert, seit ein Vertragsstreit die Verdienste überschattet.

Wer in Kiel die Sparkassen-Arena, die früher einmal Ostseehalle hieß, betritt, dem schlägt der Atem der Handball-Geschichte entgegen. Unter der Hallendecke, riesengroß und unübersehbar, hängen die Konterfeis der Helden des Turnvereins Hassee-Winterbek e. V. von 1904, den meisten weit besser bekannt als THW. In den Vereinsfarben schwarz und weiß sind die großen Spieler des Klubs, die stellvertretend für eine Ära stehen, verewigt. Hein Dahlinger war 2001 der erste Spieler der Zebras, der auf diese Weise geehrt wurde, weil er nach 1871 Spielen und 5423 Toren seinen Anteil am Mythos dieses Ausnahmeklubs hat. Es folgten Welt-Jahrhunderthandballer Magnus Wislander, Klaus-Dieter Petersen, Stefan Lövgren, Marcus Ahlm, Thierry Omeyer und Dominik Klein. All diese Spieler haben ein Jahrzehnt oder länger - Ausnahme ist der Keeper Omeyer - die Mannschaft und den Klub geprägt.

Dass Erinnerungskultur dieser Art auch kompliziert sein kann, zeigt der Fall von Christian Zeitz. Auch er gehörte zu den Granden des erfolgreichsten deutschen Handballvereins, doch wo das Banner mit seinem Gesicht und seinem Trikot seit 2014 hing, ist nun nur noch ein leerer Platz. Am Montagabend wurde es aus der Halle und damit aus der Ahnengalerie entfernt. Ein bislang einmaliger Fall von Geschichtsklitterung, die in Historikerkreisen "Damnatio memoriae" genannt wird. Schon wenige Tage zuvor hatte der THW Überlegungen solcher Art bestätigt. "Es wird auch unter den Fans diskutiert, ob das Zeitz-Trikot in der Riege derjenigen, die stets loyal dem Klub gegenüber waren und zur aktiven wie passiven Zeit den THW im Herzen tragen, noch seinen Platz haben soll", bestätigte THW-Pressesprecher Christian Robohm.

Das Kieler Imperium schlägt zurück

Wie aber kam es dazu, dass ein Spieler wie Zeitz, der nicht nur 13 Jahre für den THW spielte, 166 Länderspiele absolvierte und 2007 gar Weltmeister wurde, sondern aufgrund seines einzigartigen Wurfrepertoires den Status eines Publikumslieblings hatte, zur Persona non grata wurde? Der Grund ist eher lapidar. Und hat wie so oft in solchen Fällen mit Vertragsinhalten zu tun - und natürlich mit Geld. 2016 kehrte Zeitz nach einem wenig glücklichen Intermezzo beim ungarischen Serienmeister aus Veszprem an die Förde zurück und unterschrieb ein Arbeitspapier, in dem nach Lesart des Klubs eine Befristung bis zum Sommer dieses Jahres festgeschrieben war.

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Trainer Gislason nennt den Fall Zeitz "die größte menschliche Enttäuschung meines Lebens."

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Die Zeitz'sche Interpretation aber sah anders aus: Der Rückraumspieler zweifelte die zeitliche Begrenzung an und reichte Klage ein. Das aber wollte sich der Branchenprimus nicht bieten lassen. Er suspendierte seinen verdienten Spieler und einigte sich mit ihm vor dem Kieler Arbeitsgericht auf eine Entschädigung von 75.000 Euro. Damit aber war die Sache für den THW noch lange nicht erledigt. Nach dem Motto "Beiße nie die Hand, die dich füttert", schlug das Imperium nun zurück und straft den verlorenen Sohn mit Liebesentzug. Offiziell heißt es dazu, dass alle Spieler, die unter dem Hallendach verewigt sind, "auf und neben dem Platz Vorbilder waren und sind. Sie alle eint neben den herausragenden sportlichen Leistungen vor allem eines: die Loyalität zum und der Respekt gegenüber dem THW Kiel". Über Zeitz steht dort: "Christian Zeitz hat sich im Zusammenhang mit seinem Ausscheiden nicht mehr an diesen Werten orientiert." Schon zuvor hatte Trainer Alfred Gislason den Fall Zeitz als "größte menschliche Enttäuschung meines Lebens" bezeichnet. Nachdem das Trikot verschwunden war, hatte er genug von der Causa. "Ich habe mich darüber genug geärgert", so der Isländer. "Ich möchte dazu einfach nichts mehr sagen."

Das Verhältnis zwischen dem eigenwilligen Zeitz und seinem langjährigen Arbeitgeber hatte schon in der Vergangenheit kleineren Belastungsproben standhalten müssen. Vor fünf Jahren etwa unterschrieb Zeitz schon einmal einen Vertrag in Veszprem. Der Wechsel aber scheiterte auch deshalb, weil der THW in jenem Sommer aufgrund zahlreicher anderer Spielertransfers einen Umbruch vollzog und seinem Linkshänder die Freigabe verweigerte. Klaus Elwardt, zu jener Zeit Geschäftsführer des Klubs und damit beauftragt, mit Zeitz über ein Bleiben zu verhandeln, äußerte sich befremdet. "Wir wussten nichts davon", sagte er damals. "Für mich kam das überraschend. Aber so kennen wir Christian."

Zeitz spaltet die Fans

Erst ein Jahr später, als Zeitz dann tatsächlich in die ungarische Liga wechselte, lief alles so ab, wie es sich für einen verdienten Spieler gehört. Gemeinsam feierte man Abschied, das große Stoffstück mit der Rückennummer 20 wurde entrollt. Zeitz, der in Kiel neun Meisterschaften und drei Champions-League-Titel gewann, war zur THW-Legende geworden. Die Fans spaltet der Mann noch heute in zwei Lager. Diejenigen, die ihn noch immer verehren. Und diejenigen, die der Verdammung des Klubs folgen. Die "Kieler Nachrichten" wollten es genau wissen und befragten die Basis. Mit einem überraschenden Ergebnis: 52 Prozent stimmten dafür, das riesige Erinnerungsstück unter der Decke der legendären Spielstätte ihres THW hängen zu lassen.

Für Zeitz eine kleine Genugtuung. Für den wurfgewaltigen Rückraumspieler, mittlerweile 37 Jahre alt, geht es auf der Zielgeraden seiner Karriere in der dritten Liga weiter. Sein neuer Verein ist die SG Nußloch. Gut möglich, dass der Weltmeister von 2007 ein weitgehend unbeachtetes Karriereende vor sich hat. Ein Abschiedsspiel beim THW jedenfalls ist derzeit unwahrscheinlicher als ein Wechsel von Kevin Großkreuz zum FC Schalke.

Quelle: ntv.de