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Siegchancen bei Australian Open Zverev kann sich um Millionen bringen

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Es geht aufwärts für Alexander Zverev. Der Hamburger präsentiert sich in Melbourne locker und ist damit erfolgreich.

(Foto: imago images/Xinhua)

Alexander Zverev begeistert bei den Australian Open Experten und Fans, besonders die Einheimischen. Der deutsche Tennisprofi spielt um die Chance, sich vier Millionen Dollar entgehen zu lassen - und dafür hat er hart gekämpft. Und ja, er hat es sich auch verdient.

4,12 Millionen Aussie-Dollars sind rund 2,55 Millionen Euro. Eine gewaltige Summe, "auch für mich", sagte Alexander Zverev, Deutschlands bester Tennisspieler. Und doch hat er diesen Betrag in den Pott geworfen, bei den Australian Open kämpft der Hamburger ganz offiziell darum, am Ende des wichtigsten Turniers des Tennis-Frühjahrs mit leeren Händen dazustehen. Nichts würde den Hamburger wohl mehr begeistern, als als einziger Profi bei der mit insgesamt 71 Millionen Dollar dotierten Veranstaltung am Ende draufgezahlt zu haben. Es fehlen nur noch zwei Siege zur Pleite.

Während viele Stars der Szene einen bestimmten Dollarbetrag für jedes Ass zu Gunsten der Opfer der verheerenden Buschfeuer spenden, will der Deutsche im Falle eines Finalsieges das komplette Preisgeld im Land lassen - eben jene 4,12 Millionen australische Dollar. Seine Eltern hätten ihn so erzogen, er habe gelernt, dass "Geld die Welt verändern kann", und es gebe hier in Australien nun mal viele Menschen, die es wirklich nötiger hätten als er. Also spielt der Deutsche, der zu Hause so kritisch gesehen wird, in den Tagen von Melbourne nicht nur für sich, sondern auch für die Australier.

Eine Menge Geld, "auch für mich"

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Zverev mit Dylan Alcott und Heath Davidson, den Siegern im Rollstuhl-Doppel

(Foto: imago images/AAP)

Und in deren Herzen hat er sich schon längst gespielt, auch weil der so oft als arrogant, kühl, manchmal auch schnöselig wahrgenommene 1,98-Meter-Hüne nach den Matches gerne noch auf dem Platz immer wieder betont, wie wohl er sich im Land fühle. Am Donnerstag vor seinem ersten Grand-Slam-Halbfinale schottete er sich ab, trainierte unter Ausschluss der Öffentlichkeit, zeigte sich dann aber zur Siegerehrung im Rollstuhl-Doppel-Wettbewerb. Das kommt gut an.

Die Megaspende hatte er schon zu Beginn des Turniers angekündigt, alleine: In Australien nahm davon niemand Notiz, in den Medien spielte die Ansage keine Rolle. Nun, das "kann man leicht sagen nach der ersten Runde, richtig?", scherzte Zverev am Mittwoch beim On-Court-Interview. Da hatte er gerade den viermaligen Grand-Slam-Sieger Stan Wawrinka ziemlich beeindruckend besiegt und seinen ersten Halbfinal-Einzug bei einem der vier wichtigsten Turniere des Tenniskalenders klar gemacht. Die Sache mit der Millionenwette wird akut, auch, weil sich der Deutsche begeisternd präsentiert. Erst im Viertelfinale, dem fünften Match, gab Zverev den ersten Satz im Laufe des Turniers ab. Dass der Weltranglisten-Siebte jetzt da steht, wo er steht, ist ein kleines Wunder. Und gleichzeitig offenbar einfach nur logisch.

"Einfach nicht genug trainiert"

Kaum zu glauben, aber es scheint wahr zu sein: Ein paar Stunden Training mehr oder weniger können den Unterschied zwischen Desaster und Weltklasse, zwischen Triumph und Krise ausmachen. "Um ehrlich zu sein, habe ich einfach nicht genug trainiert", verriet Deutschlands bester Tennisspieler Anfang des Jahres beim ATP-Cup in Adelaide. Eine Veranstaltung, bei der sich der 22-Jährige derartig erschreckend präsentierte, dass man sich ernsthaft Sorgen nicht nur um seine sportlichen Perspektiven, sondern auch um die mentale Stabilität des ATP-Weltmeisters von 2018 machen musste. Unsympathisch war er, fahrig, nicht wettbewerbsfähig. Zverev sammelte in drei Partien 31 Doppelfehler, er zertrümmerte Schläger und beschimpfte während eines Matches den eigenen Vater derb. Für Boris Becker war Zverev "ein Fall für den Psychologen", das Tennisidol wähnte den derangierten Weltklassespieler "in einem dunklen Zimmer", auf der Suche nach dem Lichtschalter.

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"Ich hatte dort nicht nur mit meinem  Aufschlag Probleme. Ich hatte Probleme mit allem: mit meiner  Vorhand, mit meiner Rückhand, meinem Stopp, meinem Slice, meinem  Return und dem Aufstehen am Morgen." Und jetzt, drei Wochen später? "Ich habe in der Woche vor dem Start der Australian Open mehr trainiert als jeder andere, fünf, sechs, sieben Stunden täglich", sagte Zverev vor dem Turnierbeginn, nach dem Halbfinaleinzug sah er sich für seine verbesserte Einstellung belohnt: "Es ist alles in der Trainingswoche passiert. Die vielen Stunden zahlen sich jetzt aus." Zverev hat seinen Aufschlag wiedergefunden, der ihn nicht nur, aber besonders in der Woche von Adelaide in den Wahnsinn getrieben hatte, er bildet jetzt wieder eine Basis, auf der der Hamburger sein Spiel aufbauen kann.

Die Schweizer Spitzenspielerin Belinda Bencic hatte vor Turnierstart scherzhaft nachgefragt, ob Zverev nicht lieber für Doppelfehler, anstatt für Asse spenden wolle. Es wäre ein schlechtes Geschäft geworden: 57 Zverev-Assen stehen erst neun Doppelfehler gegenüber, gegen Wawrinka landeten vier von fünf ersten Aufschlägen im Feld. Das ist ein Schlüssel zur Weltklasse. Ein anderer ist aber wohl auch eine neu gewonnene Lockerheit, die dem ersten deutschen Grand-Slam-Halbfinalisten seit Tommy Haas 2007 nicht nur gut steht, sondern offenbar auch auf dem Platz hilft: "Dieses Jahr kam ich mit absolut keinen Erwartungen zu den Australian Open, weil ich so schrecklich gespielt habe", sagte Zverev nach dem Sieg über Wawrinka, bei dem er nach einem chancenlos verlorenen ersten Satz ins Match zurückfand.

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"Vielleicht sollte es so passieren"

"Vielleicht ist das das Sprungbrett. Vielleicht sollte es so passieren." Auch seine neue Freundin Brenda Patea scheint ihm nach einem schweren Jahr mit Trennung von seiner damaligen Freundin, Trainer Ivan Lendl und dem langwierigen, schwer belastenden Streit mit seinem Ex-Manager Patricio Apey gut zu tun: "Wenn es im Tennis nicht so gut läuft, bin ich eine schwierige Person, gerade bei so einem Turnier, bei dem es um alles geht. Aber sie macht vieles mit mir mit und versteht, dass ich manchmal schlecht gelaunt bin", sagte Zverev bei Eurosport: "Meine Freundin macht mich außerhalb des Platzes sehr glücklich. Sie ist jemand, dem ich sehr vertraue."

Dass die Tenniswelt bei den Australian Open einen runderneuerten Alexander Zverev erlebt, registrieren auch die Konkurrenten: "Es ist beeindruckend, wie er bislang spielt in diesem Turnier, wie er sein Spiel aufbaut, wie er sein Spiel auf dieses Niveau gehoben hat", schwärmte Novak Djokovic, "es ist nur gut für unseren Sport, wenn neue Champions nachkommen." Der Serbe, Nummer zwei der Welt, steht als erster Finalist fest. Er wäre Zverevs Endgegner beim Kampf um einen 4,12 Millionen Aussie-Dollar schweren Scheck für die Feueropfer.

Vorher aber wartet am europäischen Freitagmorgen (ab 9.30 Uhr im Liveticker auf ntv.de) mit Dominic Thiem noch eine ganze harte Nuss auf den Australier ehrenhalber: Der Österreicher hat in einem packenden Viertelfinale nach über vier Sätzen Rafael Nadal niedergekämpft und hat sechs der acht Duelle gegen seinen Freund gewonnen. "Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Wir haben eine nette Rivalität." Aber auch die Nummer fünf der Weltrangliste sagt, er freue sich für Zverev, dass dieser nun im Halbfinale stehe, "er hat seinen Durchbruch bei einem Grand Slam geschafft." Gegen alle Wahrscheinlichkeiten, für Australien. Und vor allem: für sich.

Quelle: ntv.de