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Formel 1 feiert 1000. Rennen Ein grandioser Sport mit ungewisser Zukunft

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Als alles begann: 150.000 Menschen kamen im Mai 1950 zum ersten Rennen der Formel 1.

(Foto: imago/LAT Photographic)

Eintausend Formel-1-Rennen sind durchaus ein Grund zum Feiern. Schließlich kann die Serie auf eine grandiose Geschichte zurückblicken. Soll sie aber die Nummer eins im Motorsport bleiben, müssen die Verantwortlichen dringend handeln. Denn der Glanz verblasst.

An einem windigen, aber sonnigen Sonntag im Mai 1950 pilgern 150.000 Menschen ins englische Silverstone zu einem zur Rennstrecke umgebauten Militärflugzeugplatz. Die Menge bildet selbst im damals schon motorsportverliebten Großbritannien eine Rekordkulisse. Am Start zum allerersten Rennen der Formel-1-Weltmeisterschaft stehen 22 zigarrenförmige Rennwagen. Die sind zwar bis zu 300 Kilometer in der Stunde schnell, verfügen aber jenseits der Bremsen über keinerlei nennenswerte Sicherheitstechnik.

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Silverstone, 13. Mai 1950: Nino Farina gewinnt im Alfa Romeo das erste Formel-1-Rennen der Geschichte.

(Foto: imago/United Archives International)

Die Piloten sitzen unangeschnallt in offenen Einsitzern und tragen nur einen simplen Helm zum gut brennbaren Rennoverall. Dass die zumeist westeuropäischen Fahrer oft wohlhabend und schon etwas älter sind, verraten ihre teils kräftigen Bäuche. Der 43-jährige Italiener Nino Farina gewinnt den Grand Prix mit seinem überlegenen Alfa Romeo aus der ersten Startreihe und geht später im Jahr, am Ende von gerade einmal sieben Wertungsläufen, als erster Formel-1-Weltmeister in die Geschichte ein.

Der unterhaltsame Auftakt der neuen Motorsportserie ist kein leeres Versprechen. Es folgen fünf Jahrzehnte voller packender Rennen. Motorsportenthusiasten mehrerer Generationen erfreuen sich weltweit an den Dramen auf und neben der Rennstrecke genauso wie am Erfindungsreichtum der Rennsportingenieure in dieser so technikbegeisterten Epoche. Die Piloten gelten in dieser Zeit als todesmutige Draufgänger.

Wenige erlangen Reichtum und Weltruhm. Viele Männer sterben oder erleiden schwerste Verletzungen bei dem Versuch, in den Motorsportolymp zu rasen. Der Österreicher Jochen Rindt wird Ende 1970 gar Weltmeister, obwohl er beim viertletzten Rennen der Saison tödlich verunglückt ist - das aber mit einem großen Punktevorsprung. Zur Wahrheit gehört, dass Formel-1-Fans die verunglückten Champions oft besonders verehren - Rindt, Jim Clark, Gilles Villeneuve, Ayrton Senna und der wundersam überlebende Niki Lauda sind nur die schillerndsten Namen. Zum Ende des zweiten Jahrtausends schreibt die Formel 1 epische und archaische Heldengeschichten.

Auf dem absteigenden Ast?

Exakt 998 Rennen nach ihren ersten 70 Runden in Silverstone steht der Formel-1-Zirkus an diesem Sonntag (ab 8.10 Uhr unserer Zeit bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) vor einem besonderen Jubiläum. Und es ist ein Fingerzeig, dass die Saisonplaner Shanghai als Schauplatz des tausendsten Rennens gewählt haben - China, Land der Zukunft. Schließlich scheint diese der Formel 1 keineswegs gewiss. Der Glanz der vergangenen Jahrzehnte ist dahin. Das gilt auch aus deutscher Perspektive. Das Interesse hat in den Jahren nach der Michael-Schumacher-Ära nachgelassen. Die Saison 2017 kam ganz ohne Grand Prix in der Heimat des Mercedes-Rennstalls und von Vierfachweltmeister Sebastian Vettel aus.

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Er fehlt: Michael Schumacher.

Ist die Formel 1 auf dem absteigenden Ast? Das ist eine Frage der Perspektive, die Rennserie ist noch immer gut im Geschäft. Allein die Besitzer von Liberty Media generieren jährlich 1,8 Milliarden Dollar mit Werbung, Übertragungsrechten und den Antrittsgebühren, die Streckenbetreiber entrichten müssen. Hinzu kommen Werbeeinnahmen der Teams und Fahrer. Als Vermarktungsplattform bleibt die globale Marke Formel 1 attraktiv. Im Schnitt 80.000 Besucher bei jedem der 21 Rennsonntage sowie - je nach Quelle und Rechnung - 325 bis 500 Millionen Fernsehzuschauer sind beachtlich. Dennoch: Die Formel 1 hat Federn gelassen, der Glanz vergangener Zeiten ist weg und Rennstrecken mit mehr als 100.000 Plätzen haben zuweilen Not, leere Tribünen zu kaschieren.

Der Bedeutungsverlust hat Gründe, angefangen bei Vermarktung und Präsentation über Regeln und Renngeschehen bis hin zu Teams und Fahrern. Mit dem Verkauf der Rechte des langjährigen Zampanos Bernie Ecclestone an die Amerikaner von Liberty Media im Jahr 2016 verbanden sich große Erwartungen. Zwar hatte Ecclestone die Formel 1 zu dem Multimilliarden-Dollar-Geschäft aufgebaut, das sie heute ist. Aber um den Preis, dass die Serie in den 90ern viel von ihrem hemdsärmeligen, schmieröltriefenden Charakter verlor.

Aufstieg zur globalen Marke Fluch und Segen

Der Aufstieg zur globalen Marke ist für die Formel 1 Fluch und Segen. Da geht es ihr wie den anderen großen Sportarten, nur war Motorsport nie ein Volkssport. Er bezog seine Popularität aus der Faszination für Technik und Geschwindigkeit sowie für die immer präsente Todesgefahr. Auch hier fällt der Formel 1 ihr Erfolg auf die Füße: Sie ist relativ sicher geworden. Die Monoposto bewegen sich für das ungeübte Auge wie auf Schienen. Technisch wären höhere Geschwindigkeiten umsetzbar. Doch seit Jahren bremst sich die Formel 1 über das Reglement selbst aus, eben weil niemand mehr zu Tode kommen soll.

Sicherheit ist ein Gewinn, schmälert aber - so zynisch es ist- nun einmal die Show. Hier haben viele Akteure auf Liberty Media gehofft: Wer schließlich kann Show besser als die Amerikaner, bei denen die Basketball-, Football und Baseball-Spiele seit Jahren die Rahmenhandlung für ein konsumfreudiges Familienevent bilden? Ein erster Schritt der neuen Eigner war eine umfassende Social-Media-Offensive. Es ist beinahe grotesk, wie lange die Formel 1 hier praktisch nicht stattfand, sieht man einmal von Lewis Hamilton ab, dem charismatischen Serienweltmeister mit mehr als 10 Instagram-Millionen Abonnenten.

Das Feld muss dringend zusammenrücken

Mit dem neuen Angebot namens F1 TV kann auch endlich die nicht an fixe Zeiten gewöhnte Youtube-Generation die Rennen sehen, wann sie möchte. Auch RTL bietet den Service, ganze Rennen erst später im Netz zu sehen, seit einigen Jahren an. Die Präsentation bleibt allerdings altbacken: Eben weil Autos und Reifen immer besser geworden sind, die Motoren kleiner und damit leiser, lässt sich die enorme Beschleunigung die schier unmenschliche physische Belastung beim Bremsen oder in Kurven am Bildschirm kaum wahrnehmen.

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Dreieinhalb Kilo in einem Rennen: Nico Rosberg.

(Foto: imago images / Motorsport Images)

Jüngst erzählte beiläufig Nico Rosberg, wie er beim Grand Prix im schwülheißen Singapur einmal 3,5 Kilo verlor. Mehr als fünf Prozent Körpergewicht binnen eineinhalb Stunden, einfach weg. Die Vermarkter müssen sich dringend etwas einfallen lassen, wie die körperliche Extrembelastung für die Fahrer sichtbar wird. Im Zeitalter von Fitbits, Augmented Reality und VR-Brillen muss doch mehr möglich sein als eine lineare TV-Übertragung im Stil der 90er-Jahre.

Allerdings auch die atemberaubendsten Bilder und Datenaufbereitungen bringen nichts, wenn auf der Strecke nichts passiert: Das Feld muss dringend zusammenrücken. Kleine Teams degradieren sich entweder selbst zu inoffiziellen Testteams ihrer Motorenlieferanten, wie Sauber und Toro Rosso oder sie fahren hoffnungslos hinterher - so wie das traditionsreiche Williams-Team. Ferrari, Mercedes und Red Bull kämpfen mit einem Vielfachen an Geld und Personal um Siege. Es ist sieben Jahre her, dass ein Fahrer aus einem anderen Stall als Mercedes, Ferrari oder Red Bull ein Rennen gewann.

Auf Dauer nicht wirklich spannend

Das Trio fährt spätestens seit der Einführung der überkomplexen Hybridmotoren in einer eigenen Liga. Wer verliert, so wie in den vergangenen Jahren Ferrari und Red Bull, hat hunderte Millionen Euro in den Sand gesetzt. Beide Rennställe drohten daher in den vergangenen Jahren mit einem Ausstieg aus der Formel 1, um die Spielregeln zu ihren Gunsten zu ändern, nicht für einen offeneren Wettbewerb. Doch auch Mercedes konnte von seinem einmaligen Lauf nicht wirklich profitieren: Die Frage, welcher der beiden Mercedes-Fahrer am Ende den Titel holte, war auf Dauer nicht wirklich spannend.

Bitter, nachdem Mercedes so viel in den Aufbau seines Teams investiert hat. Die aktuellen Motoren zu entwickeln, kostete jeden Hersteller etwa 100 Millionen Euro. Die Technik dahinter ist exquisit. Aber außerhalb der ganz harten Fanszene weiß kein Mensch, mit welcher Finesse die Motoren zusätzliche Kraft aus der Bremsenergie und der heißen Turboluft schöpfen. Muss auch niemand verstehen, zumal diese Technik auch im Straßenverkehr so keine Rolle spielt. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, die Technik von morgen werde in der Konkurrenzserie Formel E entwickelt und eingesetzt, wo die Autos ausschließlich mit Elektroantrieb fahren - zu geringeren Kosten.

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Jung und gut: Max Verstappen.

(Foto: REUTERS)

Wären da noch die Fahrer: Die Kostenexplosion der vergangen Jahre hat das Modell Bezahlfahrer eine Zeit lang Überhand nehmen lassen. Halbwegs schnelle Jungs, die eigene Sponsoren mitbrachten, bekamen eher ein Cockpit als die schnellsten Fahrer ohne Geld. Wie kann sich eine Weltmeisterschaft derart selbst sabotieren, indem das Können der Athleten nicht mehr allein ausschlaggebend ist? Glücklicherweise hat sich dieser Trend gewandelt. Lange waren nicht so viele junge Talente in der Formel 1 unterwegs wie 2019. Nach dem vielversprechenden Max Verstappen sitzen mit Charles Leclerc und Pierre Gasly nun zwei weitere Hochkaräter in einem Topauto. Hinzukommen die schnellen Neulinge Lando Norris, George Russell und Alexander Albon. Und dann wäre da noch ein gewisser Mick Schumacher.

Eine neue Generation junger Männer übernimmt allmählich. Ambitionierte Charaktere, die Geschichten und Geschichte schreiben wollen. Wenn sie halbwegs gleich starke Autos und mittelfristig auch einmal weibliche Mitbewerber bekommen, sind der Formel 1 weitere erfolgreiche Jahre sicher. Verdient hätte es dieser packende Sport allemal. In diesem Sinne: Happy Birthday and pedal to the Metal! Glückwunsch zum Geburtstag und Vollgas!

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Quelle: n-tv.de

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