Formel1

Vettel hat Narrenfreiheit Ferraris peinliche Krise schadet nur Leclerc

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Leclerc und Vettel sind ob des schwachen Autos macht - und auch sprachlos.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency)

Ferrari steckt in einer der größten Krisen seiner Formel-1-Geschichte. Weil das Auto so schlecht ist, haben Sebastian Vettel und Charles Leclerc ihre Ruhe. Doch auf den Monegassen kommen schwere Zeiten zu - auch, weil der Deutsche als Sündenbock wegfällt.

Um zu verstehen, wie schlecht es um Ferrari bestellt ist, reicht es zwar, an einem Formel-1-Sonntag den Fernseher einzuschalten. Der Schweregrad der Krise wird aber auch bei einem Blick auf die Statistik deutlich. Magere 27 Punkte haben Sebastian Vettel und Charles Leclerc in den ersten drei Saisonrennen gesammelt. Schlechter kamen die Roten nur 2009 aus den Puschen, als Kimi Räikkönen und Felipe Massa nach drei Läufen ganz mit leeren Händen dastanden.

Dabei war schon 2019 für Ferrari eine herbe Enttäuschung gewesen, nachdem Vettel in den Jahren zuvor Mercedes-Star Lewis Hamilton immerhin bis ins letzte Saisondrittel gefordert hatte. Doch dann belegte er im Vorjahr in der Fahrer-WM nur Rang fünf hinter dem aufstrebenden Leclerc. In der Konstrukteurs-WM wurden die Roten mit riesigem Rückstand auf Mercedes Zweiter. Aber immerhin Zweiter.

2020 folgt nun der Absturz ins Mittelfeld. Ferrari ist hinter Mercedes, Red Bull und Racing Point zurzeit maximal vierte Kraft, muss sich im Mittelfeld mit McLaren, Renault, teilweise auch AlphaTauri herumplagen. Es läuft in etwa so mies wie im Katastrophen-Jahr 2009, als die Scuderia hinter Brawn, Red Bull und McLaren zurückgefallen war. Damals aber konnte sich Ferrari damit entschuldigen, dass brandneue Regeln galten und man die Entwicklung des Autos wegen eines intensiven WM-Kampfes 2008 (samt Konstrukteurs-Titel) nicht bestmöglich hinbekommen hatte.

Bolide ist eine totale Fehlkonstruktion

Dieses Jahr sind die Regeln genau gleich wie in den letzten Jahren. Und trotzdem hat Ferrari mit dem SF1000 eine totale Fehlkonstruktion gebaut. Aerodynamisch ist die Scuderia Welten von Mercedes entfernt, das erste Update fruchtete auch nicht wie erhofft. In Sachen Motor ist Ferrari ebenfalls nicht mehr der Branchenprimus, seit der Weltverband Fia die Sprit-Schummelei der Scuderia verboten hat. 40 bis 45 PS fehlen nach RTL-Recherchen auf Mercedes.

Dass Ferrari mit dem Gesamtpaket SF1000 so ins Klo gegriffen hat, hängt aber auch mit der Struktur des Teams zusammen. Teamchef Mattia Binotto sprechen viele Kritiker die Fähigkeiten seines Mercedes-Pendants Toto Wolff ab: ein Team energisch zu führen und die Aufgaben respektive die Verantwortlichkeiten klar zu verteilen. Außerdem halste sich Binotto neben der Rolle als Teamchef auch noch die Jobs als Technik- und Motorchef auf. Augenscheinlich zu viel für den begabten Ingenieur.

Binotto in der Krise

Krisen-Maßnahme Nummer 1: Ferrari hat künftig eine Abteilung für Leistungsentwicklung. "Dieser Schritt war notwendig, um eine klarere Arbeitsteilung zu bekommen", begründete Binotto die teilweise Neuaufstellung. Es dürfte nicht die letzte Maßnahme gewesen sein. Schon nach dem Ungarn-Debakel, als beide Ferrari überrundet wurden, hatte der Scuderia-Capo angekündigt: "Alles kommt auf den Prüfstand." Ob sich Binotto damit auch selbst meinte? Klar ist: Kriegt Ferrari nicht wenigstens halbwegs fix die Kurve, wird sich der 50-jährige Italiener nicht halten können.

Im Vergleich zu Binotto haben die beiden Fahrer trotz der Misere geradezu ihre Ruhe. Vettel genießt sowieso Narrenfreiheit, seit sein Aus in Rot feststeht. Aber auch Leclerc muss sich noch nicht vor den Gerichten der Tifosi und der Gazetten verantworten. Weil das Auto einfach so mies ist, bringt man in Italien derzeit erstaunlich viel Verständnis für die Piloten auf.

Das wird allerdings nicht für immer so bleiben. Leclerc muss sich mittelfristig auf ganz schwere Jahre bei Ferrari einstellen. Die Regeln sind bis Ende 2021 eingefroren, dass das Cavallino Rampante bis dahin große Sprünge macht, ist nicht zu erwarten. Und: Durch den ab kommender Saison geltenden Budget-Deckel müssen die Roten künftig sparen.

Druck lastet auf Leclerc

Die Aussichten sind also alles andere als rosig, dabei lasten speziell auf Leclerc gewaltige Erwartungen. Seit er Vettel in seinem ersten Ferrari-Jahr geschlagen hat, himmeln die Tifosi den jungen Monegassen fast schon als PS-Heiland an. In Italien erwartet man von dem jungen Monegassen, dass er die Scuderia zurück zu Titeln führt. Wie aber soll das angesichts der gegenwärtigen Miseria Rossa bloß gehen?

*Datenschutz

Um Leclercs Mammutaufgabe einzuordnen: Er soll schaffen, woran Formel-1-Größen wie Vettel (2014-2020), Fernando Alonso (2010-2013) und Alain Prost (1990/91) gescheitert sind - Ferrari aus dem Tal der Tränen zurück auf den Thron führen. Ziemlich viel für einen 22-Jährigen, auch wenn Leclerc fraglos hochtalentiert ist und die nötige Kompromisslosigkeit mitbringt, die es braucht, um ganz vorne zu landen.

Leclercs Leistungen in den ersten drei Rennen waren gemischt. Einem famosen zweiten Platz zum Auftakt folgte sein völlig unnötiger Rammstoß gegen Vettel im zweiten Spielberg-Rennen. In Ungarn landete er auch wegen einer verpatzten Strategie außerhalb der Punkte auf Platz elf. Im Qualifying-Duell mit dem abgeschobenen Vettel liegt Leclerc 1:2 hinten. Noch ist es ruhig, doch Leclerc muss noch in dieser Saison - speziell im Duell mit Vettel - liefern, um nicht selbst ins Kreuzfeuer der Kritiker zu geraten.

2021 wird der Monegasse zusammen mit Carlos Sainz junior eines der jüngsten und unerfahrensten Fahrerduos bilden, das Ferrari je hatte. Der viermalige Weltmeister Vettel fällt bei Schelte als Sündenbock weg, von der etatmäßigen Nummer zwei, Sainz, erwartet erst einmal niemand irgendwelche Wundertaten. Der Druck wird auf Leclerc lasten. Wie der Scuderia-Prinz damit klarkommt, hängt vor allem davon ab, ob es Ferrari gelingt, aus seiner roten Gurke wieder ein schnelles Rennauto zu machen.

Quelle: ntv.de